Rehberg: Wettbewerbsverzerrung zum Saisonende? Albern!

Der Siegtreffer des HSV bei Mainz 05 - Wettbewerbsverzerrung? Albern, findet Reinhard Rehberg. Foto: Sascha Kopp

Auf einer prominenten Internetseite dürfen Leser gerade darüber abstimmen, ob sich der FC Bayern München in seiner aktuellen Verfassung der Wettbewerbsverzerrung schuldig...

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. Auf einer Internetseite dürfen die User seit Sonntag abstimmen über Wettbewerbsverzerrung in der Bundesliga. Es geht um den FC Bayern München, der den Meistertitel bereits in der Tasche hat und zuletzt in Leverkusen, gegen den FC Augsburg und in Freiburg verloren hat. Man könne nicht eine komplette Saison alle Gegner abschlachten, heißt es, und dann plötzlich in der entscheidenden Phase der Saison plötzlich Spiele "abschenken". Beschwerden waren etwa zu hören aus Hannover. Von Dirk Dufner. Hätten die Bayern wie vorgesehen in Freiburg gewonnen, argumentiert der 96-Manager, dann müssten die Hannoveraner jetzt weit weniger zittern am letzten Spieltag.

Die Diskussion ums Abschenken ist Kabarett

Das ist Kabarett. Hannover 96 hat in der Hinrunde am 16. Spieltag den FC Augsburg bezwungen. Und das ist den Norddeutschen am vergangenen Wochenende auch am 33. Spieltag gelungen, diesmal auswärts. Und dazwischen? Nichts. 16 Saisonspiele hintereinander ohne Sieg. Acht Remis, stattliche acht Niederlagen. Kein Drei-Punkte-Erfolg zwischen Mitte Dezember und Mitte Mai. Und jetzt soll der müde, überspielte, von Verletzungen und Halbfinal-Enttäuschungen gebeutelte FC Bayern wegen seiner Niederlage in Freiburg Schuld daran haben, dass dem Dufner-Klub in der Schlusskonferenz die Beine schlottern? Lustig.

Da könnte man auch den 05ern Wettbewerbsverzerrung andichten. Die Mainzer haben es geschafft, dem Chaos-Klub Hamburger SV sechs Punkte zu überlassen. Hätte das Team von Martin Schmidt etwa beim 1:2 im Heimspiel nur noch ein paar Minuten durchgehalten und ein 1:1 über die Runden gebracht, dann wäre der HSV jetzt schon abgestiegen mit seinem miserablen Torverhältnis. Hat man Kritik gehört aus Paderborn, Stuttgart oder Hannover, nach dem Motto: Wie kann Mainz 05 diesem schlechten HSV sechs Punkte zugestehen? Natürlich nicht. Das ist Sport.

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Sechs Punkte für den HSV - Wettbewerbsverzerrung?

Und hätten die 05er diese sechs Punkte gegen den HSV komplett aufs eigene Konto geschaufelt bekommen, dann würden sie jetzt - exakt wie in der Vorsaison - am letzten Spieltag mit dem FC Augsburg um den Europaligaplatz streiten. Augsburg muss zu den vor Selbstvertrauen strotzenden Gladbachern, die 05er zum ausgezehrten, mit dem letzten Tropfen Sprit ins Ziel stotternden FC Bayern. Ja, dieses Szenario hätte auch schöne Dolchstoßlegenden produzieren können.

Oder nehmen wir Borussia Dortmund. Der große Herausforderer des FC Bayern war mit seinem Elitekader nach der Hinrunde Vorletzter. Der Deutsche Meister von 2011 und 2012, der Champions-League-Finalist von 2013. Statt wie gewohnt 30 bis 35 Zähler haben die von Verletzungen, Abgängen und durchgedrehten Weltmeister-Sternchen geplagten Dortmunder in den 17 Hinrundenspielen nur 15 Zähler eingesammelt. War das Wettbewerbsverzerrung? War es unsportlich oder gar unfair, dass zum Beispiel Hannover 96 in jener Phase im Signal-Iduna-Park mit 1:0 gewinnen durfte - und drei Wochen später der HSV mit 2:1?

Ein tolles Thema für die Witze-Ecke

Sagen wir es so: Hannover 96, der HSV (0:8 in der Allianz-Arena), der VfB Stuttgart, das sind Klubs, die mit teuren Kadern eine dramatisch schlechte Saison spielen, jeweils mit Phasen, in denen über Wochen wenig bis gar nichts funktionierte. Die Quittung dafür bekommt man am letzten Spieltag. Und sei es nur knapp in Form von zwei Stunden Zitterei. Wettbewerbsverzerrung? Dieser Gedanke ist etwas für die Witze-Ecke. Damit kann sich der Komiker Mario Barth beschäftigen, der füllt mit ähnlich seichten Themen große Fußballstadien.

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Formkrisen gehören zum Profifußball. Das kann dann auch mal den FC Bayern treffen. Das gilt es zu akzeptieren. Dem HSV wird es am kommenden Samstag sicher nicht ungelegen kommen, dass da am großen Abstiegskampf-Finaltag ein FC Schalke 04 aufschlägt, der gerade als Mannschaft und als Klub zerrupft und nachhaltig angeschlagen durch die Gegend torkelt. Das wird den übrigen Konkurrenten nicht passen. Aber der VfB Stuttgart, Hannover 96 und der SC Freiburg haben es selbst in der Hand, ihre Dinge zu regeln. Und dann tickt die Bundesliga-Uhr womöglich nicht mehr im Hamburger Stadion, egal wie unsortiert die Schalker dort auftreten mögen. Das ist Sport.

Zusatzpunkte wichtig für Fernseh-Millionen

Nur gut, dass die Partie der 05er in der Allianz-Arena für den Wettbewerb überhaupt nicht mehr von Bedeutung ist. Ob die Münchner diese Saison nun mit 76, 77 oder 79 Punkten auf dem Konto beenden, das interessiert niemanden mehr. Nach dem Abpfiff wird die Meisterschale übergeben. Mag sein, dass die Bayern-Stars diese Feier zelebrieren wollen mit einem letzten Heimsieg im Rücken.

Und die 05er? Für die ist es immer eine Herausforderung, den Bayern auf den Zahn zu fühlen. Und jeder Platz weiter oben in der Tabelle ergibt Pluspunkte für die Fernsehgeld-Rangliste. Da hat man schnell eine zusätzliche Million gewonnen - oder auch nicht. Und sollten die Mainzer am Ende vor dem Rhein-Main-Konkurrenten Eintracht Frankfurt ins Ziel kommen, dann freuen sich darüber zumindest die Anhänger.

Unterm Strich halten wir fest: Im Verlauf einer langen Saison ist es für Trainer immer von Bedeutung, in welcher Verfassung sich der anstehende Gegner gerade befindet. Da kann man mal Glück und mal Pech haben. Gerade Außenseitersiege leben oft von einer schwächeren Phase, die der Favorit gerade durchlebt. Wer diese Fälle gegeneinander aufrechnen will, der kann darüber gerne ein Buch schreiben. Ich würde es lesen. Aber sehr entspannt.