WM 2014 - Frankreich: Zwischen heute und gestern

Paul Pogba. Foto: dpa

Samba, Karneval, Zuckerhut? Wenn Franzosen an Brasilien denken, fallen bestimmt auch diese Stichwörter. Doch vor allem kommt ihnen der Abend des 12. Juli 1998 in den Kopf. Der...

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. Von Andreas Trapp

Es ist 22.51 Uhr, als Schiedsrichter Said Belqola aus Marokko die Pfeife im Stade de France in den Mund nimmt, das Finale um die Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich abpfeift und der Jubel in eben jenem Land keine Grenzen mehr kennt. Der arc de triomphe ist illuminiert, auf der Tribüne streckt Staatschef Chirac jubelnd die Arme in den Nachthimmel und auch im Fernsehen lassen die Kommentatoren ihren Gefühlen freien Lauf.

"Frankreich ist Weltmeister! Glaubt ihr das? Frankreich ist Weltmeister!", entfährt es TF1-Kommentator Thierry Roland, gefolgt von der legendären Äußerung "Je crois qu'après avoir vu ça, on peut mourir tranquille. Enfin, le plus tard possible, mais on peut. Ah c'est super. Quel pied, ah quel pied! Oh putain! Olalala! Oh, c’est pas vrai, c’est pas vrai." ("Ich glaube, nachdem wir das gesehen haben, können wir in Ruhe sterben. Zwar so spät wie möglich, aber wir können. Ach ist das super, ist das geil, ist das geil! Verdammter Scheiß! Olalala! Oh, das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein!"). Erst sein Kollege und Mitkommentator Jean-Michel Larqué kann ihn etwas besänftigen.

Zwei Kopfballtore von Zinedine Zidane und ein erfolgreich abgeschlossener Konter von Emmanuel Petit besiegeln den 3:0-Sieg gegen keinen geringeren, als die Mannschaft von Trainer Mario Zagallo: Brasilien, den Titelverteidiger. Der erste und bisher auch einzige Weltmeistertitel für die Grande Nation. "Orgasme tricolore" wird das Journal "France-Soir" am nächsten Tag titeln.

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Zwei Jahre später gelingt der goldenen Generation um Zidane, Barthez, Blanc und Henry bei der EM in den Niederlanden und Belgien ein Novum: erstmals wird der amtierende Welt- auch Europameister.

Sieg über die Ukraine

Die Gegenwart indes sieht anders aus. Nur mit Glück gelang den Franzosen die Qualifikation zur WM-Endrunde in Brasilien. Nach einer 0:2-Niederlage im Relegationshinspiel gegen die Ukraine standen die Mannen von Deschamps bereits vor dem Aus, ehe ein entfesselter Auftritt im Rückspiel doch noch die Wende brachte: Die Ukraine wurde mit 3:0 bezwungen.

Und wenn man so will, begann die WM 2014 für Frankreich so, wie die zurückliegende Endrunde vor vier Jahren in Südafrika geendet hatte - mit einem Skandal. Während die Mannschaft nach Querelen und Trainingsboykott 2010 bereits in der Vorrunde ausgeschieden war, sorgte diesmal eine Spielerfrau für Unruhe.

"Fuck Deschamps"

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Nachdem Nationaltrainer Didier Deschamps am 13. Mai das vorläufige Aufgebot bekannt gegeben hatte, echauffierte sich Anara Atanes recht derbe über Twitter: "Fuck France and fuck Deschamps! What a shit manager!", twitterte das 25-jährige Dessous-Model. Bereits einen Tag später zeigte die Britin etwas Reue und schrieb: "Ich entschuldige mich, falls ich jemanden in Frankreich beleidigt haben sollte. Meine Tweets waren nicht gegen Frankreich als gesamtes Land gerichtet." Eine Entschuldigung in Richtung Deschamps gab es jedoch nicht.

Atanes ist Model und Freundin von Samir Nasri, 41-facher französischer Nationalspieler. Dieser spielte in England eine mehr als ansehnliche Saison für Manchester City und trug mit dazu bei, dass die Citizens sich als Meister krönen konnten. Doch Deschamps sah für ihn keine Verwendung für die WM.

Desweiteren gilt es den Ausfall von Europas Fußballer des Jahres, Franck Ribéry, zu verkraften. Der Dribbelkünstler vom FC Bayern musste aufgrund anhaltender Rückenprobleme seine Teilnahme am Turnier kurzfristig absagen.

Pogba hat Potenzial

Unterschätzen sollte man die Franzosen jedoch nicht. Vor allem die Offensive birgt auch ohne Ribéry Klasse in sich: Karim Benzema, Olivier Giroud oder Loic Rémy haben in der zurückliegenden Saison 17, 16 bzw. 14 Tore für ihre Vereine erzielt. Und die gehören mit zur Crème de la Crème des Weltfußballs: Real Madrid (Benzema), Arsenal London (Giroud) und Newcastle United (Rémy). Für Furore kann zudem Mittelfeldmann Paul Pogba, 21-jähriges Talent von Juventus Turin, sorgen. Die Gruppe mit Honduras, Ecuador und der Schweiz sollte die Équipe Tricolore auf jeden Fall überstehen. Ein Wiedersehen mit Brasilien könnte es dann entweder im Halbfinale oder im Finale geben.

Kapitän der erfolgreichen Weltmeister-Elf von 1998 war übrigens der heutige Trainer, Didier Deschamps. Mit Brasilien kennt sich der 45-Jährige also aus.

Am nächsten Spieltag widmen wir uns dem Deutschland-Spiel gegen Portugal und dem Iran.