Sehnsucht nach Genschman

Lindner will nicht mehr, Guttenberg will wieder, Wulff wollte ein Haus bauen und war deshalb auf der Suche nach Geld. Aber sind wir das nicht irgendwie alle? Wir wissen nicht,...

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. Es ist ja durchaus kein abwegiger Gedanke, dass man in angenehme Gefilde entflieht, zum Beispiel nach Brasilien, angesichts der in Deutschland derzeit herrschenden wüsten Witterung, so dachte sich offensichtlich auch die wunderbare Bausparkasse Wüstenrot, wozu sie aufgrund ihres Namens ja fast schon verpflichtet ist. Nun müssen wir aber voller Entsetzen in der Süddeutschen Zeitung lesen, dass die Bausparkasse "Ausschweifungen von Vertriebskräften" auf jener Reise prüfe, wobei einem ja bereits bei dem Begriff "Vertrieb" ein bisschen mulmig werden kann. Die Fahrt habe eine "Ehrung für besonders verdiente Mitarbeiter" sein sollen, womit wir den eigentlich Wienerischen Begriff "habe die Ehre" mit ganz anderen Augen sehen, da wir lesen, dass sich mindestens drei Vertriebler Prostituierte mit aufs Zimmer genommen haben sollen. Dass sie dort versuchten, den Damen Riester-Renten zu verkaufen, erscheint eher unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie. Der typische Bauspar-Begriff "Anschlussfinanzierung" erscheint jetzt jedenfalls in ganz neuem Licht. In gewisser Weise beruhigen kann angesichts solch wilder Dinge nur der Slogan der in einem Verbund mit Wüstenrot stehenden Württembergischen Versicherung: "Die Vorsorge-Spezialisten".

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Im Prinzip ist so ein Bausparvertrag ja eine gute Sache. Das merkt man zum Beispiel daran, dass unser Bundespräsident Christian Wulff vermutlich keinen hatte und sich deshalb von einer Unternehmergattin Geld für ein Haus leihen musste. Ein Kredit halt. Aber manche meinen, damit habe er viel Kredit verspielt. Der Begriff "Ratenkredit" erscheint in neuem Licht: Bei Wulff beginne ein Abschied auf Raten, sagen viele.

So, das wird jetzt ein verdammt schwieriger Übergang. Also. Die FDP, wir Älteren erinnern uns. Fangen wir mal mit den guten Nachrichten an. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel ist noch im Amt. Auch ist nicht bekannt, dass die Partei für besonders verdiente Mitarbeiter, aktuelle oder gerade zurückgetretene, Belohnungsreisen nach irgendwohin geplant hätte, geschweige denn nach Brasilien, geschweige denn mit Bausparverträgen oder noch härteren Sachen. Generell regen wir eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition der Jahre 1969 - 82 an, mit Helmut Schmidt als Bundeskanzler und Hans-Dietrich Genscher als Vize und Außenminister. Genschman rettet die Welt. Sandra Maischberger würde dann Regierungssprecherin.

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Um es aber mal ganz deutlich zu sagen: Wenn wir FDP wären, ginge es uns tierisch auf den Geist, wenn so blonde Jünglinge wie der Herr Lindner in den Sack hauen, kaum, dass es mal stinkt und kracht. Weicheier! Softie-Generation! Das waren doch früher ganz andere Kerle. Bevor der Bundeskanzler Willy Brandt 1974 wegen des Spions Guillaume, der Brandt wegen Frauenaffären angeblich hätte erpressen können, zurücktrat, bot ihm sein Vizekanzler und Außenminister Walter Scheel (FDP) an, die ganze Sache könne man doch "auf einer Po-Backe abreiten". Das erscheint uns, mit Blick auf die in Rede stehende Problematik "Frauenaffären", zwar als nicht ganz unschwieriger Begriff, aber das ist doch wenigstens ein Wort!

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Man stelle sich vor, der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler, der kleine Doktor, wie wir ihn nennen, neigt sich vertrauensvoll zu Lindner und nuschelt: "Das reiten wir doch auf einer Po-Backe ab....". Undenkbar. Zumal sich die beiden angeblich ja ohnehin nicht mögen. Es könnte natürlich auch sein, dass der Herr Lindner ein ganz Ausgeschlafener ist und mit seinem Rücktritt einen Putsch gegen Rösler anheizen will. Wie dem auch sei: Was ist das Ende vom Lied? Wahrscheinlich muss der arme Brüderle mal wieder alles alleine machen. Aber der kriegt das schon hin. Keiner//ist wie Rainer.

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Irgendwie kommt uns das jetzt verdammt komisch vor, dass unmittelbar vor dem Lindner-Abgang ein anderer aus der Abteilung "mein Gott, was bin ich jung, sexy und gut" wieder mächtig nach vorne powert. Karl-Theodor zu Guttenberg, Dr. plag., wie manche ihn nennen, oder, auf Hessisch: Ei,. Gude, wie? Der gude Gutti wird Berater der EU-Kommission beim Thema Internet-Freiheit! Freiheit, immer gut. Wir fordern:Freier Blick auf‘s Mittelmeer, nieder mit den Alpen! (alter Sponti-Spruch). Guttenberg, fürwahr eines der größten Comebacks, seit Lazarus von den Toten auferstand. Unsere erste Reaktion: Hallo? Geht‘s noch? Herr Baron belieben zu scherzen? Ist Euer Merkwürden das viele Gel der frühen Jahre nicht bekommen, sondern irgendwie nach unten durchdiffundiert? Gepusht hat die ganze Sache Neelie Kroes, früher gefürchtete EU-Wettbewerbskommissarin, Niederländerin, jetzt zuständig für Kommunikation, kleine Plapper-Gouda. Neelie sagt, sie brauche keine Heiligen, sondern Talente. Gut. Verstehen wir. Frau Antje sucht junge unverbrauchte Kräfte.

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Wenn die Berater-Jobs jetzt so verteilt werden, hätten wir weitere Vorschläge. Dominique "für-die-Frauenquote-springe-ich-aus-jeder-Dusche" Strauss-Kahn wird Berater für Sauberkeit in Hotelzimmern. Mein Kater Bébé wird Berater für das Thema: Warum das frische Futter nie lange im Schüsselchen bleibt. Wüstenrot wird Berater für Brasilien. Und....Wie meinen? Nein! Christian Wulff wird nicht Berater für Bausparkredite! Leute, mal ein bisschen Respekt!