Rehberg: Über den Umgang mit Lucien Favre

Dortmunds Trainer Lucien Favre. Foto: dpa

Lucien Favre steht aktuell unter großem Erfolgsdruck. Der Trainer von Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund ist zum Siegen verdammt - und seine Kritiker schauen genau hin. ...

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. Von den Herren aus der Führungsetage hat Hans-Joachim Watzke den ersten Schlag gesetzt. Auf der Jahreshauptversammlung von Borussia Dortmund. Ja, ja, ja, ganz viel Vertrauen wolle er Lucien Favre aussprechen, sprach der Chef von der Kanzel herab. Aber, und da schwang ein „leider, leider, leider“ mit, definiere sich Fußball am Ende über Ergebnisse. Gute Ergebnisse, meinte Watzke natürlich. Siege. Und die müssten sich nicht erst nach Weihnachten, sondern sehr zügig einstellen. Günstig wäre: Noch vor dem 1. Advent.

Die nächste Spielstätte? Camp Nou. Der Gegner: FC Barcelona. Dessen Kapitän: Lionel Messi, der beste Fußballer auf diesem Erdball. Der BVB hatte keine wahrnehmbare Chance in dieser mit 1:3 verlorenen Champions-League-Partie. Kann passieren gegen einen – zumindest in einigen Momenten - lustvoll-überragenden Messi, hätten die Verantwortlichen an normalen Tagen resümiert. Diesmal sagte der Sportdirektor Michael Zorc: „Wenn man verliert, dann kann man nicht von einem positiven Neubeginn sprechen.“ Und auch Sebastian Kehl, der wahrscheinlich erst seit Jürgen Klinsmanns Start in Berlin weiß, dass er in Dortmund ein „Performance Manager“ ist, flüsterte in die TV-Mikrofone: Nein, eine Aufbruchstimmung könne man nicht ableiten von diesem Ergebnis.

Einen Tag später legte Jürgen Kohler nach, in seiner Kolumne im Fachmagazin „kicker“. Der Trainer zwinge die Mannschaft in ein System, das zu sehr auf Defensive ausgelegt sei, schreibt der einstige BVB-Stopper. Ohne großen Übergang beschäftigt sich Kohler in den nächsten Zeilen ungeniert mit potenziellen Nachfolge-Kandidaten. Daniel Farke, einst U23-Trainer beim BVB und inzwischen mit Norwich City in die Premier League aufgestiegen, sei ein interessanter Mann – aber eine riskante Lösung. Auch Mauricio Pochettino habe bei Tottenham hervorragende Arbeit geleistet. Nur habe der Argentinier keine Titel vorzuweisen, und das sei nicht gut für dessen Glaubwürdigkeit bei den BVB-Profis. Respekt. Man könnte fragen: Welche Titel hat die überwiegende Mehrheit der BVB-Spieler vorzuweisen?

Dem hoch sensiblen Lucien Favre ergeht es in Dortmund wie Niko Kovac in München: Der Trainer ist intern und in der Öffentlichkeit schon beerdigt - obwohl er noch täglich auf dem Übungsgelände die nächste Spielform ansagt und im Büro Matchpläne ausarbeitet. Schon beim Schoppen-Stammtisch auf Sport 1 am vorangegangen Sonntag hatten die geladenen TV-Experten spekuliert, Favre sei nur noch im Amt, weil die Klubführung weder auf dem eigenen Hof noch auf dem nationalen/internationalen Markt eine geeignete Ersatzlösung entdecke. Viel respektloser geht es nicht.

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Nun schlägt der BVB an diesem Wochenende bei Hertha BSC auf. „Das Spiel in Berlin wird für Favres Zukunft entscheidend sein“, schreibt Kolumnist Kohler. Nehmen wir an, die Dortmunder bezwingen die verunsicherte Klinsmann-Elf: Würde in diesem Erfolg die Wahrheit stecken, ob Favre noch oder überhaupt der geeignete BVB-Trainer ist? Und wenn Favre in Berlin verlieren sollte: Wäre das der Beleg für das Scheitern seines auf defensive Sicherheit und Überfallangriffe ausgelegten fußballerischen Ansatzes und seines eher behutsamen Führungsstils?

Die Experten hatten sich im Sommer überschlagen vor Begeisterung, wie überragend gut sich die Dortmunder verstärkt hätten. Das bestätigt sich (noch) nicht. Linksverteidiger Nico Schulz ist sportlich und mental nicht so stark, wie viele geglaubt haben. Der in Leverkusen zum Mittelfeldspieler umgeschulte Flügelstürmer Julian Brandt taugt in Dortmund nicht als Mittelstürmer. Der aus Gladbach geholte Stürmer Thorgan Hazard ist viel unterwegs, aber selten effektiv und noch seltener effizient. Der große Vordenker und Anführer Mats Hummels schwankt im Deckungszentrum zuweilen wie ein Schilfrohr im Herbststurm.

Watzke sagt, man habe den Fehler begangen, im Sommer als Ergänzung zum Joker-Torjäger Paco Alcacer keine echte 9 gekauft zu haben, die auch mit hohen Bällen etwas anzufangen weiß. Wer will, der kann auch das als Grätsche gegen Favre interpretieren: Der Schweizer liebt es von jeher, in seinem Konterstil mit der sogenannten falschen 9 zu operieren.

Wir dürfen davon ausgehen: Watzke und Zorc beschäftigen sich längst mit einer neuen Trainer-Lösung. Und dann kommt wieder mal ein Mann, der überhaupt keinen Einfluss auf die Transferstrategie hatte.