Rehberg: Wolfsburg - große Scheine, graues Mittelmaß

Im Hinspiel in dieser Saison siegten die Nullfünfer mit 2:0, Eric Maxim Choupo-Moting (links) erzielte den Führungstreffer. Foto: Sascha Kopp

Reinhard Rehberg blickt auf den nächsten Gegner von Mainz 05, den VfL Wolfsburg. Und er erzählt zwei Geschichten. Eine handelt von großen Scheinen, teuren Transfers und zehn...

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. Eintracht Braunschweig war 1967 Deutscher Meister. Damals eine Sensation. Das hat heute noch jeder harte Bundesligafan auf dem Schirm. Franke, Bäse, Häbermann, Ulsaß, Gersdorff… Der Lokalrivale VfL Wolfsburg war 2009 Deutscher Meister. Auch das war eine Sensation. Doch da sagen nur fünf Jahre später schon einige Leute: Ich erinnere nicht… Gelöscht auf der Festplatte. Schulterzucken. Wirklich, 2009, Wolfsburg? Na ja, kann man ja mal gelangweilt googlen. Aber eigentlich: uninteressant.

Ungerecht? Ja, klar. Was denn sonst? Spielen da Neid und Missgunst eine Rolle? Ja, klar. Aber das ist erlaubt im Fußball.

Die Wolfsburger haben einfach zu viel Geld. Kohle, die sich der Klub nicht einmal erarbeiten muss. Die Geschichte begann nach dem Zweiten Weltkrieg mal putzig als "Volkssport- und Kulturverein", kurz darauf, man höre und staune, umbenannt in "Verein für Leibesübungen Volkswagenwerk". Lustig. 1997 stieg der VfL in die Bundesliga auf, bekanntlich nach einem 5:4-Sieg am letzten Spieltag im "Zweitliga-Endspiel" gegen den FSV Mainz 05. 2001 übernahm die VW GmbH 90 Prozent der Anteile an der neu gegründeten "VfL Wolfsburg GmbH". Zurück zu den Wurzeln. 2007 erhöhte der wirtschaftlich prächtig aufgestellte Automobilgigant seinen Anteil auf 100 Prozent.

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Seit der Übernahme spielt Geld keine Rolle mehr

Seitdem spielt in diesem Fußballunternehmen Geld keine Rolle mehr. Die großen Scheine sind einfach da. Normal. Werbungskosten. 50, 60, 70, 80 Millionen für das Spielzeug Profifußball. Kein Problem. Nun gut, wahrscheinlich gibt es unsinnigere Marketingideen, als ein paar Tausend VW-Angestellte im Stadion glücklich und ein paar mittelprächtig begabte Kicker reich zu machen. Nur: Sympathisch macht die Autokohle den Klub noch lange nicht.

Macht und Moneten. 2007 wollte der Konzern Jürgen Klopp anheuern. Der war gerade mit den Mainzern aus der Bundesliga abgestiegen. Treffen in Ingolstadt auf dem Audi-Gelände. Mit einer schnuckeligen Privatmaschine ging es ab in die Luft. Einfach nur ein wenig kreisen. Frei nach Reinhard Meys "Über den Wolken…" Freiheit spüren. Gedanken austauschen. Über Fußball plaudern. Und vor allem über Geld. Viel Geld. Klopp lehnte ab, er wollte seinen Vertrag in Mainz nicht brechen.

Nach dem Titelgewinn 2009 wollte und sollte der VfL der große Widersacher des FC Bayern München werden. Dieses Vorhaben ist grandios gescheitert. Diese Rolle hat Borussia Dortmund eingenommen. Ohne einen Wirtschaftsriesen im Rücken. Der Unterschied? Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp. Sachverstand und Konstanz in den Führungspositionen. Im Profifußball geht es zweifellos um Scheine und Strukturen. Aber zuvorderst ist das ein "Macher-Business", die Schlüsselpositionen müssen mit Leuten besetzt sein, die viel verstehen von der kniffligen Materie. Die Wolfsburger feuerten ihre konzeptlosen Manager und Trainer in der Taktung einer Punkrockscheibe. Bammbammbamm, nächstes Lied. Jürgen Klopp ist nun schon in der sechsten Saison Dortmund-Coach, der Klubboss hieß immer Watzke, der sportliche Leiter immer Zorc.

Einmal Meister, der Rest ist teures, graues Mittelmaß

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Die Mainzer, bei denen Christian Heidel seit zweieinhalb Jahrzehnten als Manager fungiert? Die haben seit ihrem Erstligaaufstieg exakt drei Trainer beschäftigt: Jürgen Klopp, Jörn Andersen, Thomas Tuchel. Die Wolfsburger Trainerliste seit 2004: Eric Gerets, Holger Fach, Klaus Augenthaler, Felix Magath (der Meistertrainer), Armin Veh, Lorenz-Günther Köstner, Steve MacClaren, Pierre Littbarski, Magath, Köstner. Seit Januar 2013 Dieter Hecking. Die Platzierungen seit dem Titelgewinn: 8., 15. (am letzten Spieltag mit einem Sieg in Hoffenheim dem Abstieg von der Schippe gesprungen), 8., 11. Graues Mittelmaß. Geldvernichtung? All die horrend bezahlten (und abgefundenen) Spieler und Übungsleiter werden das anders sehen.

An diesem Samstag duellieren sich nun in Wolfsburg der millionenschwere Werksklub und die braven 05er um den international bedeutsamen Rang sechs. Punktgleich. Die Wolfsburger haben in diesem Winter für 1,50 Euro (Oder waren das 1,5 Mio? Egal!) ihren Star Diego nach Madrid verscherbelt, Mitläufer Ja-Cheol Koo überließ man großzügig den Mainzern. Dafür kam für 22 Millionen vom FC Chelsea der belgische Stürmer Kevin de Bruyne. Ergebnis? Der VfL hat seine ersten beiden Rückrundenspiele verloren - die 05er haben ihre beiden Spiele gewonnen. Wir gehen davon aus, dass Konzernchef Dr. Martin Winterkorn sich manchmal fragt, wie die kleinen Mainzer das machen.

Erinnerungen an Wolfsburg-Spiele der Mainzer

Mainz gegen Wolfsburg. Noch ein paar wertvolle Erinnerungen. Das erste Duell fand statt in der Zweiten Liga. 1992/93. Die 05er gewannen gegen den Aufsteiger vor 4.300 Zuschauern am Bruchweg durch ein Tor von Gernot Ruof (86.) mit 2:1. Trainer war der geistreiche Kroate Josip Kuze, der im Juni 2013 in Zagreb gestorben ist. Im Mainzer Mittelfeld zog Zeljko Buvac die Fäden, vorne stürmten Jürgen Klopp und David Wagner. Klopp und Buvac sind heute die Trainerhelden in Dortmund, Jungcoach Wagner hält die U23 der Borussia in der Dritten Liga.

Der kürzlich verstorbene Wolfgang Frank feierte sein Debüt als 05-Trainer am 30. September 1995 in Wolfsburg. 2.000 Zuschauer. 2:2. Das 1:0 für die Gastgeber schoss Guido Erhard. Der Mittelstürmer wechselte 1996 nach Mainz; beim legendären "Zweitliga-Endspiel" der 05er 1997 in Wolfsburg wurde der gebürtige Hanauer in der 80. Minute für Miroslav Tanjga eingewechselt. Ein paar Monate später erkrankte Guido Erhard an einer schweren Depression, er wurde nie mehr richtig gesund und nahm sich 2002 das Leben.