Rehberg: Wichtige Erkenntnis - das Glück lässt sich erzwingen

05-Wirbler Pablo de Blasis (Mitte) und Joo-Ho Park (im Hintergrund) gegen den Mönchengladbacher Ibrahima Traore (rechts). Foto: dpa

Als das 0:2 fiel, schien die Sache gelaufen. Doch die Spieler von Mainz 05 kämpften sich zurück in die Partie gegen Borussia Mönchengladbach. Mit Kampf, mit Leidenschaft, mit...

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. Feuer unterm Abstiegskampfkessel. Das lässt sich nicht herbeireden, das produzieren auch keine teuren PR-Agenturen. Es braucht diese besonderen Momente, die eine Mannschaft zusammenwachsen lassen, die eine Mannschaft und das Trainerteam zusammenschweißen, die eine emotionale Verbindung herstellen zwischen den sportlich Handelnden und den Anhängern. Zu den besonderen Momenten, die diese aufrüttelnde Atmosphäre schaffen für eine gemeinschaftlich getragene Rettungsmission, zählt zum Beispiel: Den Kopf noch aus der Schlinge ziehen nach einem vermeintlich entscheidenden Rückstand gegen eine Mannschaft aus der Chefetage der Liga.

Vertrauen in die Trainercrew

Der Derbysieg gegen die Eintracht vor 14 Tagen nach 0:1-Rückstand war der Startschuss in der Coface Arena. Mit dem "Vier-Minuten-Punkt" gegen Borussia Mönchengladbach im heimischen Wohnzimmer haben die 05er die nächsten Kohlen ins Feuer geschippt. In der Stadt wächst der Glaube, dass diese Mannschaft bereit ist für eine lange und harte Nichtabstiegskampagne. Und bei den Spielern entsteht Vertrauen in die von Martin Schmidt angeführte neue Trainercrew, unter anderem in einem nicht unwesentlichen Punkt: Wir können zurückkommen - wir können eine Pausenansprache umsetzen, einen weiteren Rückschlag verkraften, noch etwas draufsetzen und die Sache umbiegen. Und wir können mit dem neuen Chefcoach auch mal das Glück zwingen. Die Spieler, der Trainer, die Fans, die Verantwortlichen, alle haben die Bedeutung des Moments gespürt nach dem aufregenden 2:2 am Samstagabend.

Als Raffael mit in der 67. Minute mit seinem zweiten Treffer das 0:2 markierte, da schauten sich viele Journalisten auf der Medientribüne kurz an, ein kollektives Nicken: Okay, die Sache ist gelaufen, das lässt sich nicht mehr reparieren gegen dieses abgebrühte Spitzenteam auf seinem zielstrebigen Weg in die Champions League. 0:2 gegen die Mannschaft mit der zweitbesten Abwehr der Liga und mit der zweitbesten Ballbesitzquote der Liga, und nur noch 23 Minuten auf der Uhr - das geht nicht mehr. Doch, das geht. Die 05-Profis haben sich das bewiesen. Mit Kampf, mit Leidenschaft, mit Widerstandsgeist, mit purer Willenskraft, mit kollektiver Energie und Überzeugung.

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Vier Minuten Abenteuer

Vier Minuten Abenteuer: ein Freistoß aus 30 Metern Entfernung, ein Kopfball nach einem weiten Einwurf - 2:2. Und am Ende lag sogar noch der Sieg in der Luft bei einem abgeblockten Schuss des eingewechselten Ja-Cheol Koo und bei zwei Chancen für Julian Baumgartlinger, der nun mal kein Spezialist dafür ist, die Kugel ins Netz zu hämmern.

Nach der ersten Halbzeit war ein wildes Spektakel überhaupt nicht absehbar. Zu dominant, zu ausgereift war die Spielkontrolle der Gladbacher. Lucien Favre, der ins Detail verliebte Defensivfanatiker und Prediger von maximal kurzen Ballkontaktzeiten im Aufbau und im offensiven Umschaltspiel, hatte das Rezept gefunden, wie man einem auf Zweikampf und Tempojagd gepolten Gegner die Luft abschnürt. Die 05er fanden keine Mittel gegen die engmaschige Defensive der Borussia mit der automatisierten Abseitsmaschinerie, mit dem perfekten Anlaufverhalten und mit dem ekligen Gegenpressing, die 05er bekamen keinen Zugriff auf das flüssige und präzise Direktspiel des mit einer Seelenruhe ausgestatteten Tabellendritten.

Favre-Elf wirkte unerschütterlich

Die Favre-Elf wirkte unerschütterlich. Nicht torgefährlich, aber abgebrüht, immer lauernd auf den entscheidenden Moment. Ein einziger Stellungsfehler in der 05-Abwehr, die erste Torchance, das 0:1. Diese Effizienz kann bei einem Gegner jede Überzeugung, jeden Glauben an ein Comeback zertrümmern. Die 05er blieben gefangen in einer komplett reaktiven ersten Halbzeit.

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In der Pause fällte Martin Schmidt zwei kluge Entscheidungen. Erstens: Die Einwechslung von Jonas Hofmann für den wenig auffälligen Christian Clemens verlieh dem 05-Spiel endlich den Mut und die Qualität zu Sprints in die Tiefe. Zweitens: Der Trainer forderte sein Team auf, im eigenen Ballbesitz aktiv zu werden, konstruktiv zu werden, mehr Fußball zu spielen - und dafür beorderte Schmidt den im Mittelfeld ohne Wirkung rackernden, von Granit Xhaka (der Vorname ist Programm) und Christoph Kramer zugestellten Johannes Geis zurück in die Aufbaureihe, halbrechts. Als Quarterback, der gut abgeschirmt von den Kollegen mit seinen glänzend getimten diagonalen Steilpässen den Pressingwall des Gegners überwinden und Futter für eine Balljagd in den torgefährlichen Räumen liefern kann. Bingo.

Rückschlag: Das vermeintlich entscheidende 0:2

Die 05er kamen zu ihren ersten Torchancen aus dem Spiel heraus. Dann ereignete sich der Rückschlag, das ernüchternde und vermeintlich entscheidende 0:2. Wieder begleitet von Stellungs- und Verschiebefehlern in der Mainzer Abwehrreihe: Niko Bungert zu zögerlich gegen Vorlagengeber Max Kruse, Joo-Ho Park rückte nicht konsequent genug ein gegen Raffael.

Doch die 05er zerbrachen daran nicht. Große Moral, die pure Willenskraft. Und Glück. Die aufregenden vier Minuten: 1:2 durch den Kunstfreistoß von Geis, Pfostenschuss vom Gladbacher Kruse, 2:2 durch Shinji Okazakis brachialen Kopfstoß gegen die Kugel. Die Coface Arena bebte. Der Gladbacher Rhythmus war gebrochen. Jetzt war es das von Schmidt ersehnte "wilde Spiel". Das sind die besonderen Momente, die das Feuer lodern lassen unterm Abstiegskampfkessel.

Der emotionalisierende Faktor, der Mann mit der größten Kohlenschaufel war erneut: Pablo de Blasis. Der 1,65 Meter kleine Argentinier, der Haken schlagende Dauerläufer, der sich auf jedem Quadratmeter Rasenfläche etwas zutraut, selbst in den Luftkämpfen mit Innenverteidigern, die mit der Statur und der Arbeitseinstellung von Holzfällern zu Werke gehen. Ein halbes Jahr krähten kein Hahn und kein Trainer nach der Micky Mouse, die im Trikot von Asteras Tripolis mit einem Wundertor und wilden Dribblings den 05ern die erste Pein besorgt hatte in dieser Problemsaison. Jetzt ist der Steher Pablo de Blasis der große offensive Leistungs- und Hoffnungsträger in schwierigen Zeiten.