Rehberg: WM-Favoriten setzen auf Flexibilität

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Aus Weltmeisterschaften einen fußballerischen Trend abzuleiten, das funktioniert nur selten. Dennoch versucht unser Kolumnist Reinhard Rehberg. einige Merkmale der WM in...

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. Aus Weltmeisterschaften einen fußballerischen Trend abzuleiten, das funktioniert nur selten. Nationalmannschaften sind in der Regel zu wenig eingespielt bei nur acht bis zehn Spielen im Jahr. Eine Schaubühne für spielerische oder taktische Innovationen kann ein Turnier von daher nur in seltenen Fällen sein. Dennoch wollen wir einige Merkmale der WM in Russland beleuchten.

Auffallend ist, dass es keine klassische Ballbesitzmannschaft ins Viertelfinale geschafft hat: Spanien, Deutschland und Argentinien sind raus. Schauen wir uns die Spanier an, dann stellen wir fest, dass diese Mannschaft im Achtelfinale gegen Russland trotz eines Weltrekords von 1137 Pässen und trotz 1031 angekommener Pässe in 120 Minuten nur drei nennenswerte Torchancen herausgepasst hat. Ergebnis: 0:0, Aus im Elfmeterschießen. Daraus zu schließen, Pass-Dominanz und Pass-Präzision hätten keinen Wert, das wäre falsch. Wir können festhalten: Pass-Qualität ohne Tempowechsel, ohne Sprints und ohne Tempodribblings und ohne räumliche Tiefe im Angriffsdrittel kann wirkungslos verpuffen. Siehe auch Deutschland gegen Mexiko und gegen Südkorea.

Brasilien und Frankreich praktizieren eine Mischform

Dass Ballbesitzmannschaften automatisch anfälliger wären gegen Konter, das stimmt so auch nicht. Mit vielen Spielern in der gegnerischen Hälfte ein Kombinationsspiel aufzuziehen bedeutet zweifellos, im Rücken sehr viel freie Wiese zu gestatten. Wer aber nach Ballverlusten die Ballbesitzordnung und -dominanz dazu nutzt, umgehend ein aggressives Gegenpressing aufzuziehen, der erobert die Kugel zügig zurück. Oder er zwingt den Gegner damit zu langen Schlägen – und die sind ein gefundenes Fressen für eine konzentrierte und konsequente Restverteidigung. Das lässt sich organisieren. Unabdingbar: Laufbereitschaft und Aggressivität.

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Die aktuellen Turnierfavoriten Brasilien und Frankreich praktizieren eine Mischform aus Ballbesitz und Umschaltspiel. Bietet der Gegner im Spielverlauf in einer nicht perfekten Defensivorganisation Räume an (meist nach Ballverlusten in den Mittelfeldregionen), dann setzen diese beiden Mannschaften mit wenigen und kurzen Ballkontakten ihre Turbosprinter in Szene. Steht der Gegner kompakt in seiner Spielhälfte, dann können beide Mannschaften die Kugel auch über ein strukturiertes Aufbauspiel nach vorne transportieren. Und beide Mannschaften sind auch in der Lage, mit großer Gelassenheit und aus einer tieferen Staffelung heraus einen Gegner mal machen zu lassen.

Diese Mischform entspricht zum einen den unterschiedlichsten Entwicklungen und Situationen auf dem Feld. Zum anderen nennt man das: Turnier-Pragmatismus auf der Basis taktischer Flexibilität. Spanien, Deutschland und Argentinien hatten das nicht zu bieten. In der Lauf- und Quälbereitschaft und in den Geschwindigkeitsimpulsen sind Brasilien, Frankreich, auch Belgien, Uruguay oder England intensiver am Start.

Klassischer Mittelstürmer ist wieder gefragt

Statistisch belegbar ist: Die überwiegende Mehrzahl der Tore bei diesem Turnier fallen aus Standard- und Kontersituationen. Für Ecken und Freistöße braucht man Übungsstunden sowie Spezialisten, die Standardbälle mit einer hohen Quote exakt auf den Punkt bringen und in der Endabnahme kopfballstarke Spezialisten im Strafraum. Konter sind eine Frage von kreativen Laufwegen in hoher Geschwindigkeit mit guter Abschlussqualität im Eins-gegen-Eins mit dem Torwart.

Erkennbar ist zudem: Es gibt wieder klassische Mittelstürmer oder Torjäger-Tandems als Angriffsspitzen. Der Engländer Harry Kane ist einer dieser Strafraum-Hünen. Auch der Kroate Mario Mandzukic, der flankiert wird von den Tempodribblern Ante Rebic und Ivan Perisic. Die Franzosen Antoine Griezmann und Kylian Mbappé funktionieren sehr gut in die Tiefe, unterstützt vom zentralen Brecher Olivier Giroud. Die Urus Edison Cavani und Louis Suarez schuften gemeinsam für Torgefahr in der Angriffsmitte. Die Brasilianer Neymar und Jesus wechseln sich geschickt ab im Sturmzentrum. Die Belgier Eden Hazard und Romelu Lukaku sind sehr gut aufeinander eingestellt in der Präsenz in den torgefährlichen Räumen. Stürmer, die sich über Tore definieren, erzielen Wirkung bei diesem Turnier. Auch auf diesem Gebiet hat die DFB-Auswahl Nachholbedarf.