Rehberg: Zahlenfreak Hjulmand und die Arbeit mit den Messdaten

Kasper Hjulmand. Foto: Sascha Kopp

Im Dienstaggespräch am Bruchweg hat Kasper Hjulmand auch über den Umgang mit Messdaten gesprochen. Der 05-Trainer, das spürt man, ist ein Zahlenfreak. Aber auch für den...

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. Im Dienstag-Talk am Bruchweg hat Kasper Hjulmand auch über den Umgang mit Analysedaten gesprochen. Von Arsene Wenger wissen wir, dass er ein Zahlenfreak ist. Nach Spielen kann der Trainer von Arsenal London grundsätzlich nicht schlafen, und dann zieht sich der Franzose die komplette Spielstatistik rein. Wir wissen nicht, welches der diversen weltweit angebotenen Analysesyteme Arsenal nutzt, wir dürfen aber davon ausgehen, dass eine Nacht kaum ausreicht, die Datenflut eines Spiels komplett zu verarbeiten. Auch Hjulmand ist ein Datenfetischist. Aber mit einer eigenen Nutzungsphilosophie.

Bis zu 100 Seiten Daten zu einer Partie

Der FSV Mainz 05 nutzt das Produkt der Firma "InStat" mit Sitz in Moskau. Würde man die Daten einer Partie ausdrucken, dann käme man je nach Schriftgröße auf 80 bis 100 Seiten. Evgeni Klyopov, Direktor der Analyse-Abteilung von "InStat", hat in einem Interview mal gesagt: "Die nackten Zahlen sind nutzlos." Das heißt, man kann das Analysewerk zunächst einmal lesen in einer Nacht, um die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen, könnte man, wenn man will, weitere drei, vier Nächte darin baden.

Es sprengt schon den Rahmen einer journalistischen Erörterung, wollte man nur darstellen, was da alles so gemessen wird in 90 Minuten. Wollte man dann noch die sämtlichen Fachtermini erklären, etwa: Was versteht "Instat" unter einem konstruktiven, verschärfenden oder scharfen Pass?, dann wären wir schon auf dem Weg hin zu einer Doktorarbeit. Und wollte man dann noch all die grafischen Darstellungen im Analysewerk ansprechen, eine Unmenge an kleinen Fußballfeldern, die zeigen, wo überall sich ein Spieler binnen der 90 Minuten aufgehalten hat oder aus welchen Zonen heraus er seine erfolgreichen Pässe abgesandt hat (und vieles mehr), spätestens dann hätte man dem normalen Fußballfan den Spaß an dieser aufregenden Sportart geraubt. Lassen wir das.

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Weit mehr als Ballbesitz und Laufleistung

Beschränken wir uns auf den Hinweis: Heute wird sehr, sehr viel gemessen im Fußball, viel mehr, als die Laufkilometer oder die Ballbesitzquote, diese Daten untermauern taktische, technische, physische und psychologische Wahrnehmungen und Einschätzungen - und dennoch kann es vorkommen, dass ein Trainer eine treffende Spielbewertung im Kopf hat, die durch die 100 Analyseseiten nur ansatzweise gestützt wird.

Objektivität im Fußball ist und bleibt relativ, auch im Auge des Analysten. Oder wie Klyopov das ausdrückt: "Ein einziger Fehler reicht für eine Niederlage." Und: "Eine Niederlage kann in der Regel nicht theoretisch erklärt werden." Darüber hinaus gibt es interessante Aspekte, die gar nicht messbar sind. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Torabschluss. Ein Trainer kann durch das Analysewerk sämtliche Abschlüsse in der Entstehung und Vollendung nachvollziehen. Aber jene Spielzüge, die trotz günstigster Situationen nicht zu einem Torschuss führen, tauchen in dieser Rubrik gar nicht auf.

Tatsache ist aber, dass ein versemmelter letzter Pass in einem Überzahlkonter einer Mannschaft eine größere Torchance geraubt haben kann, als so mancher netter Distanzschuss, der Zentimeter über die Latte geflogen ist (direkt über die fangbereiten Hände des Torhüters hinweg). Hjulmand nennt das "Potenziale", das sind jene Situationen, in denen mit einer besseren oder präziseren Lösung mehr möglich gewesen wäre. Diese Potenziale in bestimmten Situationen lassen sich fast ausschließlich über das Videostudium erfassen.

Mehr Zweikämpfe gewinnen und mehr laufen

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Zudem hält es Hjulmand für zwingend notwendig, dass viele der Daten durch den Filter "eigene Spielphilosophie" betrachtet werden. Das heißt: Eine klassische Umschaltmannschaft wird in der Regel drauf angewiesen sein, viele Kilometer zu fressen, viele Hochgeschwindigkeitsläufe zu absolvieren und viele aktive Balleroberungen zu haben, eine klassische Ballbesitzmannschaft wird ihre Spielweise oft auch dann noch durchdrücken, wenn sie in den genannten Segmenten die schlechteren Werte hat als der Gegner. Eines aber hat der Bundesligadebütant aus Dänemark mittlerweile für sich erkannt: "In Deutschland ist es wichtig, dass man mehr läuft und dass man mehr Zweikämpfe gewinnt als der Gegner." Mag sein, dass diese Erkenntnis schon Auswirkungen hat auf den Matchplan für die Auswärtspartie der 05er am kommenden Samstag gegen Hertha BSC Berlin. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Hjulmand überlässt die Datenauswertung seinem Analysten Benni Weber und Co-Trainer Keld Bordinggaard. Fünf Schwerpunktthemen lässt der Cheftrainer in der Regel detailliert analysieren, den Spielern wird nur ein Bruchteil des gesiebten Materials mitgeteilt. Und wenn ein Innenverteidiger mit einem einzigen krassen Fehler an einer 0:1-Niederlage beteiligt war, dann wird ihn auch seine ansonsten vielleicht überragende Zweikampfquote nicht mehr glücklich machen.

Und wenn ein Spieler kaum Zweikämpfe verliert, weil er sich aus dieser mühsamen Arbeit gegen den Ball überwiegend geschickt raushält - nennen wir als Beispiel mal den Mittelfeldartisten Toni Kroos im Länderspiel gegen Schottland -, dann mag er ordentliche Werte auf dem Datenblatt haben, die Schwäche seiner Mannschaft in der defensiven Umschaltung hat er damit nicht behoben. Oder picken wir uns die Leistung des WM-Helden Mario Götze gegen die Schotten heraus: Viel gelaufen, sehr viel sogar - aber kaum Einfluss gehabt auf das Offensivspiel seiner Mannschaft.

Viele gute Werte zeigen noch nicht die Qualität

Das passiert im 05-Dress auch Yunus Malli immer wieder: Viele gute Werte in vielen Rubriken - aber der die Chance vorbereitende Pass oder der Torabschluss kommen nicht vom Spielmacher, und das sollte seine Kernkompetenz sein. Und wenn Shinji Okazaki als Mittelstürmer viele seiner defensiven und offensiven Zweikämpfe gewinnt gegen einen Innenverteidiger, dabei aber keine Torszene herausspringt, dann ist es Hjulmand unterm Strich doch wichtiger, wenn seine Mittelfeldsechser Johannes Geis und Julian Baumgartlinger in den zentralen Zonen viele Balleroberungen und eine gute Passquote ausweisen.

Eines aber darf man nicht vergessen: Einige der Messwerte dienen den Trainern in Mannschaftssitzungen oder Einzelgesprächen durchaus als Leistungsdefinition und als Motivationsunterstützung. Beispiel: Ein schneller Spieler kann immer darauf hingewiesen werden, dass eine bestimmte Anzahl an intensiven Läufen und Sprints in die Tiefe erforderlich sind für die Klassifizierung "gute Leistung". Dass dann nach dem Spiel in der Analyse keine leichtathletische Beurteilung anfällt, sondern dass das dann auch etwas mit individueller Lauf- und Spielqualität zu tun hat (passende Laufwege, Ballannahme und Ballmitnahme, Antizipation, Vorlagen, Abschlussgier und Abschlusseffizienz), das versteht sich von selbst.