Rehberg: Tuchel und das HSV-"Projekt"

Thomas Tuchel. Foto: dpa

Dem Hamburger SV geht es im Abstiegskampf immer schlechter, die Trainersuche läuft. In aller Öffentlichkeit: Thomas Tuchel soll es werden, dessen künftiges Rekordgehalt und...

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. Am Dienstag rief ein Fußballschreiber aus Hamburg an. Moinmoin, meinte der, ja, Mensch, er wolle mal eben nachfragen, was denn der Thomas Tuchel so für ein Typ sei. Tja, Mensch, habe ich geantwortet, weiß nicht recht, fünf Jahre in ein paar Sätzen zusammenzufassen, nicht so einfach. Und außerdem wisse man doch gar nicht, wo der ehemalige Mainzer denn nun wirklich sein Ei hinlegt in den nächsten Wochen. Und ob, flötet der Kollege, alles sei festgezurrt mit dem HSV, er wisse das aus sicherer Quelle. Die zielführenden Gespräche seien abgeschlossen. Gehalt, Investitionsrahmen für neue Spieler, alles schon in trockenen Tüchern (fehlt nur noch die berühmte Tinte auf dem Tuch, denke ich mir, passiert wahrscheinlich in einem ganz engen Zeitfenster…).

Merkwürdige Transparenz in Sachen ungelegte Eier

Klar, sage ich, das stand ja auch schon überall in der Zeitung. Auch im Internet. Ob die Führungsriege des HSV ihre Sitzungen denn wohl öffentlich abhalte, frage ich noch. Oder ob der Medienchef wahlweise nach jedem Verhandlungsgespräch denn gleich eine Presseerklärung herausgibt? Eine derartige klubinterne Transparenz in Sachen ungelegte Eier mute jedenfalls sehr merkwürdig an. Lustig. Der Kollege ist leicht irritiert. Wieso denn, das sei doch normal, Bundesliga sei doch Showgeschäft, das sei doch in Mainz sicher nicht anders…

Na ja, sage ich, wenn dem so wäre, dann hätte der eigenwillige Herr Tuchel wahrscheinlich schon nach drei Jahren keine Lust mehr gehabt auf seine Festanstellung in Mainz - und streng nach seinen früheren Maßstäben dürfte er in Hamburg erst gar nicht antreten…

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Vielleicht hat sich Tuchel neu erfunden!?

Also, ich habe dem Kollegen überhaupt nichts erzählt. Tuchel hat ein Sabbatjahr eingelegt, und ob da nun überhaupt noch der "Mainzer Tuchel" im Anflug ist, das weiß doch niemand. Vielleicht hat er sich ja grundlegend gewandelt in diesen vielen Monaten zu Hause auf der Couch, mit den Kids auf dem Bretzenheimer Spielplatz, auf den Bildungsreisen in fernen Ländern und bei der Fachsimpelei am Restauranttisch mit Pep Guardiola. Vielleicht hat sich der Mann aus Krumbach im Kreis Günzburg ja völlig neu erfunden!? Und wenn jemand etwas zu erzählen hat, dann doch eher die ehemaligen Mainzer und heutigen Hamburger Profis Nicolai Müller, Zsoltan Stieber und Lewis Holtby.

Tja, schade, meint der Kollege, ich hätte da wohl eine Chance verpasst, Aufklärung zu betreiben über den künftigen HSV-Trainer, der ja sicher ein exzellenter Fachmann sei, über seine Art der Menschenführung aber könne man doch sicher geteilter Meinung sein...? Ich stöhne auf: Das sei Stoff für ein Wochenseminar, und da komme man inhaltlich nicht mit ohne vorher den dreitägigen Kurs "Grundzüge der Psychologie" absolviert zu haben. Nun gut, okay, meint der Kollege, wenn da keine Bereitschaft bestehe unter Kollegen, dann könne man wohl nichts machen. Moinmoin.

Was für ein Getöse

Was für ein Getöse. Man könnte annehmen, Tuchel hätte schon dreimal die Champions League gewonnen, sieben Meistertitel eingefahren und fünfmal den DFB-Pokal. Gut, die Gage, die da diskutiert wird, geht in diese Richtung. Tuchel werde beim "Schulden-HSV" mit 3,2 Millionen Euro Jahresgehalt aufsteigen zum Trainer mit der drittbesten Bezahlung in der Bundesliga hinter Pep Guardiola und Jürgen Klopp, hat ein Boulevardblatt bereits ausgerechnet und umgehend veröffentlicht.

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Der Mann hat noch nicht mal unterschrieben an der Alster… Und was Tuchel macht, wenn der HSV in die Zweite Liga absteigen sollte, so ganz unrealistisch ist dieses Szenario ja wohl nicht, das steht auch noch in den Sternen (wahrscheinlich nimmt er dann umgehend unbezahlten Urlaub). Am viertletzten Spieltag müssen die Hamburger in Mainz antreten, wir werden sehen, was an diesem Tag so alles auf dem Spiel steht.

Ebenso gläserne wie erfolglose HSV

Wenn Tuchel tatsächlich in Hamburg anheuert, dann hat er zumindest Wort gehalten. Ihn werde nur "ein Projekt" interessieren als nächste Aufgabe, hat der 41-Jährige am Bruchweg immer wieder betont. Kein Zweifel: Der ebenso gläserne wie erfolglose HSV ist ein Projekt. So in etwa auf einer Komplikationsstufe mit Griechenland. Nur dass die Hamburger Rettungstrojka aus gut situierten Geschäftsleuten besteht, die ihre Millionen mit großer Begeisterung in ein Fass ohne Boden stecken (damit kein falscher Eindruck entsteht: ich gönne den Griechen die Hilfsüberweisungen, aber der HSV sollte jetzt mal haushalten lernen…).

Jürgen Klopp zog einst vom Bruchweg weiter zur damals maroden Dortmunder Borussia, dort formte er einen Meister und Champions-League-Finalisten. Klopp, ein Schüler des 2013 verstorbenen Wolfgang Frank, der Begründer der Mainzer Pressingschule, empfahl als seinen Nachfolger Jörn Andersen. Der schaffte den Wiederaufstieg. Mit Kotrainer Jürgen Kramny. Der bis dahin die 05-U19 gecoacht hatte und in dieser Funktion damals ersetzt wurde durch: Thomas Tuchel.

Tuchels Schmidt-Idee

Tuchel wiederum hatte später eine Idee, wie man der Mainzer U23 neuen Schwung verleihen könnte, und zwar mit einem Schweizer, der auf den Allerweltsnamen Martin Schmidt hört. Dieser Schmidt, der als Referenz nicht mehr am Start hatte, als Tuchel bei einem bedeutungslosen Nachwuchsturnier besiegt zu haben, hievte die zweite 05-Mannschaft in die Dritte Liga. Während Tuchel als Chefcoach die Bundesligaprofis fünf Jahre lang aus allen Abstiegskämpfen heraushielt und zweimal ins internationale Geschäft führte.

Und heute? Klopp hat eine Delle in Dortmund, aber er steht immerhin im Halbfinale des DFB-Pokals. Andersen weiß immer noch nicht, warum er in Mainz nach dem Aufstieg durch Tuchel ersetzt worden ist, und so lange er das nicht weiß, geht er aus Trotz keine großen Aufgaben mehr an; im Moment hat der Norweger Spaß bei einem österreichischen Drittligisten (SV Austria Salzburg). Kramny trainiert unverdrossen den VfB Stuttgart II.

Tuchel hat möglicherweise das gesuchte Projekt in Hamburg entdeckt - und seine Einkünfte dann verdreifacht. Martin Schmidt ist auf dem besten Wege, die 05-Profis mit begeisterndem Starkstromfußball, der an die Zeiten unter Klopp und Tuchel erinnert, wieder mal von den Abstiegsrängen fern zu halten.

Schwarz führt 05 II auf Nichtabstiegsplatz

Und die zweite 05-Mannschaft? Die führt jetzt Sandro Schwarz an. Der bisherige U19-Coach, der gemeinsam mit Klopp noch zu alten Zweitligazeiten unter Frank gespielt hat und der unter dem Jungtrainer Klopp mit den 05ern in die Bundesliga aufgestiegen ist, hat die U23 in der Dritten Liga gerade mit zehn Punkten aus vier Spielen (die Serie startete direkt im Anschluss an ein 0:2 gegen Kramnys VfB II) auf den ersten Nichtabstiegsplatz gehievt.

Alle sind zufrieden.

Nur Kasper Hjulmand nicht. Der Däne, der auf Tuchel folgte. Auch Klopp fand Hjulmand gut. Aber Hjulmand weigerte sich, das von Frank, Klopp und Tuchel begründete Erbe im Sinne des Vereins zu verwalten. Diesen Riss in der Kette hat Manager Christian Heidel, der schon Wolfgang Frank angestellt hatte, schnell repariert. Aber vielleicht ist auch Kasper bald wieder zufrieden: Morten Olsen, der dänische Nationaltrainer, hat angekündigt, 2016 sein Amt zur Verfügung zu stellen. Bis dahin wird Hjulmand in Mainz noch bezahlt. Und ein Sabbatjahr wirft einen Fachmann ja nicht gleich vom Trainerkarussell runter. Siehe Tuchel.