Rehberg: Videobeweis? Die Zweifel bleiben

Die Ingolstädter Spieler diskutieren mit dem Schiedsrichter-Assistenten. Foto: dpa

Aufregung in Dortmund: Pierre-Emerick Aubameyang köpfte für die Borussia gegen den FC Ingolstadt endlich das erlösende 1:0 (78.). Sekunden später läuft die Szene über die...

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. 6. März 2011. Die 05er liefen unter Thomas Tuchel im Kampf um einen Europaligaplatz beim Hamburger SV auf. 17. Minute: Marcell Jansen schoss auf den Mainzer Kasten, die Kugel prallte deutlich sichtbar knapp einen halben Meter vor der Torlinie auf, der Mann mit der Fahne erkannte einen Treffer – und der weit vom „Tatort“ entfernte Schiedsrichter Babak Rafati übernahm diese Entscheidung. Das umjubelte 1:0 für den HSV. Sekunden später lief die Szene im Volkspark-Stadion auf der Videowall. Viele HSV-Fans lachten sich kaputt. Die 05-Anhänger tobten. Der Mainzer Trainer schüttelte vor der Bank ungläubig sein Haupt. Auf der abschließenden Pressekonferenz plädierte Tuchel damals unmissverständlich für die Einführung des Videobeweises bei Torentscheidungen. Gut gelaunt. Denn die 05er hatten die Partie noch mit 4:2 gewonnen.

Abseitsstellung auf Videowall

Am 30. Januar 2016 hat sich für Tuchel dieses Erlebnis wiederholt. Etwas anders gelagert, aber ähnlich. Pierre-Emerick Aubameyang köpfte für Borussia Dortmund in der schwierigen Heimpartie gegen den FC Ingolstadt endlich das erlösende 1:0 (78.). Sekunden später läuft die Szene über die Videowall im Signal-Iduna-Park. Und keinem Menschen in der Arena blieb verborgen: Der Torschütze stand bei der vorbereitenden Flanke etwa 20 Zentimeter im Abseits. Die Ingolstädter schauten nach oben – und tobten. Zumal die Gäste schon der Meinung waren, ein kurioses Eigentor von Mats Hummels hätte nicht - wegen eines Offensivfouls - aberkannt werden dürfen. Und wieder hat Thomas Tuchel für die Einführung des Videobeweises plädiert. „Alle Tore sollten sofort überprüft werden.“

Ingolstädter Stimmen, wonach der Schiedsrichter doch nur mal kurz auf die Videowall hätte schauen müssen, um seine falsche Entscheidung zu revidieren, sind natürlich Unfug gewesen. Das geht nicht. Eine Tatsachenentscheidung steht. Unglücklich war es auch, genau diese Szene im Stadion zu zeigen.

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Das Salz in der Suppe?

Die Meinung, genau diese Diskussionen seien später im Fernsehen, auch in den Kneipen und an den Arbeitsplätzen das Salz in der Suppe, macht nicht zufrieden. Entscheidungen, die unmittelbar Einfluss auf das Ergebnis haben, sollten korrekt sein in einem Millionenbusiness. Aber ob man sich daran gewöhnen mag, dass jede Torentscheidung erst mit einigen Sekunden Verzögerung gefällt werden könnte? Ausgelassener Torjubel erst 30, 40 Sekunden nach dem Höhepunkt, also erst dann, wenn der Oberschiedsrichter dem Referee auf das Headset am Kopf das „Ja“ gefunkt hat und der Regelhüter endlich zur Mittellinie zeigt? Eine merkwürdige Vorstellung.

Und was passiert mit all den anderen umstrittenen Abseitsentscheidungen, in denen der Stürmer seine Aktion auf dem unverstellten Weg zum gegnerischen Tor schon abgebrochen hat? Die ließen sich nicht mehr nachstellen. Und wenn künftig jeder Stürmer – Abseitspfiff hin oder her - 30, 40, 50 Meter zum gegnerischen Tor durchziehen und das Tor schießen würde, nur um eine Oberschiedsrichter-Entscheidung zu ermöglichen, dann wäre das sicher auch nicht im Sinne eines flüssigen Fußballspiels.

Absolute Gerechtigkeit kann es nicht geben

Ereignisse wie damals in Hamburg verhindert heute schon die elektronische Überwachung der Torlinie. Vermeintliche Abseitstore, Elfmeterszenen und Tätlichkeiten auf dem Feld ließen sich überprüfen. Das Foulspiel gegen Hummels vor dessen Eigentor? Darüber lässt sich auch nach 50 Zeitlupenüberprüfungen trefflich streiten: Die Hand des Gegenspielers war am Rücken, welchen störenden Impuls das ausgelöst hat im Sinne eines strafwürdigen Foulspiels, das zeigt auch das Fernsehbild nicht. Oder nehmen wir die Strafstoßentscheidung für Stefan Kießling vor dem Treffer zum 2:0 für Bayer Leverkusen im Heimspiel gegen Hannover 96. Da sagte der Fernsehreporter: „Der Kontakt war da, die Entscheidung ist richtig.“ Der Gegenspieler hat in der Tat das Bein stehen lassen, aber Kießling suchte auch den Kontakt. Und ist Fußball nicht generell eine Kontaktsportart?

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Die kontroversen Diskussionen um den Videobeweis gehen munter weiter. Und auch die aufregenden Diskussionen um Schiedsrichterentscheidungen werden niemals aussterben. Mit und ohne Videobeweis nicht. Absolute Gerechtigkeit kann es nicht geben. Wegen des Auslegungspotenzials, das dem Regelwerk nun mal inne wohnt.