Rehbergs Analyse: Kampfspiel entspannt sportliche Situation -...

Wieder auf der Siegerstraße: Das Team von Mainz 05 feiert mit den Fans nach dem 2:0 gegen den VfL Wolfsburg. Foto: dpa

Sportlich haben die Spieler von Mainz 05 die Situation mit dem 2:0 gegen den VfL Wolfsburg deutlich entspannt, findet Reinhard Rehberg im Blog. Mit einer starken kämpferischen...

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. Irgendwann werden also in jedem Bundesligastadion in einem Regieraum auf der Haupttribüne zwei, drei Schiedsrichterveteranen sitzen und die letztinstanzlichen Entscheidungen fällen. Wie lange wird das dauern, bis die Verfassungsrichter sich da einig sind bei einer Szene wie der von Julian Draxler gegen Gonzalo Jara? Hohes Bein, sehr hoher Fuß, leichter Kickimpuls aus dem Unterschenkel in der Endbewegung, offene Stollen auf der Nase des aufrecht stehenden Gegenspielers…!? Gelb und letzte Verwarnung – oder Rot?

Der Unparteiische Daniel Siebert aus Berlin hat sich in der Coface Arena ohne Bedenkzeit und ohne Regieraum-Unterstützung für Platzverweis entschieden. Das war hart, aber kein Fehlurteil. Die Wolfsburger Dieter Hecking und Klaus Allofs hätten den an der Seitenlinie postierten vierten Offiziellen am liebsten gewürgt. Die 05er dürfen für sich konstatieren: Die Zeit war reif dafür, dass das Schicksal auch mal an die Mainzer auszahlt… Rote Karte nach 15 Minuten, eine krasser Torwartfehler nach einer halben Stunde, der den Gastgebern die Führung mit der ersten echten Torchance bescherte - und noch 60 Minuten in Überzahl gegen einen von der Champions League gestressten, mental und emotional uninspirierten Favoriten: Diese Spielstory hat den 2:0-Erfolg der 05er gegen den VfL Wolfsburg begünstigt. Und dafür müssen sich Spieler und Trainer nach den vielen unglücklichen Momenten in den vergangenen Wochen nicht entschuldigen.

Besonderer Teamgeist an besonderen Tagen

Eine alte Fußballweisheit sagt: Vom Verletzungspech geplagte Mannschaften haben an bestimmten Tagen gegen große Gegner einen besonderen Teamgeist. Das hat die Elf von Martin Schmidt ohne die erkrankten/verletzten Säulen Stefan Bell und Julian Baumgartlinger und mit den angeschlagenen Daniel Brosinski und Leon Balogun ausgestrahlt. Dazu kam Nervenstärke. Die 05er haben sich nach dem Platzverweis für den Wolfsburger Zehner Draxler nicht locken lassen, sie sind in ihrer defensiven Ordnung und in ihrem Umschalt-Matchplan geblieben, sie sind nicht gierig geworden, sie haben geduldig und leidenschaftlich auf die entscheidenden Offensivszenen hingearbeitet.

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Und das Team hat eine weitere Weisheit beherzigt: Wer einen Gegner, dem in seinem System ein Mann fehlt, nachhaltig beeindrucken und auf Strecke brechen will, der muss noch mehr laufen, noch aggressiver spielen, noch mehr Tempo aufziehen. Und genau mit diesem Ansatz, den auch der Zweitligist 1860 München gewählt hatte beim Überraschungscoup in der Coface Arena im DFB-Pokal, haben sich die Mainzer den Sieg nach der Pause in hohem Maße verdient. In der zweiten Halbzeit haben die 05er dem seelen- und ideenlos den eigenen Ballbesitz verwaltenden Champions-League-Teilnehmer und aktuellen Bundesligadritten richtig weh getan.

Kämpferische Vorstellung reißt auch Fans mit

Das 2:0 durch Yunus Malli, der nun schon seinen siebten Saisontreffer markiert hat, erneut als Endprodukt eines geradlinig durchgezogenen Konterzugs, war nur noch eine Frage der Zeit. Die 05-Anhänger, die ihren Spielern schon während des Aufwärmprogramms lautstark Mut eingeimpft haben, ließen sich mitreißen von dieser kämpferischen Vorstellung.

Und das weist in die Zukunft: Die Basis dieser Mannschaft ist die Defensive, ohne schlampige Abwehraktionen, ohne leichtfertig selbst verschuldete Gegentore öffnet sich wesentlich leichter die Tür zum Erfolg. Wenn auf dieser Grundlage in den Pressingzonen an den Seitenlinien und im Zentrum die Balleroberungen gelingen, dann resultieren daraus auch die offensiven Umschaltchancen. Das war in der ersten Halbzeit noch ausbaufähig. Nach der Pause brachten die 05er in den relevanten Räumen mehr Schärfe ins Spiel. In der Abwehrhöhe agierten die 05er diesmal flexibler, die Tendenz zur zügigen Tiefenstaffelung war immer noch erkennbar, aber nicht mehr ausschließlich.

Kein Schuss aufs Tor von Karius

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Hart auf die Probe gestellt wurde die letzte Reihe von den Wolfsburger Angreifern allerdings nie. Der Favorit hatte nicht eine einzige klare Torchance. Obwohl der VfL in Unterzahl an seinem Offensivkonzept nicht viel änderte - mit zwei Flügelstürmern und einem Mittelstürmer, mit dem anfänglichen Sechser Maximilian Arnold im Zehnerraum und zwei nach vorn orientierten Außenverteidigern.

Das beste Spiel in seiner 05-Zeit brachte Danny Latza auf den Rasen. Der vom Zweitligisten VfL Bochum gekommene Mittelfeldspieler hat sich angepasst an die Anforderungen in der Eliteliga. Der Techniker spult ein enormes Laufpensum ab, er hilft an den Seiten aus, er beißt, er hat Balleroberungen, er ist präsent im Zentrum, er spielt mit der angemessenen Handlungsgeschwindigkeit die klugen Pässe, mal kurz, mal diagonal lang. Und Nebenmann Jara zeigte erneut auf, dass er mehr kann als das Beil schwingen im Zweikampf, er kann auch flach und präzise durch die Mitte seine Pässe legen. Auch davon profitierten Malli, der arbeitswütige Yoshinori Muto und der unberechenbare, mit Longlifebatterien ausgestattete Pablo de Blasis. Mit 16 Punkten auf dem Konto haben die 05-Profis ihre Situation entspannt. Jetzt ist die Mainzer Führungsriege am Zug mit klaren Ansagen in eigener Sache.