Rehberg: Um jeden Punkt ringen

Kasper Hjulmand und einige 05er nach dem Spiel gegen Hertha BSC. Foto: Sascha Kopp

Noch immer tut sich der FSV Mainz 05 schwer damit, sich als Mitkonkurrent im Abstiegskampf zu erkennen zu geben. Doch die Zeit dafür ist gekommen. Noch führen die 05er nach...

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. "Abstiegskampf muss man können." Der Satz steht wie in Stein gemeißelt. Robin Dutt hat gesprochen. Der hat leicht reden. Als Werder-Trainer ist er entlassen worden. In Bremen war man von Dutts Abstiegskampfkönnen nicht überzeugt. Jetzt ist der weise Mann Sportdirektor beim VfB Stuttgart. Den Tabellenletzten muss der Trainerveteran Huub Stevens retten. Da kann sich Dutt gemütlich zurücklehnen. Stevens inszeniert sich gerne als der alternde Westernheld, der alles gesehen, der alles erlebt hat, der alles weiß, dem niemand etwas vormachen kann - der für jedes Problem eine ultimative Lösung am Start hat. Das Motto des "Knurrers von Kerkrade": "Das ist schwer, das ist hart, das wird schwerer und härter als jemals zuvor. Aber lasst mich mal machen…!"

Restlos überzeugend wirkt das nicht in Stuttgart. Aber Diskussionen, welche Entwicklungsschritte noch ausstehen beim VfB, die gibt es nicht. Da sagt Stevens nur: Kämpfen, hinten die 0 - und vorne ein Tor. Ende. Der badische Geschichtslehrer Christian Streich ("Wenn mir net gut spiele, dann sinn mir net besser") propagiert beim Tabellenvorletzten SC Freiburg Zusammenhalt und Kampf. Jürgen Klopp propagiert beim Tabellendrittletzten Borussia Dortmund "Konsequenz im Abschluss wie vielleicht noch niemals zuvor", Kampf, einfaches Spiel und Spaß am Erfolgserlebnis. André Breitenreiter ist die Gelassenheit in Person, beim Aufsteiger SC Paderborn bricht beim Gedanken an die Zweite Liga keine Welt zusammen.

Der neue Hertha-Coach Pal Dardei übt sich "bis zum Tod" in alltagsphilosophischer Kampfrhetorik. Joe Zinnbauer predigt Rennerei und Grätschenethik ("Mit spielerischen Mitteln können wir kein Spiel gewinnen") - und irgendwie erzwingt der Hamburger SV in seinen Heimspielen trotz miserabler Leistungen im Aufbauspiel fast immer drei Punkte. Viktor Skripnik hat seinen Bremern eingehämmert: 90 Minuten gut spielen können wir im Moment nicht, aber wir können 90 Minuten leidenschaftlich rennen, Bälle erobern und im Sprinttempo die Konter fahren. Das funktioniert.

Wo bleibt der Comebackwille?

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Was soll uns diese Aufstellung sagen? Die Klubs im unteren Tabellendrittel befinden sich alle im Abstiegskampfmodus. Da kommen Botschaften rüber. Und der FSV Mainz 05? Der hängt da mittendrin, aber der Bruchwegverein, der nachweislich sehr viel weiß über diesen speziellen Wettbewerb, tut sich noch immer schwer damit, sich als Mitkonkurrent im Kellergewölbe zu erkennen zu geben. Martialische Sprüche helfen selten. Aber sich auf eine spezielle Herangehensweise zu einigen und diese in die Öffentlichkeit zu transportieren, ist förderlich: Das schafft eine besondere Atmosphäre in der Stadt, im Klub, im Kader, in der Mannschaft, im Stadion - das kündet von gelebtem Gemeinschaftsgefühl, von Kampfbereitschaft, von Widerstandsgeist, von Comebackwillen, von Aufbruchstimmung. Davon ist am Bruchweg (noch) wenig zu spüren. Doch die Zeit dafür ist gekommen.

Vier von möglichen neun Punkten haben aus dieser englischen Rückrundenstartwoche keine Befreiungswoche werden lassen. Nun geht es nach Dortmund, dann kommt das Heimderby gegen die Eintracht, dann geht es nach Hoffenheim, dann kommt Borussia Mönchengladbach, dann geht es nach Augsburg, dann kommt der VfL Wolfsburg. Egal. Muss alles erst gespielt werden. Aber mit einer normal bemühten Einstellung auf der Suche nach einer dominanten Spielweise werden das keine punkteträchtigen Wochen.

Das Feuer fehlt

Die 05er müssen aufstehen, sich straffen, bis an die Decke strecken und eine Abstiegskampfmentalität mobilisieren. Wer ein Schwellenspiel wie jenes am vergangenen Samstag gegen Hertha BSC in dieser Form wegplätschern lässt, der muss die Stopptaste drücken. Das ist nicht der Weg, der ins gelobte Land führt.

Im 05-Spiel fehlt das Feuer. Gerade auch in den Schwellenspielen. Das war zu sehen beim 1:2 in der Coface Arena gegen Werder Bremen, das war zu sehen beim 1:1 in der Coface Arena gegen den VfB Stuttgart, das war zu sehen beim 1:2 in Hamburg, das war zu sehen bei diesem 0:2 gegen die Hertha. Die 05er hatten meistens ihre spielerisch netten Phasen, aber so richtig weh getan haben sie ihren Gegnern eher selten. Den biederen Berlinern überhaupt nicht mehr.

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Das kann mental und emotional nicht der Ansatz von Mainz 05 sein. Ohne Teamspirit, ohne Punch, ohne eine extreme Laufbereitschaft und ohne Zweikampfgift, ohne Mut und ohne Lust auf die Bereitstellung sämtlicher Energiefelder wird sich diese Mannschaft aus einer schwierigen Lage nicht befreien.

Die Leistungskonstante fehlt

Der Qualitätsunterschied zwischen besseren und schwächeren Phasen binnen 90 Minuten ist zu groß bei dieser Mannschaft. Oder anders ausgedrückt: In schwächeren Phasen strahlt das Team gar keine Erfolgswahrscheinlichkeit aus. Das war sogar beim 5:0 gegen den SC Paderborn zu erleben in dem problematischen Abschnitt zwischen der 20. und 45. Minute. In diese Kategorie gehört auch die erste Halbzeit in Hannover. Und nun die kompletten 90 Minuten gegen Hertha BSC. Dieser Mannschaft fehlt eine durchschnittlich gute bis brauchbare Leistungskonstante.

Wenn aus den Schwellenspielen künftig Schlüssel- und damit auch Nervenspiele werden, dann braucht es eine verlässliche fußballerische und mentale/emotionale Leistungskonstanz. Das ist eine klassische Aufgabe für den Trainer. Aber das liegt auch in der individuellen und kollektiven Eigenverantwortung der Spieler. Die Hertha-Partie als einmaligen Unfall, als unglückliche Ausnahmeerscheinung einzusortieren, das wäre nicht mehr als der Einsatz von verschleiernden Nebelkerzen.

Kasper Hjulmand wird nicht darum herum kommen, seine anspruchsvolle Entwicklungsidee zu relativieren. Der Trainer wird daran gemessen, dass er mit den vorhandenen Profis und mit dem bis hierhin erarbeiteten spielerischen und taktischen Rüstzeug eine wehrhafte Mannschaft auf den Platz stellt. Eine Mannschaft, in der eine Flamme brennt, eine Mannschaft, die konstant bereit ist, auch mit kämpferischen Mitteln, mit Pressingwucht, Tempo, Willenskraft und Teamspirit um das Ergebnis zu ringen.

Bereitschaft, Entschlossenheit und Leidenschaft fördern

Das ist keine Absage an die Bedeutung von Ballbesitzqualität, das ist keine Absage an intelligente Passstrukturen und abgestimmte Laufwege. Hier geht es um die Reihenfolge. Es gibt Phasen - und der Wettbewerb um den Klassenverbleib gehört dazu -, da muss man sich den Zugang zum eigenen Qualitätspaket zunächst einmal erkämpfen. Da geht es um Bereitschaft, um Entschlossenheit, um Konsequenz, um Leidenschaft, um eine gemeinschaftliche Mission. Dinge lustvoll erzwingen. Den Gegner spüren lassen, dass es hier und in diesem Moment unangenehm wird.

Jürgen Klopp hat diesen Ansatz am Bruchweg mal ins Grundgesetzbuch geschrieben. Die nervlich angeschlagenen Dortmunder sind gerade dabei, sich auf diese Art und Weise ins Rennen zurückzukämpfen. Irgendwann werden auch die 05er in diese Spur zurückkehren müssen. Der Signal-Iduna-Park wäre dafür ein geeigneter Startpunkt. In Grund und Boden passen lassen sich die Dortmunder am Freitagabend wahrscheinlich nicht.