Rehberg: Was will Klinsmann mit seinem Tagebuch?

Jürgen Klinsmann war kurzzeitig Trainer bei Hertha BSC. Foto: dpa

Das Tagebuch von Jürgen Klinsmann wirft einige Fragen auf. Warum hat er es geschrieben? Wie kam es an die Öffentlichkeit? Und zu welchem Zweck? Kolumnist Reinhard Rehberg...

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. Machtmenschen ticken sehr ähnlich, so hat es den Anschein. Nehmen wir Friedrich Merz und Jürgen Klinsmann. Irgendwann mal ein wenig Erfolg gehabt, nach ersten Schwierigkeiten das Handtuch geworfen und abgetaucht, nach 20 Jahren das Comeback in Deutschland mit dem ultimativen Anspruch: Hallo, ich bin wieder da – ich will ab jetzt euer Big Boss sein. Merz springt vom Großkapital zurück in die Parteipolitik, Klinsmann hüpft im Fußball vom Projektleiter Nationalmannschaften (DFB, USA) in den Klubfußball. Belege für die Berechtigung der hohen Ansprüche dieser beiden - von sich maßlos überzeugten - Egomanen: Dünn gesät.

Klinsmann ist 55 Jahre alt. Kluberfahrung: Neun Monate Bayern München – mit Pauken und Trompeten gescheitert. Das war´s. Was der einstige deutsche Nationaltrainer nun binnen weniger Monate bei der Berliner Hertha angerichtet hat, das lässt sich in Worten kaum noch beschreiben. Und nun noch dieses Tagebuch.

Wie muss man sich das vorstellen: Hat der Kurzzeitcoach allabendlich in seinem Hotel gesessen und jedes Gespräch, das er am Tag auf dem Hertha-Gelände geführt hat, akribisch protokolliert? Warum? Zu welchem Zweck? Und für wen – oder in wessen Auftrag? Und wer hat dieses 22-Seiten-Pamphlet jetzt an die Boulevardpresse durchgesteckt? Und warum?

Palastrevolution in Berlin?

Seriös beantworten lassen sich diese Fragen nicht. Man muss vermuten. Könnte sein, dass der Investor Lars Windhorst seinen Interessenvertreter beauftragt hat, das Projekt Hertha bis in die hintersten Ecken zu durchleuchten und zu bewerten. In diesem Fall wäre Klinsmann zu dem Ergebnis gekommen, dass in diesem Unternehmen nahezu gar nichts stimmt. Folgerung: Windhorst müsse darauf drängen, dass umgehend die komplette Geschäftsleitung entlassen wird. Sollten sich der Geldgeber und dessen zur Macht drängender Interessenvertreter in diesem Punkt einig sein, dann müsste man in Berlin vom Versuch einer Palastrevolution sprechen.

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Dann hätten sich Klub-Präsident Werner Gegenbauer und die GmbH-Geschäftsführer Michael Preetz (Sport) und Ingo Schiller (Finanzen) ein U-Boot in den Laden geholt, dessen Besatzung ganz andere Ziele verfolgt, als in den Gesprächen vereinbart worden ist.

Die andere Variante lautet: Der in seinem Stolz und in seiner Ehre verletzte Klinsmann hat mit seinem an Windhorst gesendeten Tagebuch einen letzten Versuch gestartet, noch einmal die Deutungshoheit zu erlangen über seine Zeit in Berlin, den Investor auf seine Seite zu ziehen und ihn dazu zu bewegen, auf der Grundlage seiner Millioneninvestition im Klub alles auf den Kopf zu stellen.

Kein zweites Comeback

Beide Varianten waren und sind zum Scheitern verurteilt. Natürlich hat Windhorst mit seinem 224-Millionen-Paket Einfluss in der Hertha-GmbH. Aber der Investor besitzt mit seiner Firma Tennor eben nur 49,9 Prozent der Anteile. Heißt: Eine Machtübernahme mit uneingeschränkter Entscheidungsgewalt ist in dieser Struktur nicht möglich. Und schon erkennen wir, wofür die 50+1-Regel in Deutschland immer noch gut ist.

Das Durchstecken der abfälligen Klinsmann-Analyse an die Boulevardpresse kann nur einen Sinn haben: Die Hertha-Führung soll in Misskredit gebracht werden; es soll eine Stimmung erzeugt werden, die für die Entscheider nachteilig ist. Liest man den ein oder anderen Kommentar zu diesem Vorgang, dann ist der Plan schon in Ansätzen aufgegangen.

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Welche Rolle Lars Windhorst dabei tatsächlich spielt, das liegt im Dunkeln. Jürgen Klinsmann hat sich demaskiert als zornig-nachtragender Hochstapler. Ein zweites Comeback im deutschen Fußball wird es für ihn nicht mehr geben. Da hat der fachkundigere Friedrich Merz in der Politik (im Moment noch) bessere Karten.