Rehberg: Werder Bremen - das Gegenmodell zum Hamburger SV

Bleibt auch in der neuen Saison Trainer bei Werder Bremen: Florian Kohfeldt Foto: dpa

Werder Bremen ist in der vergangenen Saison durch die Hölle gegangen. Und trotzdem haben die Verantwortlichen an Trainer Florian Kohfeldt festgehalten. Und gehen mit ihm in die...

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. Ein mit eiserner Überzeugung vorbildlich durchgezogenes Durchhalteprojekt - oder eine riskante Glücksrittertour mit einem Happy End am seidenen Faden?

Die Rede ist von Werder Bremen. Die Rede ist von Sportdirektor Frank Baumann und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Marco Bode. Und die Rede ist von Trainer Florian Kohfeldt. Das Trio ist in der Saison 2019/20 durch die Hölle gegangen. Mit mageren 31 Punkten am letzten Spieltag in die Relegation getaumelt, dort gerettet mit zwei wackligen Unentschieden gegen den Zweitligadritten FC Heidenheim. Das Saisonziel lautete: Europapokal.

Kein anderer Klub hätte unter diesen Vorzeichen über harte zehn Monate am Trainer festgehalten. Bis in den Spätherbst hatte Kohfeldt noch davon gekündet, so weit entfernt vom Europapokalrang sei man doch gar nicht. Und das fußballerische Potenzial reiche aus für dieses Ziel. In der Folgezeit stand Werder permanent mit eineinhalb Beinen in der Zweiten Liga. Die Verantwortlichen standen wie ein Fels vor ihrem Chefcoach. Der auch in der kommenden Saison die Verantwortung tragen darf für eine Mannschaft, die 12 von 17 Heimspielen verloren hat. Bode und Baumann beteuern, sie wären im Falle des Abstiegs mit Kohfeldt auch in eine Zweitligasaison gegangen.

Man muss die Standfestigkeit der Werder-Führung anerkennen. Bode und Baumann sind von den Fähigkeiten ihres Trainers überzeugt. Kohfeldt hat im Sommer die Qualität seines Kader überschätzt, er hat die Tempodefizite in allen Mannschaftsteilen ignoriert, er hat sich rhetorisch immer mal wieder verlaufen, er hat als Sündenbock für die krasse Verletzungsmisere einfach mal den Athletiktrainer auserkoren und feuern lassen, er hat am Ende alles Glück dieser Welt benötigt. Seine Chefs sagen: Er wird daraus lernen und stärker werden.

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Der Klub setzt mit höchster Konsequenz auf Kontinuität auf dem Trainerposten – und damit auch auf Kontinuität in der Spielweise und auf Kontinuität in der Führung des Kaders. Werder macht exakt das Gegenteil von dem, was der abgestürzte Nord-Rivale Hamburger SV seit einem Jahrzehnt praktiziert mit Trainer- und Managerwechseln fast im Monats-Rhythmus.

Werder ein Vorzeige-Projekt? Stand heute: Ja. Da hat sich eine Führungscrew den (angeblichen) Gesetzmäßigkeiten der Branche nachhaltig widersetzt. Mit der Möglichkeit, dass die unerschütterliche Überzeugung in den Trainer in ein paar Monaten als naiv eingestuft wird.

Das kann passieren. Denn wir leben in der Corona-Zeit. Werder hat erhebliche Finanzlücken. Eine tiefgreifende Kaderzäsur wird bis September nicht möglich sein: Noch unter Vertrag stehende Spieler mit mittelprächtiger Qualität werden keinen neuen Verein finden, die Millionen für dringend benötigte Verstärkungen im Bereich Aggressivität und Geschwindigkeit sind nicht da. Aber: Das ist nicht nur ein Problem für Kohfeldt – das wäre auch das Problem eines neuen Trainers gewesen.

Wie es um die Köpfe der Spieler bestellt ist nach dieser Misserfolgsserie, wie es um die Gruppendynamik steht im Kader nach Monaten mit wenigen Siegen und vielen Rückschlägen, das ist eine ganz andere Frage. Mag sein, dass irgendwann das Argument aufkommt, der Kader hätte eine neue Ansprache benötigt nach dieser Horror-Spielzeit. Es wird Experten und Laien geben, die nur darauf warten, dieses Thema anzuschieben, sollte der Start in die neue Saison holprig verlaufen. Bode und Baumann werden sich dieses Risikos bewusst sein. Die Engländer sagen dazu: The result rules – nur das Ergebnis zählt.