Von Mast und Last der Volontäre

Ein Stück Kuchen mit Kaffetasse. Archivfoto: vrm

Von Ihnen wird knallharte Anpassung verlangt. Neue Situationen, neue Redaktionen, neue Einsatzorte, neues Essen. Bei Letzterem zeigt sich, dass das Leben des...

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. Journalisten müssen im Berufsleben sehr flexibel sein. Auch von uns Volontären wird im Job täglich vieles abverlangt, meist alles gleichzeitig und am besten schon vorgestern. Da ist es wichtig, schnell umzuschalten, die ganze Konzentration von einer Sache auf die nächste zu verlegen und sich ad hoc auf neue Situationen, neue Redaktionen, neue Einsatzorte, einzustellen.

In Hotels ist Vollmast angesagt

Knallharte Anpassung wird von uns auch verlangt, wenn es um das Essen geht. Mal ist das Kantinenessen zu fettig, mal ist gerade nicht genug Geld in der Börse, um sich auf Terminen etwas Anständiges zu kaufen, mal fehlt die Zeit, kurz durchzuatmen und sich dabei fix etwas zwischen die Zähne zu schieben. Doch die größte Diskrepanz müssen wir bewältigen, wenn wir außer Haus auf Seminaren sind. Dann nämlich schwimmen wir zwischen zwei Extremen.

Beispiel Vier-Sterne-Hotel: Ob in der Pfalz oder an der Mosel, in diesen Hotels geht es neben journalistischer Bildung auch um die Volomast. Gefühlt sind wir an einem Seminartag manchmal länger mit Essen beschäftigt, als dass wir mit Wissen gefüttert werden. Unsere Selbstdisziplin wird dann auf eine harte Probe gestellt, denn immer gilt: All you can eat.

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Grundlage für einen denkintensiven Tag

So richtet sich der Tag nach den Mahlzeiten: Morgens stolpern wir zum großen Frühstücksbuffet, um uns mit Brot und Brötchen, Müsli, Joghurt, Obst, Käse, Wurst und Marmelade die beste Grundlage für den denkintensiven Tag zu schaffen. Zwei Stunden später werden zum Kaffee fettreiche Leckerlis gereicht: Croissants, Pain au chocolat, Törtchen. Mittags lassen wir uns dann bereitwillig zum warmen Buffet schieben, um uns in der Kaffeepause Sahnetorte und Himbeerschnitte zu gönnen. Natürlich, Sie ahnen es schon, gibt es nach zwei Stunden schon wieder ein warmes Abendbuffet.

Diese Mast fordert vom einen oder anderen Tribut. Daher siegt am nächsten Morgen das Längerschlafen vor dem Joggen. Ein kleines Zeitfenster aber muss offen bleiben: Um das hervorragende Frühstücksbuffet vor Seminarbeginn noch mitzunehmen.

Doch es geht auch anders

Das andere Extrem erlebten wir kürzlich in einer kleinen Stadt an der Saar. Das Mittagessen sollten wir in einer so benannten Ristorante einnehmen. Das klang gut, nach Pizza, Pasta, mediterraner Küche. Doch der vermeintliche Edelitaliener entpuppte sich als echte Herausforderung für Magen und Geduld. Das vegetarische Spaghettigericht mit Tomatensoße kam als fleischhaltige Variante daher. Was drei Vegetarier und einen Moslem in die Bredouille brachte. Die Teller gingen zurück, um kurz darauf mit Tomatensoße wieder auf die Tische zu purzeln. "Purzeln", weil der Kellner ob der angekündigten Verköstigung von 30 hungrigen Volontären mit 30 vorbestellten Essen schnell ins Schleudern geriet.

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Soweit nicht schlimm, wäre nicht nach einigen Minuten aufgefallen, dass nicht nur manche Gabel benutzt aussah, sondern auch der Parmesankäse in der Plastikreibe bereits ein Eigenleben führt und uns unverhohlen durch das transparente Plastikgehäuse entgegenwinkt. Da hatten ihn die Kollegen aber schon eifrig über ihre Nudeln geflockt und verschlungen. Eine Volontärin, die das rechtzeitig erkannte und beim Kellner frische Spaghetti und unbegrauten Parmesan bestellte, erhielt zur Strafe nur eine halbe Portion. Ordnung muss schließlich sein!

Flucht in den Zweckoptimusmus

Auffällig war aber nicht nur das unfreundliche Personal. Ins Auge fielen etwa auch der blutige Ärmel des Kellners und die gesprungene Tasse, aus der unaufhaltsam der so genannte Cappuccino tropfte - in Wirklichkeit Kaffee mit einem Hauch von Fertigsprühsahne. Das mit Analogkäse überbackene Parmesanschnitzel und seine Panade erinnerten in ihrer Konsistenz mehr an Toastys. Den Werbe-Slogan "Don’t call it Schnitzel" hätten wir hierfür ohne Zögern unterschrieben. Ein Kollege übte sich im Zweckoptimismus und lobte den Vorteil des Analogkäses: Je weniger natürliche Stoffe drin sind, desto weniger kann kaputt gehen, mutmaßte er. Das Eigenleben des anscheinend echten Parmesans hatte diese Annahme bereits bestätigte.

Die Folgen dieses Ausflugs in die kulinarische Welt an der Saar: Die einen verbrachten das Seminar mit Magenkrämpfen, die anderen die Nacht im Wachkoma.

Doch solche Erlebnisse beweisen auch: Wir Nachwuchsjournalisten leben berufsbedingt gefährlich. Für unser Ableben ergeben sich zwei mögliche Szenarien: entweder, wir erliegen einer Vergiftung oder wir platzen.

Silvia Bielert