Rehbergs Analyse: Der angeschlagene Boxer aus Bremen kommt

Viktor Skripnik. Foto: dpa

Die angeschlagenen Boxer: Angeblich sind sie besonders gefährlich. Der SV Werder Bremen ist angeschlagen - und tritt am Samstag bei Mainz 05 an. Zuletzt fehlte dem Team von...

Anzeige

. Wir steuern auf den 10. Spieltag zu, der angeschlagene SV Werder Bremen kreuzt am Samstag in der Coface Arena auf. Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Stimmt. Das war in der Vorsaison nicht anders: 10. Spieltag - Mainz 05 gegen Werder Bremen. Viktor Skripnik wird sich noch besonders gut an jenen 1. November 2014 erinnern: Erstes Spiel als Bundesligatrainer, erster Sieg, 2:1 in Mainz. Drei Tage zuvor war der ehemalige Werder-Profi in Bremen vom U23- zum Bundesligatrainer befördert worden.

Skripnik kam, sah und siegte

Skripnik hatte damals einen noch sieglosen Tabellenletzten übernommen, nur vier Punkte hatte diese Mannschaft auf dem Konto. Am 9. Spieltag hatte Werder zu Hause gegen den 1. FC Köln verloren, 0:1, das Tor schoss Anthony Ujah. Danach wurde Robin Dutt entlassen. Skripnik kam, sah und siegte. 2:1 beim von Kasper Hjulmand trainierten Tabellensechsten FSV Mainz 05. Nach zwei Toren vom inzwischen für Schalke 04 stürmenden Franco di Santo. Die Bremer beendeten die Saison als Zehnter mit 40 Zählern, einen Rang vor den punktgleichen 05ern. Bei denen in der Rückrunde der bodenständige Umschalt-Ultra Martin Schmidt den sturköpfigen Ballbesitz-Philosophen Hjulmand abgelöst hatte.

Ein Jahr ist vergangenen seit Skripniks Debüt. Am Samstag, wir schreiben den 24. Oktober 2015, kommt Werder als Tabellendrittletzter in die Coface Arena. Also mit ähnlichen Sorgen im Reisegepäck wie vor der damaligen Partie in Mainz. Fünf Spiele hintereinander haben die Bremer verloren. 0:1 gegen Ingolstadt, 1:2 in Darmstadt, 0:3 gegen Leverkusen, 0:1 in Hannover, zuletzt 0:1 gegen den FC Bayern im Weser-Stadion. Da hat Anthony Ujah, der ehemalige Mainzer und Kölner, der damals Robin Dutt abgeschossen hat, zwei Riesenchancen frei vor Manuel Neuer verballert. Und was sagte Skripnik nach der Pressekonferenz: Wenn er auch noch in Mainz verliere, dann werde Werder wohl danach gegen Borussia Dortmund nicht mehr mit Skripnik auf der Trainerbank antreten, „so ist das in Bremen“. Dem ließ der aufgewühlte Cheftrainer einen wirren Monlog folgen, der garniert war mit diversen Kraftausdrücken. Dann sprang er auf und entschwand grußlos.

Anzeige

Eichin: Rückendeckung oder Wortakrobatik?

Skripnik kassierte danach einen Rüffel von seinem Manager. „Viktor darf sich persönlich nicht so unter Druck setzen“, erklärte Thomas Eichin. „Viktor hat im Klub und auch bei mir die volle Rückendeckung.“ Ob das als Job-Garantie zu verstehen sei, fragte ein Fußballschreiber nach. Eichin: „Bei Werder wollen wir alle die Zukunft mit diesem Trainerteam gestalten.“ Die übliche Wortakrobatik, wenn sich ein Verantwortlicher nicht festnageln lassen will. Skripniks Anfang und Ende in Mainz? Ausgeschlossen ist das nicht.

In dieser angespannten Atmosphäre treten die Bremer nun also in der Coface Arena an. Wie ein angeschlagener Boxer. Aus dieser Sportart stammt die Weisheit, dass ein angeschlagener Kämpfer besonders gefährlich ist. Was sich in der Praxis eher selten bestätigt. Im Fußball passiert das relativ oft. Da gilt die Regel: Jede Serie geht mal zu Ende. Und die Bremer werden sich denken: Gerade in Mainz haben wir das doch schon mal geschafft… Zumal man festhalten muss: In Darmstadt, in Hannover und auch gegen die Bayern haben die Bremer nicht schlecht gespielt, da mischte sich jeweils auch fehlendes Matchglück in die Spielgeschichte ein.

Beispiel Hannover. Da parierte 96-Keeper Ron-Robert Zieler ein halbes Dutzend Bremer Topchancen, und als 96-Mittelfeldspieler Leon Andreasen beim Stand von 0:0 im eigenen Strafraum die Kugel an die Hand sprang, da entschied der Schiedsrichter auf Elfmeter für Werder – doch der Assistent überredete seinen Chef zur Rücknahme dieser Entscheidung. Sie erinnern sich: Wir sprechen hier von jenem Andreasen, der am vergangenen Wochenende mit einem eindeutigen Handtor in Köln den massiv unterlegenen Hannoveranern einen zweifelhaften 1:0-Sieg beschert hat. Dem Dänen, der 2007 mit den 05ern abgestiegen ist, rennt mit seinem 96-Team das Glück hinterher. Die Bremer fühlen sich vom Pech verfolgt.

Rückkehr des Oldtimers

Anzeige

Aber da wäre ja noch Claudio Pizarro. Gegen keinen anderen Gegner hat der listige Peruaner in seinen 16 Bundesliga-Spielzeiten mehr Tore geschossen als gegen Mainz 05. Seine große Karriere beim FC Bayern (neun Saisons mit vier Jahren Unterbrechung) hat der 37-Jährige in der Vorsaison am letzten Spieltag beendet mit einem Einsatz gegen die 05er. Da traf der Torjäger nicht mehr. Nun kickt der Oldtimer zum dritten Mal für die Elf von der Weser. Doch seit Pizarros gelungenem Kurzdebüt in Hoffenheim geht für die Bremer gar nichts mehr. Nach jenem 2:1 im Kraichgau, als Pizarro unmittelbar nach dem Abpfiff euphorisiert von Europapokal-Ambitionen sprach, begann die Niederlagenserie.

Der ehemalige U23-Coach Viktor Skripnik ist in Seenot geraten. Der ehemalige U23-Coach Martin Schmidt hat seinen Erfolgsschnitt gehalten und segelt in ruhigem Gewässer. Wäre da nicht die Führungskrise am Bruchweg. Dazu mehr im Blog am Freitag.