WM 2014 - Rehbergs Analyse zu USA-Deutschland

Jogi Löw und Jürgen Klinsmann klatschen sich nach dem Spiel zwischen Deutschland und den USA ab. Foto: dpa

Klinsmann Amerikaner haben sich beim 0:1 gegen die deutsche Nationalmannschaft in den ersten 20 Minuten mit einer auf der Strafraumlinie festgenagelten Sechserabwehrkette zur...

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. Von Reinhard Rehberg

Jürgen Klinsmann gilt als innovativ. Allerdings weniger in taktischen Belangen. Das hat sich geändert. Gegen sein Heimatland hat der Nationaltrainer der USA eine neue Abwehrvariante erfunden. Wir haben bei dieser WM die Wiedergeburt der Dreierabwehrreihe erlebt, die Viererkette ist bekannt, Costa Rica ist mit der Fünferkette ins Achtelfinale eingezogen. Klinsmann Amerikaner haben sich beim 0:1 gegen die deutsche Nationalmannschaft in den ersten 20 Minuten mit einer auf der Strafraumlinie festgenagelten Sechserabwehrkette zur Wehr gesetzt. Hätte Joachim Löw geahnt, dass der Kumpel aus dem Schwabenland einen derart destruktiven Matchplan im Sinn hat, der deutsche Bundestrainer hätte wahrscheinlich anders aufgestellt.

Denn in dieser bislang besten Ballbesitzphase der DFB-Elf bei diesem Turnier bespielten Löws Männer diesen amerikanischen Abwehrwall technisch brillant, mit kreativem Passspiel, mit viel Bewegung, mit vielen Positionsrochaden, mit klugen Seitenverlagerungen, mit glänzenden Durchbrüchen über den rechten Flügel und mit einigen prächtigen Flanken. Die Sache hatte nur einen Haken: Im Angriffszentrum fehlte das Ziel, sprich der Abnehmer, die Spezialkraft für den letzten Kontakt im Strafraum. Beim Stand von 0:0 zur Pause reagierte der Bundestrainer auf die Strafraumflaute. Torjäger Miroslav Klose kam aufs Feld, das 1:0 durch Thomas Müller fiel zügig nach einer kurz ausgeführten Eckballvariante - und danach stellten die Deutschen ihre Offensivbemühungen ein. Der kopfballstarke und abschlusssichere Altmeister Klose war da, aber es kamen bis zum Abpfiff keine Flanken mehr. Dumm gelaufen.

Schweinsteiger als Antreiber

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Die deutsche Mannschaft hat das Achtelfinale erreicht, so ganz schlau wird man aus dem Talentensemble aber immer noch nicht. Der Eindruck drängt sich auf: Die Löw-Elf kann, wenn sie muss - lässt der Ergebnisdruck nach, dann ist die Bereitschaft, umgehend zwei, drei Gänge zurückzuschalten, ausgeprägt. Nennen wir es einfach mal wohlwollend: clever. Die K.o.-Spiele werden die Wahrheit offenbaren über die Mentalität dieses Teams. Eine Steigerung war da gegen die USA, eine weitere Steigerung wird notwendig sein, Steigerungspotenzial ist erkennbar.

Diese ersten 20 Minuten weisen den Weg. Die Deutschen traten konzentriert auf, dominant, spielfreudig, auch extrem aufmerksam in der Absicherung nach hinten. Bastian Scheinsteiger war ein kämpferischer Antreiber, Toni Kroos streute starke Pässe, Thomas Müller rannte und rochierte, Mesut Özil fand bespielbare Räume, Außenverteidiger Jerome Boateng machte Druck am rechten Flügel. In dieser spielerisch überzeugenden Phase hätte man gerne Miroslav Klose im Sturmzentrum gesehen. Und vielleicht auch eine kreativere und kombinationsfähigere Besetzung am linken Flügel: Lukas Podolski und Benedikt Höwedes passten nicht zu diesem Flachpasswirbel. Überspitzt formuliert hatten zwei Spieler in diesen 90 Minuten überhaupt keine Aufgabe: Der defensiv nicht beschäftigte und offensiv nicht mit den notwendigen Fähigkeiten ausgestattete deutsche Linksverteidiger Benedikt Höwedes (überhaupt: vier Innenverteidigerhünen hätte es an diesem Tag nicht gebraucht, drei hätten es auch getan) - und Klinsmanns gegen den Ball träger und im Ballbesitz nicht anwesender Mittelstürmer Clint Dempsey.

Tempodrosselung nach dem 1:0

Als die nach 20 Minuten etwas mutiger werdenden Amerikaner ihre kurze Ballbesitzphase hatten vor der Pause, da hätte für die deutsche Mannschaft die Chance bestanden, über schnelle offensive Umschaltaktionen zu Torchancen zu kommen. Doch dafür braucht es aktive Balleroberungen. Die gab es kaum. Die DFB-Elf stand defensiv gut organisiert, teilweise zu tief gestaffelt, aber sicher. Der scharfe Zugriff fehlte, der ballführende Amerikaner geriet zu selten unter Druck, die Deutschen stellten "nur" die Passwege zu. Das kann und sollte im Achtelfinale gegen die wilden, wie um ihr Leben rennenden und grätschenden Algerier besser werden. Schweinsteiger lieferte sich krachende Zweikämpfe mit Jermain Jones, Kroos und der verunsichert wirkende Philipp Lahm liefen oft nur mit. Die defensive Kontrolle war da, aber die Dominanz im Mittelfeldzentrum ging verloren.

Warum die Deutschen nach dem erlösenden 1:0 sofort - ausgehend von den Innenverteidigern Per Mertesacker und Mats Hummels - auf Ergebnisverwaltung umstellten, statt noch für wenigstens eine Viertelstunde den Schwung mitzunehmen, das lässt sich nur schwer erklären. Die Elf brachte sich mit der massiven Tempodrosselung selbst aus dem Rhythmus und in den letzten zwei Spielminuten sogar noch in Ergebnisgefahr. Unnötig. Man spart mit dieser Gangart keine Kräfte. Denn nach überflüssigen Ballverlusten ohne Körperspannung rennt man im Vollsprint die ganz weiten Wege - nach hinten. Und die Nerven vibrieren.