Rehberg: Warum Italien ein unangenehmer Gegner ist

Italienischer Jubel nach dem Tor zum 2:0 gegen Spanien. Foto: dpa

Italien ist der Gegner, den es nun im Viertelfinale zu schlagen gilt, will Deutschland den EM-Titel holen. Der Weltmeister von 2006 feierte einen verdienten Achtelfinal-Sieg...

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. Also doch wieder Italien. Die deutsche Mannschaft trifft im EM-Viertelfinale auf - ja, nennen wir es ruhig beim Namen - auf ihren Angstgegner. Das ist eine Überraschung. Acht Spieler hatten die Spanier am Montagabend noch auf dem Platz aus dem EM-Finale 2012, als der damals amtierende Weltmeister die Italiener mit 4:0 in die Einzelteile zerlegte. Doch in Paris hat sich gezeigt, dass diese spanische Glücksgeneration nicht mehr den nötigen Punch und Willen hat auf dem Weg zu großen Titeln.

Emotional aufgeladene Turniermannschaft

Dem Team des großen Trainers Vicente del Bosque ist von einer taktisch glänzend geschulten und emotional aufgeladenen italienischen Turniermannschaft vor Augen geführt worden, dass eine Ära zu Ende gegangen ist. Bei der WM sind die Spanier beim Aus in der Gruppenphase von einer perspektivlosen holländischen Auswahl gedemütigt worden. 1:5. Diesmal war es die älteste Mannschaft des Turniers, die mit überschaubarem Talent und ohne innovative Bausteine den Titelverteidiger auf die Heimreise geschickt hat. Der 2:0-Erfolg der Italiener war hoch verdient.

Das ist in erster Linie eine überragende Trainerleistung. Antonio Conte hat sich vor dieser EM nicht geschert um den Aufbau einer neuen Mannschaft im Hinblick auf die WM 2018 in Russland. Der Trainer, der in wenigen Wochen seine Arbeit beim englischen Premier-Klub FC Chelsea aufnehmen wird, weil er von den Strukturen im italienischen Fußballverband frustriert ist, hat extrem pragmatisch und programmatisch einen Turnierkader zusammengestellt. Alter? Egal. Zukunft, Perspektive, Nachhaltigkeit? Egal. Es geht um diesen Wettbewerb in Frankreich. Alles andere ist uninteressant. Conte hat geschaut, welche Leute er für seine Spielidee benötigt. Er hat Charaktere ausgewählt, die teamfähig, ehrgeizig und arbeitswütig sind. Wie man Runde für Runde Ergebnisse zieht, das wissen italienische Spieler seit Jahrzehnten. Welche Taktik für welchen Gegner angemessen ist, das weiß Antonio Conte.

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Conte hatte sich etwas ganz anderes ausgedacht

Sein Landsmann Carlo Ancelotti, der hoch dekorierte künftige Trainer des FC Bayern, hatte vor dem Achtelfinale prophezeit: „Es wird hart für Spanien. Italien wird sich zurückziehen, die Räume schließen, hart verteidigen und kontern.“ Das haben auch die Spanier erwartet, die sich wahrscheinlich nur damit beschäftigt haben, wie sie mit ihrer Ballbesitzmaschine die Lücken im tief stehenden italienischen Deckungsverbund finden. Doch dann hatte sich Conte etwas ganz anderes ausgedacht.

Der impulsive Taktikmeister hat die spanische Spieleröffnung im Vollsprint anlaufen lassen, er hat hoch verteidigen lassen, er hat auf permanente Balleroberungen schon in der gegnerischen Hälfte gesetzt und auf ein einfach strukturiertes Umschaltverhalten mit schnellem, direktem Spiel in die Spitze. Nach der ersten Halbzeit hatten die Spanier weniger Ballbesitz, eine schlechtere Zweikampfquote und nur einen einzigen Torschuss. Die Italiener dominierten und sie hatten Torchancen und sie sind im Anschluss an einen Standard in Führung gegangen. Die Spanier wirkten, als hätte ihnen jemand den Stecker aus der Stromdose gezogen.

Das wird ein Lauf- und Kampfspiel

Damit ist jetzt schon klar: Auf einen gemütlichen eigenen Ballbesitzfußball dürfen sich die Deutschen im Viertelfinale nicht einstellen. Diese von ihrem unerwarteten Erfolg beseelten Italiener müssen überall auf dem Spielfeld aggressiv bearbeitet werden. Das wird nicht nur eine Taktikpartie, das wird auch ein Lauf- und Kampfspiel. Die DFB-Elf kann sich nicht auf ein, zwei offensive Weltklassespieler konzentrieren, die stehen Conte gar nicht zur Verfügung. Die Deutschen müssen sich mit einem defensiv kompakten und aggressiven Gegner auseinandersetzen, der nach Ballgewinnen überfallartig mit fünf, sechs Spielern mal direkt durchs Zentrum, mal über die Flügel mit kurzen Ballkontaktzeiten und im Sprinttempo in die Tiefe stürmt. Das ist extrem unangenehm.

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Die Azzurri-Stürmer hat vor diesem Turnier kaum ein Mensch gekannt. Der wuchtige Mittelstürmer: Graziano Pelle, 30 Jahre alt, gerade mal acht Länderspiele, 11 Saisontore für den englischen Mittelfeldklub FC Southampton. Die bewegliche und schnelle zweite Spitze: Eder, 29 Jahre alt, ein gebürtiger Brasilianer mit italienischer Großmutter, gerade mal sechs Länderspiele, 12 Saisontore für den FC Genua. Der trickreiche und schnelle Linksaußen: Emanuelle Giaccerini: 31 Jahre alt, gerade mal 18 Länderspiele, sieben Saisontore für den AC Bologna. Die Altmännerabwehr, die kennen wir: Keeper Gianluigi Buffon (38) sowie die drei Innenverteidigersäulen Loenoardo Bunucci (29), Giorgio Chiellini (31) und Andrea Barzagli (35) waren auch schon dabei, als das DFB-Team bei der EM 2012 an den Italienern gescheitert ist. Mit der Historie der großen Duelle mit Italien beschäftigen wir uns im Blog in den nächsten Tagen.