Tayfun Korkut: Ein Taktikfuchs scheitert an Mainz 05

Auch ein Taktik-Fuchs: Thomas Tuchel. Foto: Sascha Kopp

Ein guter Trainer soll ja auch ein Täuscher, Trickser und Fallensteller sein. Das nennt man dann gerne einen Taktikfuchs. Reinhard Rehberg beleuchtet in seinem Blogbeitrag, wie...

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. Ein guter Trainer soll ja auch ein Täuscher, Trickser und Fallensteller sein. Das nennt man dann gerne einen Taktikfuchs. Das sind diese Schlawiner, die sich häufig etwas ausdenken, womit der gegnerische Kollege nicht gerechnet hat und womit dessen Mannschaft dann auch überhaupt nicht gut klar kommt. Tayfun Korkut, der neue Chefcoach von Hannover 96, ist das am Freitagabend in der Coface Arena gelungen. Mit dem Ergebnis, dass seine Elf stark gespielt hat, den FSV Mainz 05 vor turmhohe Probleme gestellt hat - und für diesen fußballerisch bemerkenswerten Auftritt beinahe eine fette Packung kassiert hätte. Warum? Weil Fußball eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit ist: Man kann mit der Kugel sehr viel richtig machen - und man kann trotzdem nahezu chancenlos verlieren. Und zwar dann, wenn man bei aller Dominanz wenig aufs gegnerische Tor schießt und dazu noch in ganz speziellen Situationen extrem schlecht verteidigt. Das haben die Hannoveraner beim 0:2 in Mainz nahezu lehrbuchreif vorgeführt.

Wir spinnen mal

Wir spinnen mal. Wir stellen uns vor, dass der junge Tayfun Korkut in der Zeitung gelesen hat, dass der ihm aus alten Stuttgarter Zeiten bekannte Kollege Thomas Tuchel fest damit rechnet, dass der Gegner in der Coface Arena mit einem eklig fiesen Defensiv- und Konterkonzept antritt. Also mit einer tief angelegten und engmaschig organisierten Wagenburgstellung, immer lauernd auf Konter. Also hat sich Korkut überlegt: Überraschen wir den Schwabenkumpel doch mal, stellen wir dem Mainzer Matchplanmeister doch mal eine Falle, machen wir einfach genau das Gegenteil von dem, was der Thomas erwartet.

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Das sah dann über lange Phasen dieser Partie so aus, dass Hannover 96 extrem nach vorne orientiert verteidigte, aggressiv presste, mutig und glänzend organisiert das Spiel machte, die Kugel unermüdlich nach vorne trieb, am Ende 61 Prozent Ballbesitz auswies (gegenüber den dünnen 39 Prozent der eigentlich als Ballbesitzmannschaft bekannten Gastgeber), phasenweise sehr viel Druck ausübte, sehr flexibel, kombinationssicher und technisch gekonnt angriff und sich in diesen Segmenten Bestnoten verdiente.

Gigantisches Chancenplus

Aber, und das ist tatsächlich kurios: Die 05er, die an einem ihrer nicht ganz so tollen Tage alle Hände voll zu tun hatten, sich tapfer und mit viel Leidenschaft zu verteidigen, hätten diese Partie locker auch mit 3:0, 4:0 oder 5:0 gewinnen können. Basierend auf einem gigantischen Chancenplus. Das resultierte aus: Konterfußball. Gegen eine mutige Hannoveraner Elf, die vergaß, dass zu einem nett anzuschauenden Ballbesitzkonzept mit forscher Nachvorneverteidigung auch eine rückwärtige Absicherung gehört. Das defensive Umschaltspiel der mit viel Personal angreifenden Gäste war sorglos, nennen wir es naiv. Auch schon in der ersten Halbzeit. Nach Ballverlusten war das Korkut-Team in den hinteren Räumen anfällig wie eine verwitterte Scheune in einem Jahrhundertwirbelsturm. Ein denkwürdiger Abend. Ein erinnerungswürdiges Fußballspiel, das so völlig anders ablief, als von den Experten erwartet. Mit einem bitteren Ende für den Trickser Korkut. Und mit einem fröhlichen Ende für Tuchel, der sich nach dem Abpfiff nicht groß anmerken ließ, dass vom erdachten Matchplan, der auf einen ruhigen, geduldigen, präzisen, konstruktiven Ballbesitzfußball abzielte, wenig übrig geblieben war.

Doch auch das gehört zu einem schlauen und erfahrenen "Schlachtenlenker": Tuchel akzeptierte die Mittelfeldqualität, die Überlegenheit des Gegners, der 05-Coach stellte nach einer Stunde um auf das in erster Linie auswärts gern praktizierte 4-4-2 mit der Konterraute im Mittelfeld - und ab diesem Zeitpunkt regnete es offensive Umschaltüberfälle und Torchancen. Ein glänzender Schachzug. Defensiv schlossen die 05er in dieser Anordnung das Zentrum besser, die Abstände wurden enger, insbesondere im Zentrum. Die aktiven Balleroberungen nahmen zu. Und dann liefen die Umschaltzüge. Aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Immer munter hinein in weit geöffnete Räume, oft auch in Überzahl. Zwischen der 65. und 84. Minute hatten die 05er sieben(!) werthaltige Torabschlüsse. Weil die 05er nicht trafen, blieb es spannend, dramatisch bis zur Schlusssekunde. Dann schob Einwechselspieler Maxim Choupo-Moting, chirurgisch präzise freigespielt von den Edeljokern Ja-Cheol Koo und Niki Zimling, die Kugel zum erlösenden 2:0 über die Linie. Feierstimmung in der Arena. Die Leute tobten vor Begeisterung.

Tödlicher Pass durch die Beine

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Übrigens: Auch das 1:0 durch Yunus Malli kurz nach der Pause entsprang einem Konter, überragend eingeleitet von Nicolai Müller. Der seinen torvorbereitenden Sololauf startete mit einem frechen Beinschuss tief in der eigenen Hälfte und abschloss mit einem tödlichen Pass durch die Beine seines Gegenspielers am gegnerischen Strafraum. Ein doppelter Beinschuss in höchstem Tempo. Wäre da Lionel Messi am Ball gewesen, die Radioreporter hätten "Weltklasse, Fußball von einem anderen Stern" geschrieen.

Das Fundament für diesen Heimsieg war die Tatsache, dass die in der Spieleröffnung und im Aufbau lange unsicheren (von den Hannoveranern auch wirkungsvoll gestörten), in der Raumaufteilung in der ersten Halbzeit überhaupt nicht eng gestaffelten Mainzer an diesem Abend exzellent verteidigten. Der im Stellungsspiel souveräne und im Zweikampf enorm geschickte Johannes Geis als Vorposten und die Abwehrzentrale mit den dominanten Nikolce Noveski und Stefan Bell überragten. Auch der in der Raute im linken Mittelfeld spielende Konterspezialist Müller lieferte defensiv ein Malocherpensum ab. Und das galt auch für den jungen Benedikt Saller, der bei seinem Startelfdebüt nacheinander gleich drei Positionen abzuarbeiten hatte: zunächst als Rechtsaußen in der offensiven Dreierreihe (nicht so sein Ding), nach der Pause neben Geis auf der Doppelsechs (besser), dann in der Raute im halbrechten Mittelfeld (sehr gut).

Korkut scheitert grandios

Hannover 96? Zwei Torabschlüsse, davon einer geschenkt. Und Sekunden vor dem 2:0 für die Heimelf eine turbulente Szene im Mainzer Strafraum. Ende. Lange gekonnt kombiniert und angerannt, null Ertrag. Tayfun Korkut war im Ergebnis grandios gescheitert mit seinem Überraschungstrick. Dass das Tuchel-Team mal mit 39 Prozent Ballbesitz einen dem Chancenverhältnis nach hoch verdienten Sieg ansteuern könnte, das hätte man bis dahin fast für unmöglich gehalten. An diesem Abend regierte die Mainzer Umschaltwucht. Wobei anzumerken bleibt, dass die 05er ab dem 1:0 viel von ihrer Heimspielüberzeugung zurückgewannen, dann insgesamt stabiler, passsicherer, schneller, zielstrebiger Fußball spielten.