Steigende Inzidenzen - droht jetzt eine Frühsommerwelle?

aus Coronavirus-Pandemie

Thema folgen
Corona-Tests in einem Labor.  Symbolfoto: dpa

Mehr als zwei Jahre Pandemie-Erfahrung legen steigende Inzidenzen im Herbst nahe. Doch schon jetzt gehen die Zahlen deutlich hoch. So schätzen Fachleute die Situation ein.

Anzeige

BERLIN. Der Sommer hat 2020 und 2021 für ein zwischenzeitliches Aufatmen in der Corona-Pandemie gesorgt. Doch dieses Jahr verunsichert das zuletzt sich wieder verschärfende Infektionsgeschehen viele. Das Robert Koch-Institut (RKI) warnt vor wachsendem Infektionsdruck. Fragen und Antworten zum dritten Corona-Sommer.

Warum steigen die Zahlen wieder? Zum einen ist da der Omikron-Subtyp BA.5, der stetig zulegt. Er sei „noch ansteckungsfähiger als alle Varianten zuvor, kann sich also auch unter den für das Virus widrigen Bedingungen im Sommer verbreiten“, erklärt Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Auch vollständig Geimpfte seien nicht vor einer Infektion gefeit. Auf der anderen Seite gibt es kaum noch Beschränkungen. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen verweist auf höhere Mobilität und mehr Kontakte. Auch die nun bei vielen länger zurückliegende Impfung spiele eine Rolle: „Die Immunität hat im Schnitt abgenommen, vor schweren Erkrankungen sollte aber noch ein deutlicher Schutz vorhanden sein“, sagt Zeeb.

Gibt es weitere Gründe für die steigende Inzidenz? Ja, rein statistische – wegen der weitgehend eingestellten Meldungen der Gesundheitsämter an Wochenenden unterliegt der Wert nun noch stärkeren Verzerrungen. Das RKI meldet erst am Dienstagmorgen die Zahlen vom Wochenende, was die Inzidenz an diesem Tag zusätzlich nach oben treibt. Hinzu kamen zuletzt die Verzerrungen durch die Feiertage wie Pfingsten.

Anzeige

Droht eine Frühsommerwelle? Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, ist sicher: Einstellige Inzidenzen wie etwa im vergangenen Sommer wird es dieses Jahr nicht geben. „Die Inzidenzen werden – wie aktuell zu sehen – bei einigen Hundert liegen. Dafür ist Omikron zu ansteckend.“ Er geht davon aus, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung noch nicht mit Omikron infiziert hat. „Da die Impfung nicht so gut vor der reinen Ansteckung schützt, hat das Virus also noch ausreichend Potenzial, Menschen zu infizieren.“ Ob BA.5 Inzidenzen von über 1000 verursachen werde, sei aktuell aber noch schwer abzuschätzen. „Die Möglichkeit einer Sommerwelle besteht aber“, sagt er.

Verläuft die Entwicklung wie in Portugal? Nicht zwangsläufig seien ebenso hohe Zahlen wie in Portugal zu erwarten, wo derzeit europaweit die höchsten Inzidenzen ausgewiesen werden, sagen die Fachleute. Dort gehen die Zahlen übrigens gerade schon wieder zurück. Generell zu berücksichtigen beim europäischen Vergleich: In mehreren Ländern, Spanien zum Beispiel, wird Corona inzwischen quasi wie eine Grippe behandelt – die Infektionszahlen werden somit nicht mehr wie hierzulande erfasst.

Lässt sich so eine Welle irgendwie bremsen? „Aus meiner Sicht ist es kaum möglich, außer mit sehr drastischen Maßnahmen aktuell steuernd einzugreifen“, befindet Zeeb. Insbesondere die Risikogruppen wie ältere Menschen sollten deshalb aktiv zur Booster-Impfung aufgerufen werden. Konkret sieht Ulrichs in der Wiedereinführung von Schutz-Maßnahmen wie dem flächendeckenden Maskentragen die einzige Möglichkeit, den aktuellen Trend zu bremsen. Dazu fehlen derzeit aber die rechtlichen Möglichkeiten. Ohnehin ist unklar, ob solche Maßnahmen nötig wären – denn stark steigende Infektionszahlen sagen noch nichts darüber aus, wie stark die Krankheitslast steigt.

Anzeige

Wie dramatisch ist der aktuelle Anstieg? Auch wenn die Zahlen Wachsamkeit erfordern, einen Grund zur Panik sehen die Fachleute nicht. Von einem „moderaten“ Anstieg der Infektionszahlen spricht etwa Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Zeeb sagt, es werde zwar mehr Infektionen geben, da aber BA.5 nach aktuellem Kenntnisstand klinisch ähnlich verlaufe wie vorherige Omikron-Varianten, dürfte es meist bei milden Verläufen bleiben. In der Summe könne es wieder etwas mehr Hospitalisierungen und auch Todesfälle geben – eine Überlastung des Gesundheitswesens steht aus seiner Sicht aber nicht bevor.

Wie ist die Lage in den Kliniken? Auch Kluge befindet mit Blick auf Normal- und Intensivstationen, wegen der wohl eher milden Verläufe durch Omikron-Sublinien sei eine deutliche Belastung des Gesundheitssystems im Sommer eher unwahrscheinlich. Dennoch bedeute eine hohe Anzahl von positiven Patienten auch für Normalstationen eine deutliche Mehrbelastung. Auf den Intensivstationen zeichnet sich gerade eine Art „Plateaubildung“ ab: Nach bis zu 4900 Corona-Intensivpatienten im Dezember und knapp 2300 Ende Mörz sank die Zahl bis Ende Mai auf rund 650. Um diesen Wert schwankt die Zahl derzeit. Im vergangenen Sommer lag die Zahl auf dem Tiefststand im Juli bei um die 350.

Unsere Deutschlandkarte zeigt Ihnen immer auf Ebene der Kreise sowie kreisfreien Städte, wo der Inzidenzwert aktuell liegt. Weitere Zahlen erfahren Sie mit einem Klick auf den jeweiligen Kreis oder die jeweilige Stadt. Mit dem Menü unterhalb des Titels können Sie zudem nach Altersgruppen filtern. Grundlage sind die Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI). Alle wichtigen Daten zum Thema finden Sie hier, alle Hintergrund-Infos und die neusten Entwicklungen hier in unserem immer aktuellen Dossier!