Rehbergs Analyse: Begeisterndes Fußball-Spektakel gegen Augsburg

Eines seiner 05-Tore: Christian Clemens verlädt FC-Augsburg-Keeper  Marwin Hitz. Foto: Sascha Kopp

Ein Umschalt-Festival mit vier Treffern für Mainz 05, 44 Punkte auf dem Konto, Schalke in der Tabelle überholt, den Vorsprung auf Wolfsburg vergrößert und begeisterte...

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. Als Intro die Mainzer Hofsänger mit rotem Jackett. „You´ll never walk alone.“ Dem feierlichen Männerchorgesang ließ das Fußballensemble in den roten Hemden ein turbulentes 4:2 gegen den FC Augsburg folgen. Singende und tanzende Menschen in der Coface Arena. „Olé, olé fiesta, fiesta hier am Rhein…“ 44 Punkte auf dem Konto. Und noch 18 Zähler im Verteilerkasten. Den FC Schalke 04 überholt in der Tabelle. Und den Vorsprung vor dem mit Werksmillionen gepamperten Real-Madrid-Gegner VfL Wolfsburg ausgebaut auf sechs Punkte. Und niemand schnappt über in Mainz. Kein Europapokalgegröle. Am Abend im ZDF-Sportstudio ein sympathisch bescheiden und inhaltlich überzeugend auftretender Cheftrainer Martin Schmidt, der Einiges vom dem vermittelte, was in dieser Mannschaft ein Feuer lodern lässt.

Die neue Bundesliga-Bewegung „Team Marktwert“, dieser Zusammenschluss von Traditionsklubs, die der Meinung sind, sie hätten mehr Fernsehgeld verdient als die angeblich weniger attraktiven Mainzer, macht sich lächerlich. Der marode, nur von einem Gönner vor der wirtschaftlichen Handlungsunfähigkeit bewahrte Hamburger SV, Werder Bremen, der VfB Stuttgart, die Frankfurter Eintracht, das sind „Marktwert-Teams“, die schon seit Jahren einige Millionen mehr in ihr kickendes Personal stecken als die 05er. Mit kümmerlichen Ergebnissen. Es kommt immer darauf an, was man aus der Kohle macht. Die Mainzer produzieren Leistung, Teamgeist, Begeisterung und Erfolg – und das alles ist finanziert mit Ausgaben, denen entsprechende Einnahmen gegenüber stehen.

Spektakel in der Coface Arena

Zum Spektakel in der Coface Arena trug auch der nicht minder seriös wirtschaftende FC Augsburg bei. Der mit seiner nicht minder befähigten Europaliga-Mannschaft deshalb verloren hat, weil belastende sportliche Situationen das Potenzial von Spielern immer wieder massiv eingrenzen. Den kopflastig auftretenden Augsburgern geht im härtesten Abstiegskampf seit vielen Jahren die Selbstverständlichkeit ab, die Sicherheit, die defensive Stabilität. Die 05er sind beflügelt von ihrer unbeschwerten Situation.

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Das führte in diesem Duell bei der Schmidt-Elf zu einer spielerischen Qualität, die es in diesem Stadion lange nicht mehr zu bestaunen gab. Die 05er fabrizierten Tore aus den bekannten Gegenpressingattacken nebst überfallartigen Sprintüberfällen, aber zum Beispiel der Treffer zum 1:1 war auch glänzend herauskombiniert. Diese taktische und spielerische Flexibilität kann diese Elf unberechenbar werden lassen. Zumal dann, wenn sich Offensivkönner wie die Doppeltorschützen Christian Clemens und Pablo de Blasis sowie Jhon Cordoba im letzten Saisondrittel an der oberen Grenze ihrer aktuellen Leistungsfähigkeit bewegen. Das Fehlen des gelb-gesperrten Topscorers Jairo machte sich überhaupt nicht bemerkbar. Den Chancen nach hätte diese aufregende Partie leicht auch 6:3 enden können.

Zu Beginn fehlte Baumgartlingers Balljagd

In der Startelf bemerkbar machte sich das Fehlen des gesundheitlich geschwächten Kapitäns. Die unerbittliche Balleroberungsjagd von Julian Baumgartlinger ist unersetzlich. Fabin Frei ist mehr ein tief stehender Zonenbewacher mit strategischem Gespür und gutem Passspiel. In der ersten Halbzeit lagen die Augsburger in der Zweikampfstatistik vorne. Da fehlte im Zentrum des Geschehens die Aggressivität Baumgartlingers. Der Zwischenstand von 2:2 hatte auch damit zu tun, dass das große Innenverteidigertalent Alexander Hack erstmals seiner Unerfahrenheit Tribut zollte. Wenn der in der Spieleröffnung exzellente 22-Jährige mal 30, 40 Bundesligaspiele in der Statistik hat, dann wird er sich nicht mehr so leicht aushebeln lassen wie bei der Entstehung der Gegentreffer zum 0:1 und 2:2, als er die jeweilige Zweikampfentwicklung nicht gut antizipierte und auch seinen mächtigen Körper zweimal nicht konsequent genug einsetzte.

Die Augsburger spielten mit. Nachvorneverteidigung, aggressives Angriffspressing, phasenweise mit drei, vier Mann in der vordersten Linie, nachschiebende Mittelfeldspieler, eine hoch stehende Abwehrreihe, in der Offensivhandlung fast immer drei Stürmer in der Endzone. Ein mutiger Ansatz für eine Mannschaft, der es gerade nicht sonderlich gut geht. Schmidts Matchplan passte perfekt zu dieser durch individuelle Fehlleistungen geschwächten Risikovariante des Kollegen Markus Weinzierl.

Augsburg vernachlässigt die Halbräume

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Die 05er wollten unter anderem die vom Gegner vernachlässigten Halbräume massiv bespielen. Die Flügelspieler de Blasis und Clemens rückten immer wieder ein. Das zog auch die Gegenspieler mit ins Zentrum. Und das öffnete die Außenbahnen für die hinterlaufenden Außenverteidiger. Der von Winter-Zugang Giulio Donati offensichtlich angestachelte Daniel Brosinski und Gaetan Bussmann nutzten dieses Freigelände lustvoll zu energiegeladenen Geschwindigkeitsaktionen. Die in ihren Laufwegen nach hinten wie nach vorne überragenden de Blasis und Clemens, über 90 Minuten auch blendend unterstützt von den Passgebern Danny Latza und Yunus Malli (sehr beweglich und munter), machten die Tore.

Noch nie in dieser Erfolgssaison sind die 05er derart häufig durchgebrochen in den Rücken der gegnerischen Abwehrlinie wie an diesem Festtag gegen die zuweilen sorglos naiv verteidigenden Augsburger. Jhon Cordoba scheiterte noch bei zwei Riesenchancen frei vor dem Torhüter. Das Mainzer Spiel in die Tiefe funktionierte bei diesem sehenswerten, szenisch dichten Pressing-/Gegenpressing- und Umschalt-Festival prächtig. Und die chirurgisch präzise vorbereiteten und abgeschlossenen Treffer rissen die Zuschauer aus ihren Sitzen. Clemens wurde zweimal in vollem Tempo so freigespielt, dass er fast mit Ball über die Torlinie hätte laufen können. Dem 2:1 durch de Blasis, als er nervenstark den Keeper umkurvte, ging eine Willensleistung von Latza voraus. Der technisch perfekt angesetzte Kopfball des kleinen Argentiniers zum 3:2 in den entfernten Torwinkel sollte in der Auswahl zum „Tor des Monats“ auftauchen.