Suche nach dem Sozialen im Netzwerk

Eine Seite des Online-Netzwerks Facebook. Archivfoto: dpa

Millionenfach wird in Onlineprofilen von sozialen Netzwerken das Innerste nach außen gekehrt. Bloß wie verhält man sich auf den Spielplätzen der Selbstinszenierung am besten?

Anzeige

. Millionenfach wird in Onlineprofilen das Innerste nach außen gekehrt. Die Unsicherheit darüber, was mit den Daten passiert, ist eine Sache. Was mit dem Selbstverständnis von der eigenen Identität geschieht, ist eine andere Sache. Längst ist die Identität im Netz nicht mehr anonym, sondern in die Öffentlichkeit gerückt. Das hat den Vorzug zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Doch plötzlich wird das digitale Image zu einer Marke, die gepflegt und verkauft werden muss. Bloß wie verhält man sich auf den Spielplätzen der Selbstinszenierung am besten?

Wenn Trennwände einstürzen

Zunächst einmal verlangt selbst das gewissenhafte Ausfüllen einer Profilseite nach einer intensiven Selbstbesinnung. Allein die Auswahl der Bilder sowie Vorlieben bei Musik, Filmen und Freizeitbeschäftigungen will wohl überlegt sein. Doch es geht noch weiter: Was poste ich? In welchen Abständen? Zu welcher Uhrzeit? Und wenn ich etwas kommentiere, wie offen gebe ich meine Meinung Preis? Hinzu kommt die Auswahl der Freunde, die nicht weniger wichtig ist, als im echten Leben. Nur dass es bei Facebook jeder sieht.

Während man im echten Leben verschieden Gruppen, mit denen man verkehrt, voneinander trennt und auch die Informationen über sich selbst unterschiedlich gefiltert weiter gibt, sind bei Facebook alle in einem Topf. Natürlich, man kann verschiedene Listen erstellen, einzelne Menschen für Bilder, Pinnwand oder Chat sperren. Doch das ist mühselig. Außerdem: wer möchte seine Vorgesetzten für Teile seiner virtuellen Persönlichkeit sperren und ihnen das Gefühl geben "Die hat doch sicher was zu verbergen"?

Anzeige

Facebook-Freunde, die unbekannten Wesen

Ich bleibe mal bei mir. Neulich habe ich mir an einem verregneten Sonntag die Mühe gemacht, meine Pinnwand bis zum ersten Post zurückzublättern. Es hat etwa eine Stunde gedauert, bis ich zurück zu dem denkwürdigen, historischen Moment gelangt bin, als ich meine Seele an die Internet-Krake Facebook verkauft habe: Es war der 22. Juli 2009 um 23.23 Uhr. Über was ich dabei alles gestolpert bin, was ich mal gepostet oder kommentiert habe, war mitunter amüsant bis - sagen wir vorsichtig - interessant.

Während Facebook für mich ursprünglich ein rein privates Netzwerk für Freunde war, ist es inzwischen ein unübersichtlicher öffentlicher Marktplatz, auf dem sich mittlerweile verschiedene Ebenen meines Lebens treffen, die ich im echten Leben niemals verknüpfen würde. Das liegt auch daran, dass sich zu den eigentlichen Freunde plötzlich Freunde von Freunden, Bekannte, "wichtige Leute", Institutionen, Partyreihen und und und gesellen. Und in diesem Leute-Wust schleichen sich allmählich unbekannte Wesen ein oder solche, die mit der Zeit zu Karteileichen mutieren.

In den letzten neun Monate als Volontärin haben sich außerdem diverse Kollegen in meinem virtuellen Freundeskreis eingenistet. Das reicht von anderen Volontären und Redakteuren über Mitarbeitern aus der Personalabteilung bis zum Chefredakteur. Ab und an kommen auch Anfragen von Kollegen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob wir uns in der Kantine oder auf der Straße grüßen würden. Nicht weil wir uns anfeinden, sondern weil wir uns schlichtweg nicht kennen. Dass ich diese Anfragen bekomme, ist im Grunde genommen nicht schlimm. Als Journalistin bin ich schließlich von Natur aus kontaktfreudig und neugierig auf neue Menschen. Vielleicht lernen wir uns ja irgendwann tatsächlich mal kennen.

Gute Miene zu gefährlichem Spiel

Anzeige

Diese Freundschaftswelle hat mich aber dazu motiviert, mein Profil zu überarbeiten. Das Ergebnis war, dass ich mich selbst radikal zensiert habe. Denn in der Tat, ich habe was zu verbergen. Und das ist auch gut so. Beim nächsten Regensonntag werde ich auch die Freundesliste entschlacken. Warum ich der Datenkrake nicht ganz den Rücken zukehre? Ganz einfach, weil ich nicht eine digitale Kluft fallen will. Kommunikation und die Verbreitung von Informationen verändern sich. Schließlich kann man über das Internet via Facebook oder auch Twitter und Youtube zum Reporter werden. Dass Netzwerken auch beruflich wichtig ist, steht außer Frage. Es ist gut in Verbindung mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zu stehen, um etwa an Insider-Informationen zu kommen, die andere vielleicht nicht bekommen oder sich Anregungen für mögliche Themen zu holen. Dennoch bleibt die Frage offen, wo das Soziale in Social Networks bleibt. Vermutlich ist es besser, sich das vorzugsweise aus dem Offline-Leben runterzuladen.

Carina Schmidt