Rehberg: Wichtiges aus dem Abstiegskampflehrbuch

Als Stuttgart-Trainer fehlt noch der Erfolg: Huub Stevens. Foto: dpa

Ein wichtiges Kapitel im Abstiegskampflehrbuch ist: Umgang mit Abstiegskampf. Absolute Wahrheiten gibt es auf diesem Gebiet nur wenige. Es braucht im Klub immer eine...

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. Ein wichtiges Kapitel im Abstiegskampflehrbuch ist: der Umgang mit Abstiegskampf. Da ist in den eigenen vier Wänden und vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit nicht alles nach Belieben steuerbar. Aber man kann grobe Fehler machen. Teuflisch daran ist: Es gibt nur sehr wenige absolute Wahrheiten. Wenn zwei Klubs, zwei Trainer, zwei Manager oder zwei Mannschaftskapitäne in einer bestimmten Situation ein ähnliches Vorgehen wählen, dann kann das an dem einen Standort eine ganz andere Wirkung erzeugen als am anderen. Die Wahl der Mittel hängt in hohem Maße von einem sicheren Gespür für die angemessene Situationsbewertung ab. Dafür braucht es im Klub mindestens eine verantwortliche Persönlichkeit mit Erfahrung und Charisma.

Schauen wir auf den VfB Stuttgart. Nur ein Beispiel. Beim Tabellenletzten läuft mehr oder weniger alles schief. Der Professor für angewandte Nichtabstiegswissenschaften würde mahnen: Wenn in dem Verhältnis zwischen Manager und Trainer in der öffentlichen Darstellung auch nur der kleinste Riss erkennbar wird, dann habt ihr ein riesiges Problem. Welchen Eindruck hinterlassen Robin Dutt und Huub Stevens? Sagen wir es so: Beide sind rührend bemüht, Friede, Freude, Eierkuchen zu demonstrieren. Sollte der VfB am Ende absteigen, dann wird die Analyse womöglich lauten: Wenn wir zwei fette Fehler gemacht haben, dann waren das die Einstellung von Dutt und Stevens.

Dutt mit Imageproblem

Der noch recht neue Manager kam schon mit einem Imageproblem in Stuttgart an. Als Robin Dutt beim DFB unbedingt Sportdirektor werden wollte, da pochte er auf einen 5-Jahres-Vertrag, er forderte vom Verband ein Bekenntnis. Nach ein paar Monaten warf er die Brocken wieder hin. Er habe erkannt, dass er tief im Herzen eben doch auf den Fußballplatz gehöre und nicht an den Schreibtisch. Er wurde Trainer bei Werder Bremen. Und zwar ein nicht mehr ganz so unnahbarer und grimmiger Anführer wie zuvor noch in Leverkusen (da machte man ihm seine mangelnde Bindung zu den Spielern zum Vorwurf), sondern ein freundlicher, die Spieler umarmender, mit Journalisten nett plaudernder Fußballlehrer. Man möchte darauf wetten: Da hat ein Imageberater zu einem Imagewechsel geraten. Am Ende wollte Dutt an der Weser Woche für Woche auch noch den Misserfolg weglächeln. Rauswurf.

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Und was macht Dutt? Er kehrt an den Schreibtisch zurück. Sportdirektor in Stuttgart. Und zwar ein grimmiger und unnahbarer Sportdirektor, der den Trainer kontrollieren und die Medienwelt in die Schranken weisen soll. Da steht nun an der Seite von Abstiegskampftrainer Huub Stevens der gerade erst im Abstiegskampf entlassene Ex-Trainer und Neu-Manager, der sich eigentlich am Schreibtisch nicht wohl fühlt. In seinem Rhetorikkurs hat Dutt gelernt: Keine Aussagen machen, die Spielraum für Interpretationen lassen. Was der Kursleiter womöglich vergessen hat, anzufügen: Das geht überhaupt nicht, jede Aussage lässt sich interpretieren, entweder sofort oder ein paar Tage später. Frage: Sitzt der Trainer am nächsten Samstag noch auf der Trainerbank? Darauf gibt es keine vernünftige Antwort, wenn man gerade intern in einem Diskussionsprozess steckt, ob nicht vielleicht ein Trainerwechsel angeraten ist.

Pressekonferenzen von Stevens sind teilweise Slapstick

Manchmal spielt dann die Persönlichkeit, das Charisma des Befragten eine bedeutendere Rolle als der inhaltliche Vortrag. Der Trainer-Sportdirektor-Trainer-Sportdirektor Robin Dutt macht da keine gute Figur. Zuletzt hat er in seinen Verlautbarungen immer das Wort "heute" betont. Stand heute sei der Klub nach wie vor von Stevens überzeugt. Na ja, auch das ist geschwindelt. Denn ein Insider hat den Medien gesteckt, dass der in Leipzig entlassene Schwabe Alexander Zorniger längst auf Abruf bereit steht. Und so hangelt sich Stevens von einem "Trainer-Endspiel" zum nächsten. Am Freitagabend eine Niederlage in Leverkusen, und Dutt steht wieder nervös auf seinen Lippen kauend vor der Kamera… Die Wahrheit zu vermelden oder ein wenig (mehr oder weniger geschickt) daran zu feilen, das ist in diesem Moment gar nicht der Punkt. Die Persönlichkeit macht´s.

Schaut man sich im Fernsehen die Pressekonferenzen von Huub Stevens an, dann ist das teilweise Slapstick. Da fragt der "Knurrer von Kerkrade": Wie viele Spiele haben wir noch? "Elf", ruft ein Journalist. Stevens: Seht ihr?! Und wie viele Punkte sind das noch? "33". Stevens: Ah, na also! Und dann holt der Holländer aus. "Habe ich nicht vorher gesagt, dass es schwierig wird? Ich habe das gewusst, ich habe das immer gesagt, ich kenne diese Situationen…" Da denkt man sich: Okay, Erfahrung hat der Mann, und weiter? Spötter behaupten, der Defensivfanatiker Stevens sei der erste Trainer auf der Welt, der versuche, ohne Tor ein Spiel zu gewinnen. Dutt behauptet, Stevens sei ein Mann, der immer den richtigen Ansatz wähle, man brauche aber auch mal Glück. Armin Veh, der Vorgänger von Stevens, war zurückgetreten mit der Begründung: Mir fehlt das Glück, das ist nicht gut für die Mannschaft!

Aufbruchstimmung bei Mainz 05

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Glück braucht es. Der VfB hat zu Hause gegen Hertha BSC trotz großer Überlegenheit "nur" 0:0 gespielt. Der Tenor: Zu wenig, enttäuschend, die beiden verloren gegangenen Punkte werden fehlen. Da bestimmten der Spielverlauf und der Tabellenstand das anschließende Katastrophengefühl. Die 05er haben zu Hause 2:2 gespielt gegen Borussia Mönchengladbach. Danach wurde gefeiert. Aufbruchstimmung. Ein gewonnener Punkt, prächtig, denn jeder Punkt kann am Ende wichtig sein. Eine Demonstration von Zusammengehörigkeit. Ein Zusammenschluss von Trainer, Mannschaft und Anhängern.

Der Unterschied: Die 05er haben mit Kampf und Leidenschaft einen 0:2-Rückstand aufgeholt. Das sind Schlüsselmomente in einem Abstiegskampf. Siege in Unterzahl, Erfolge trotz ungerechter Schiedsrichtereinscheidungen, wettgemachte Rückstände - das schweißt zusammen, das gibt Rückhalt, das hat positive Auswirkungen auf die nächste schwierige Situation in einem Spiel. Diese besonderen Momente sind Gold wert. Auch das steht im Abstiegskampflehrbuch.

Aber planbar ist das nicht. Dafür braucht es neben Kampf, Widerstandsgeist und Überzeugung tatsächlich auch Matchglück. Robin Dutt und Huub Stevens vermitteln nicht den Eindruck, als würden sie das Glück noch mal anziehen. Der Rhetoriklehrer würden zu der Einschränkung raten: Ein Stück weit…, Stand heute…