WM-Analyse: Schweiz - Mit Erfahrung ins Viertelfinale

Gelson Fernandes hat schon einiges gesehen von der Fußball-Welt. Foto: dpa

Gelson Fernandes ist ein Riesentyp mit einer bunt-bewegten Fußballer-Vergangenheit. Ob im Verein bei Eintracht Frankfurt oder in der Nati - der Schweizer gibt immer alles was...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Wenn die Schweiz am 22. Juni gegen Serbien antritt, ist Gelson Fernandes selbstredend dabei. Wenngleich seine Chancen auf einen Einsatz in der Nati auch bei diesem wichtigen Kick um den Platz in der K.o.-Runde hinter Gruppenfavorit Brasilien nicht eben hoch ist. Der 31-Jährige hat einen Hort an Erfahrung im Fußball-Business - und ist deshalb auch auf der Bank ein wertvolles Mosaikstückchen im Schweizer Plan von einer erfolgreichen Weltmeisterschaft.

Für Fernandes ist es schon das fünfte große Turnier. Der Mittelfeldspieler war schon 2008 bei der Europameisterschaft im eigenen Land dabei, fehlte seitdem bei keiner EM oder WM, für die sich die Schweizer qualifizierten. Davon hatte er als Fünfjähriger noch nicht träumen wollen. Da lebte er noch mit seinen Eltern auf den Kapverdischen Inseln - bis sein Vater in der Schweiz einen Job fand und die Familie ihm hinterher reiste.

Wandervogel auf Tour durch halb Europa

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Beim FC Sion hat Gelson Fernandes seine Art Fußball zu spielen gelernt, wurde gefördert, 2004 in die erste Mannschaft berufen, zwei Jahre später schnupperte er erstmals Erstliga-Luft. Seitdem hat der überzeugte Eidgenosse - "ich fühle mich in der Schweiz am wohlsten, hier kann ich ich sein", sagte er in einem Interview kurz vor Beginn der WM - einiges erlebt. "Ich bin immer meinem Herzen gefolgt", urteilt der Eintrachtler, der in der Branche als Wandervogel gilt.

Sein Herz brachte ihn aus der Wahl-Heimat nach Italien (Chievo Verona, Udinese Calcio), Frankreich (Saint-Étienne, Stade Rennes), England (Manchester City, Leicester City), Portugal (Sporting Lissabon) und Deutschland (SC Freiburg, Eintracht Frankfurt). Ein reichhaltiger Erfahrungsschatz aus Abstiegskampf, Integrationsproblemen, Europa-League-Erlebnissen, Verletzungen, Bank- und Tribünenaufenthalten, Rassismusdebatten und zuletzt dem DFB-Pokalsieg türmte sich auf. Zudem spricht der rustikale Abräumer vor der Abwehr sieben Sprachen. Um sich in seinem Lebensalltag verständigen zu können, lässt er sich beim Vokabelnlernen nicht lange bitten.

Ein unermüdlicher Rackerer

Dass Fernandes ein Spiel lesen kann, ist für den technisch limitierten Sechser unglaublich wertvoll. Klar, die Grätsche hat er genauso im Gepäck wie den öffnenden Pass. Dass der gebürtige Kapverde viele Pässe bereits in der Entstehung abfangen kann, zudem auf dem Rasen unermüdlich ackert und Bälle auch einfach abläuft - es sind die Stärken, die in der vergangenen Saison in Frankfurt gefragt waren und von der auch die Nati in Russland profitieren kann. "Einmal Viertelfinale" - es ist das große Ziel der Bergnation, der größte Erfolg der Eidgenossen im internationalen Fußball. Trotz eines Vorrunden 1:0 gegen den späteren Weltmeister Spanien, bei dem Gelson Fernandes das entscheidende Tor erzielte, war 2010 in Südafrika bereits in der Gruppe Endstation. In Brasilien war Argentinien im Achtelfinale eine Nummer zu groß.

Mit der Erfahrung aus mehr als 430 Ligaspielen könnte Fernandes ein entscheidender Faktor im Achtelfinale, das als Minimalziel ausgerufen wurde, sein. Mit seinen ungewöhnlichen Aktionen hat sich der 31-Jährige immer wieder als heimlicher Anführer geoutet. So schrieb er vor ein paar Jahren mal Briefe an alle Spieler, um auf den vermeintlich schlechten Teamgeist aufmerksam zu machen. In Verona rief er zu einer Fanveranstaltung gegen Rassismus auf, nachdem sein Auto mit Beleidigungen beschmiert war. Bekommt er schon gegen Serbien seine Chance, will Fernandes da sein - wie immer, wenn er auf sein Herz hört.