Rehberg: "Wind of change" ist bei Mainz 05 ein laues Lüftchen

Mainz-05-Präsident Harald Strutz. Foto: Sascha Kopp

Wenn die 05er jemals ein Karnevalsverein waren, dann in diesen Tagen, findet Reinhard Rehberg in seinem Blog. Der „wind of change“ ist in Mainz ein laues Lüftchen. Das dem...

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. Wenn die 05er jemals ein Karnevalsverein waren, dann in diesen Tagen. Einige Vorstandsvertreter sprechen mit Medienvertretern. Nur gibt dafür niemand seinen Namen her. Dass es im Gebälk der Führungsetage kracht, das wird munter ausgeplaudert. Aber niemand will zitiert werden. Dass sich das Streitpulver einzig und alleine am eigenwillig-eigennützig agierenden Präsidenten entzündet, das wird in alle Richtungen durchgesteckt. Wenn Zeitungen am nächsten Tag genau darüber berichten, dann erfolgt eine Presseerklärung (nebst einer wesentlich detaillierter ausgearbeiteten Mitgliederinformation). Mit dem Tenor: Alles gut, wir haben lediglich ein wenig kontrovers diskutiert, keine Kritik an Harald Strutz. Der Männerbund steht. Nicht geschlossen. Aber die Querdenker ordnen sich unter und halten den Mund.

Das macht grundsätzlich ja auch Sinn. Denn sonst hätte man ja nicht diese für ein 100-Millionen-Unternehmen ausgesprochen merkwürdige „Strutz-Satzung“ erfinden und mit stattlicher Mehrheit verabschieden müssen. Der von den Mitgliedern neu zu wählende ehrenamtliche Präsident wird in Personalunion ehrenamtlicher Vorsitzender eines hauptamtlichen Vorstandes; der Oberboss, der nach eigener Aussage gar keine Lust hat, täglich mehrere Stunden in einem Büro zu verbringen, soll kein Ressort führen, keinen Einfluss auf das operative Geschäft haben - dennoch will er weiterhin ehrenamtlich bezahlt werden wie ein Unternehmensführer mit Riesenverantwortung und 60-Stunden-Woche: Darauf muss man erst mal kommen – und das muss man sich ja auch erst mal trauen.

„Ehrenamtskarneval“ lähmt den Verein

Skizzieren wir eine Vision: Das Mainzer Amtsgericht winkt diesen Entwurf nicht durch, alles müsste neu aufgerollt werden; der Profibetrieb wird in eine Wirtschaftsgesellschaft ausgegliedert und die dort vorgeschriebenen Führungsposten sowie die zentralen Fachressorts werden mit ausgewiesenen Fachleuten besetzt. Ein kompetent besetzter Aufsichtsrat kontrolliert den Laden.

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Darin steckt wirtschaftlich/sportlich keine Erfolgsgarantie. Und dieses Modell mag Fußballromantiker, und zu denen zähle ich mich auch, nicht fröhlich machen. Aber der von Eitelkeiten und Egoismen geprägte „Ehrenamtskarneval“, der diesen Klub seit Monaten lähmt und führungslos vor sich hin taumeln lässt, muss ein Ende haben. Unabhängig davon, dass das in einem eingetragenen Verein betriebene Geschäft „An- und Verkauf von Fußballprofis“ mit Millionengehältern, Millionenumsätzen und beinhartem Gewinnstreben in absehbarer Zeit den Gemeinnützigkeitsstatus verlieren wird.

Wofür steht der Klub eigentlich?

Was dieser „Bruchweg-Karneval“ noch mit Fußball zu tun hat? Die 05er haben eine ordentliche Tabellenposition. Der neue Sportdirektor Rouven Schröder macht einen sehr guten Job. Trainer Martin Schmidt ist dabei, in seiner Mannschaft die Defensive zu stabilisieren. An diesem Sonntag steigt in der voll besetzten Opel Arena die Partie gegen das Spitzenteam der Borussia Dortmund GmbH und Co. KGaA, sportlich angeleitet vom ehemaligen 05-Erfolgscoach Thomas Tuchel. Und die Stimmung im Stadion wird wieder mau sein? Wahrscheinlich. Auch deshalb, weil niemand mehr so genau weiß, wofür dieser Klub eigentlich noch steht.

Die vom Präsidenten ständig beworbene, inhaltlich nach wie vor nebulöse Fan-Abteilung wird daran wenig ändern. Sollen künftig ein paar Fanvertreter diesem Klub eine neue Perspektive basteln, wichtige Entscheidungen beeinflussen? Der „wind of change“ ist in Mainz ein laues Lüftchen. Das dem Langzeitvorstand allerdings scharf ins Gesicht weht. Mehr zum Dortmund-Spiel im Blog am Sonntagmorgen.