WM-Analyse: Russland - Geld ist da, Nachwuchs nicht

Alexander Samedow ist Mittelfeldmotor und Kopf des russischen Aufbauspiels. Foto: dpa

Alexander Samedow ist im russischen Team gesetzt. Er ist ein Paradebeispiel für einen russischen Profi, der nie im Ausland gespielt hat und sich aus der Moskauer Talentschmiede...

Anzeige

. Von Björn-Christian Schüßler

Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Nationalteam könnten in Russland eigentlich nicht besser sein. Das weiß auch Alexander Samedow. Der Mittelfeldspieler, der bei dieser WM in der Sbornaja gesetzt ist, weiß aber auch: Voraussetzungen allein reichen nicht, man muss daraus auch etwas machen.

Allein in Moskau buhlen fünf Fußballvereine mit großer Tradition um die Gunst der rund zwölf Millionen Einwohner. Dynamo, Spartak, ZSKA und Lokomotive Moskau haben in den vergangenen Jahren auch auf dem europäischen Parkett für Furore gesorgt. Doch der große Boom, um die Talente in die rund ein Dutzend Fußballschulen und Klubinternate zu spülen, bleibt aus. Weil die russische Nationalmannschaft schon lange auf ein großes Turnier mit noch größeren Erfolgen wartet. Und weil alle Vereine viel zu wenig Geld in die Nachwuchsförderung stecken. Solange die Oligarchen und Ölmilliardäre ihre Scheinchen lieber in England oder Italien investieren, wird sich daran vermutlich nichts ändern. Doch Samedow und seine Kollegen, die einen beachtlichen Altersschnitt von knapp 30 Jahren haben, werden nicht ewig spielen können.

Der Mittelfeldmotor, der im letzten WM-Test gegen die Türkei beim unbefriedigenden 1:1 das russische Tor beisteuerte, ist eigentlich ein gutes Beispiel, wie man mit ein bisschen, aber nicht übermäßigem fußballerischem Talent eine ruhmreiche Karriere absolvieren kann und gleichzeitig als Vorbild für jüngere Spieler in der heimischen Liga fungieren kann. Samedow hat seine Spuren im Uefa-Cup, in der nachfolgenden Europa League und zuletzt auch in der Champions League hinterlassen, feierte Meistertitel (2017) und Pokaltriumphe (2003, 2007, 2015) – und das alles, ohne sportlich überhaupt aus der russischen Metropole Moskau herauszukommen.

Anzeige

Spartak, Lokomotive, Dynamo, Lokomotive, Spartak – mit wenigen Worten steht die Spielerkarriere, die Alexander Samedow stets eine Unterstützung seiner Interessen und die Förderung seiner Fähigkeiten zukommen ließ. Seit 2011 spielt der 1,77 Meter große Moskauer mit dem starken rechten Fuß im Nationalteam, lieferte sowohl bei der WM 2014 in Brasilien als auch bei der Euro 2016 in Frankreich ordentliche Leistungen ab - und konnte die erbärmlichen Ergebnisse der völlig überalterten Sbornaja doch nicht verhindern.

Vor dem Heimturnier betonte der 33-Jährige , dass der Heimvorteil allein dem russischen Team nicht viel nutzen werde, wenn nicht bald der Turnaround im Nachwuchsbereich folge. Dafür kassierte der Moskauer zwar reichlich Kritik, der WM-Kaderplatz war aber nie in Gefahr. Weil Samedow Recht hat. Die Voraussetzungen für einen goldenen Fußballerjahrgang wären allein in Moskau wie im Schlaraffenland, würde das durchaus vorhandene Geld sinnvoll investiert. Doch wenn diese WM 2018 keinen Boom auslöse, könnte Russland schon bald bei einem großen Turnier nur die Zuschauerrolle einnehmen. Mit alten Recken wie Samedow auf der heimischen Couch.