Rehberg: Was die 05er besser machen als die kriselnden...

Enttäuscht: Hamburgs Valon Behrami (links) und Cleber Reis. Foto: dpa

Die Startphase in der Bundesliga läuft. Was lässt sich beobachten? Seit längerer Zeit kriselnde Traditionsklubs schaffen bislang auch in der neuen Spielzeit die Wende nicht....

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. Der 6. Spieltag gehört immer noch zur Startphase einer neuen Saison. Ein kleines Zwischenfazit kann man dennoch schon mal wagen. Auffallend ist: Traditionsreichen ehemaligen Spitzenklubs ist es auch nach diesem Transfersommer nicht gelungen, eine erkennbare Wende in ihre Negativentwicklung zu bringen, der SV Werder Bremen, der VfB Stuttgart und der Hamburger SV schaffen es nicht, auch nur in die Nähe der eigenen sportlichen Erwartungshaltungen zu kommen. Der FSV Mainz 05? Drei Spitzenspieler verloren, ein turbulenter Trainerwechsel - und die Mannschaft steht nach konstant guten Jahren schon wieder (mit zehn Punkten im Sack und noch ungeschlagen) auf einem netten vierten Platz.

Mag sein, dass sich die Verantwortlichen in Bremen, Stuttgart und Hamburg fragen, wie die Mainzer das machen. Denn das ist ja keine Momentaufnahme, sondern längst ein Trend: Die 05er machen aus weniger mehr, der Klub mit den geringeren wirtschaftlichen Mitteln ist konstant sportlich erfolgreicher als diese einstmals sogar in Europa geachteten Großunternehmen.

Nur fünf Punkte trotz 100 Millionen

In der Vorsaison waren die Mainzer Siebter mit 53 Punkten, Werder war 12. mit 39 Zählern, der VfB 15. mit 32 Zählern, der HSV schleppte sich nach Rang 16 mit mickrigen 27 Punkten über die Relegationsspiele über den Zielstrich. Und aktuell? Der HSV ist Letzter, zwei Punkte, noch kein Spiel gewonnen. Werder ist Vorletzter mit drei Punkten. Der VfB hat als 15. fünf Punkte eingesammelt. Wenn man will, kann man auch Hertha BSC noch miteinbeziehen: Die Berliner haben auch erst fünf Pünktchen vom Boden aufgelesen, obwohl im Sommer ein strategischer Partner die fußballerische Wirtschaftsgesellschaft mit knapp 100 Millionen Euro aufgerüstet hat.

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Was schließen wir daraus? Offensichtlich ist es so, dass die 05er mehr Übung darin haben, mit weniger Geld und mit ständigen Kaderveränderungen produktiv umzugehen. Und das alles mit Ruhe und Gelassenheit. Eines aber ist nur schwer nachvollziehbar: Werder, der VfB und der HSV müssen ihren Anhängern permanent den Misserfolg erklären, aber die Stadien sind voll. Die Mainzer produzieren - sieht man von der Europaliga und vom DFB-Pokal einmal ab - Erfolg, aber das Stadion ist nur noch bei den Blockbusterspielen ausverkauft. Nur in diesem Punkt macht sich die Tradition, die schillernde Vergangenheit an den renommierteren Standorten noch positiv bemerkbar.

Merkwürdig: Nicht mal 30.000 Zuschauer

In Mainz verschiebt sich womöglich gerade die Interpretation von Erfolg, die dauerhafte Bundesligazugehörigkeit an und für sich scheint dem ein oder anderen langweilig zu werden. Keine 30.000 Zuschauer in der Coface Arena beim tabellarischen Spitzenspiel am vergangenen Freitagabend gegen die TSG Hoffenheim, das ist merkwürdig. Und das ist vielleicht auch ein Fingerzeig, dass dieses putzige Etikett als fröhlicher Karnevalsverein, der eine nette Familienunterhaltung anbietet, ausgedient hat. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Hamburger haben sich gerade wieder bei einem Mäzen zusätzliche 25 Millionen Euro besorgt für den Einkaufsmarkt und im sechsten Jahr ihren sechsten Trainer neu eingestellt. Und mit welcher offensiven Dreierreihe verliert nun auch der einstige Mainzer Zweitligaspieler Joe Zinnbauer seine Spiele: Nicolai Müller - Lewis Holtby - Zsoltan Stieber. Drei ehemalige 05-Profis. Müller wollte mehr Geld verdienen, den Leihspieler Holtby konnten die Mainzer einst wegen fehlender Scheine nicht kaufen, Stieber war dem damaligen Trainer Thomas Tuchel nach dem ersten Jahr nicht gut, nicht ehrgeizig genug. Vielleicht gründet das Trio beim HSV eine neue Boyband, im Moment sieht es danach aus, als müssten die glänzend honorierten Jungs dann aber im Abstiegskampf aufspielen.

In Bremen laufen Gehaltskosten davon

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In Bremen ist ein wirtschaftlicher Konsolidierungsprozess begonnen worden. Seitdem der SV Werder nicht mehr im internationalen Geschäft vertreten ist, laufen dem Kassenwart die Gehaltskosten davon. Die 05er haben am Montagabend für 2013/14 einen Gewinn von fünf Millionen ausgewiesen. An der Weser steht seit vier Jahren Saison für Saison ein Minus von mehreren Millionen, das zu Champions-League-Zeiten prall gefüllte Festgeldkonto ist inzwischen geplündert. Die Bremer nähern sich sukzessive den Mainzer Kaderaufwendungen an. Der Umbruch hat den Klub in Abstiegskampfsphären manövriert. Manager Thomas Eichin und Trainer Robin Dutt hätten gerne mehr Qualität eingekauft, der Aufsichtsratsvorsitzende Willi Lemke hat die Stopptaste gedrückt.

Ähnlich lief das in Stuttgart in der unglücklich verlaufenen Ära des Managers Fredi Bobic: Haushaltssanierung, Kostenreduzierung, viele Trainerwechsel, am Ende musste auch der sportliche Leiter ins Gras beißen. Heilsbringer Armin Veh, der neue Trainer, hätte sich die Arbeit beim VfB "nicht so schwer vorgestellt".

Am Bruchweg haben sie gerade wieder ihre Klubführung für weitere drei Jahre im Amt bestätigt. Da geht es in dieser Zusammensetzung mit dem Präsidenten Harald Strutz und dem Manager Christian Heidel an der Spitze bald ins dritte Jahrzehnt. Und mit Kasper Hjulmand arbeitet hier im neunten Bundesligajahr gerade mal der dritte Trainer. Und der konnte es sich beim Dienstag-Mediengespräch am Trainingsgelände erlauben, in aller Ruhe über die nächsten fußballerischen Entwicklungsschritte zu sprechen. Und nicht über irgendwelche strukturellen und sportlichen Krisenszenarien. Kontinuität in der Klubführung und in der Klubarbeit zahlt sich aus.

Europa-Aus ohne innere Zerwürfnisse

Auffallend ist, dass in den genannten Traditionsklubs fast mehr über (fehlendes) Geld und (untaugliche) Strukturen palavert wird, denn über das, was tatsächlich auf dem Platz passiert. Das lenkt die Spieler ab, das entfernt die Profis von den wesentlichen Dingen - und das liefert ihnen Alibis für schlechte Leistungen und miese Ergebnisse. Die 05er haben ihr Ausscheiden in der Europaliga und im DFB-Pokal ohne innere Zerwürfnisse verkraftet. Der intelligente Hjulmand hat danach einen pragmatischen, auf eine stabile Defensive achtenden Ansatz gewählt. Das hat Punkte gebracht. Nun will er an einem konstruktiveren Aufbauspiel werkeln und an einem zielstrebigeren offensiven Umschaltspiel. "Das brauchen wir." Mit zehn Punkten im Kreuz und ohne Niederlage lässt es sich einfacher an der Entwicklung des eigenen Ballbesitzes arbeiten. Hängt man auf einem der letzten Tabellenplätze fest, dann fehlt den Spielern der Glaube an einen besseren Fußball. Und auch das Vertrauen in den Trainer.

Diese Hürde haben die 05-Profis genommen. Jetzt geht es zum Spitzenspiel beim Tabellenzweiten Borussia Mönchengladbach. Hjulmand hat beobachtet, dass viele Bundesligamannschaften recht offen spielen, im Vergleich zu vielen europäischen Klubs mit relativ weiten Abständen zwischen Abwehr und Angriff. Wenn dem so sein sollte, dann bilden die Gladbacher in diesem Punkt eine Ausnahme. Die nächste große Herausforderung für Kasper Hjulmands in diesem Moment sehr entspanntes Entwicklungsprojekt in Mainz.