Wie groß sollte eine Volontärin sein?

Maßband. Foto: fotolia

Ob ein Zentimeter mehr oder weniger beim Schreiben eines spannenden Artikel entscheidend ist, ist nicht belegt. Fest steht: Ein nicht erreichtes "Gardemaß" kann grenzwertig sein.

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. Pilotin? Schwierig! Polizistin? Auch schwierig, so wie bei vielen anderen Berufen auch, bei denen eine Mindestgröße verlangt wird. Ich bin einfach zu klein. Meine 163 Zentimeter - auf jeden einzelnen Zentimeter bin ich im Übrigen sehr stolz! - sind grenzwertig.

Aber Journalistin? Man braucht doch nicht viele Zentimeter, um auf dem Computer spannende Geschichten zu tippen. Hauptsache, die Finger haben kein Zwergen-Format. Okay, zugegeben, bei Interviews musste ich manchmal zu meinem an Zentimeter überlegenen Gesprächspartner aufschauen. Doch da dies eher die Ausnahme ist, lässt sich damit leben.

Dann kommt sie, die Wand

Anders sieht es aus, wenn die Volontärin verlagsintern die Seiten wechselt. Aus einer Reporterin, die Storys recherchiert und diese dann für den Leser in Worte gießt, wird ein Editor. Der ist im crossmedialen Zeitalter ein Blattmacher, der mit den Reporter-Geschichten die Zeitungsseiten des nächsten Tages baut. Solange die Seiten nur auf meinem Bildschirm sind, ist alles wunderbar. Dann habe ich freie Sicht auf die Buchstaben.

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Aber dann kommt sie. Die Wand. Jetzt bräuchte ich dringend einen plötzlichen Wachstumsschub. Die Zeitungsseiten, die ich produziere, werden ausgedruckt und hängen als Papierkopie an der Wand. Im Kollegen-Kreis wird jetzt über die Seiten beraten. Ich dränge mich mit vier, fünf Kollegen an der Wand. Wir stehen alle im Halbkreis. Die Kleinste nach vorne. Allzu oft bin ich das. "Sehen Sie überhaupt etwas?" Wie ich diese nett gemeinte Frage liebe! Fast jeden Tag höre ich sie, manchmal mehrmals an einem Tag.

Der Zwerg, der gar nicht so klein ist

Die Seiten hängen wieder "auf Augenhöhe". Natürlich nicht auf meiner Augenhöhe, sondern auf derjenigen der "Riesen". Riesen - das sind für meine Maßstäbe keine langen Schlackse im Dirk-Nowitzki-Format, deren Mütter den Babys scheinbar einst Miraculix-ähnlich einen Zaubertrank ins Fläschchen gemixt haben, damit aus ihren süßen Wonneproppen stattliche Riesenbabys werden. Nein jeder, der mindestens über ein "Gardemaß" von 1, 70 Meter verfügt, ist für mich ein Riese. Alles eine Frage der Perspektive eben.

Die Riesen sehen Fehler sofort an der Wand. Der Zwerg, der ja eigentlich gar nicht so klein ist, ist froh, wenn er überhaupt die Seiten sieht. Ich dränge nach vorne, stelle mich mit meinen Stiefeln auf die Zehenspitzen, schaue nach oben, hüpfe von einem Fuß auf den anderen.

Irgendwann nehme ich mir mal ein Leiterchen mit. Oder ich hänge meine Seiten mal ganz nach unten. Dann ziehe ich die Riesen auf mein Zwergenniveau herab. Ganz sicher!

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Claudia Wößner