Rehberg: Tottenhams unerschütterliche Willenskraft

Lucas Moura bejubelt seinen Siegtreffer für die Spurs. Foto: dpa

Was für ein Spiel! Die Tottenham Hotspurs drehen in nahezu aussichtsloser Lage das Champions-League-Halbfinale bei Ajax Amsterdam, ziehen durch das Letzte-Sekunde-Tor ins...

Anzeige

. Zwei berauschende Halbfinalspiele. Das grandiose 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona war eigentlich nicht mehr zu toppen. Doch das 2:3 von Ajax Amsterdam gegen die Tottenham Hotspurs war noch wilder. Da standen sich zwei Mannschaften fußballerisch und in der Mentalität in nichts nach. In der Johan-Cruyff-ArenA hatte jede der beiden Mannschaften den Finaleinzug verdient – einen Verlierer hätte es nach diesen dramatischen 108 Minuten nicht geben dürfen. Doch diese Variante kennt die gnadenlose K.o.-Runde in der Champions League nicht.

Pochettino auf einer Stufe mit Klopp

Mauricio Pochettino muss man an diesem Abend auf eine Stufe stellen mit dem Mentalitäts-Naturtalent Jürgen Klopp. Was auch immer der argentinische Coach der Hotspurs seinen Spielern in der Halbzeitpause erzählt hat, es hat Wirkung erzielt. 0:2. Nur noch 45 Minuten plus etwaiger Nachspielzeit auf der Uhr für die nötigen drei Tore nach der 0:1-Heimspiel-Niederlage. Gegen ein Ajax-Team, das in der ersten Halbzeit in den Bereichen Leidenschaft, Laufstärke, Aggressivität, Tempo und Zielstrebigkeit eine nahezu perfekte Vorstellung auf den Rasen gebrannt hat.

Es ist passiert. Noch nie in seiner Karriere hat Lucas Moura einen Hattrick erzielt. In dieser Nacht wuchs der kleine Stürmer über sich hinaus. Ein Doppelschlag kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit, das Siegtor in der fünften Nachspielminute. Lucas wer? Viereinhalb Jahre hat der Brasilianer für den FC Paris St. Germain gespielt. Ordentlich. Sonderlich aufgefallen ist er nie. Er wurde eingewechselt, als Paris im März 2017 im CL-Viertelfinale einen großen 4:0-Triumph gefeiert hat gegen den FC Barcelona. Lucas wurde früh ausgewechselt, als das Scheichteam im Rückspiel im Camp Nou mit 1:6 untergegangen ist. Im Winter 2018 wurde der flotte Angreifer verkauft. An Tottenham. Im Pariser Kader mit Neymar, Mbappé, Cavani und Di Maria war kein Platz mehr für Nebendarsteller.

Anzeige

In Amsterdam war der schmale Lucas der Hauptdarsteller. Die Paris-Stars sind in der CL längst nur noch Fernsehzuschauer. Lucas, der wahrscheinlich gar nicht in der Startelf gestanden hätte, wenn Top-Torjäger Harry Kane nicht verletzt gefehlt hätte, spielt mit Tottenham das Endspiel in Madrid gegen den FC Liverpool. Viele Spieler weinten vor Glück. Auch beim unterkühlten Pochettino flossen die Tränen.

Schwindende Kräfte bei Ajax

Welche Logik hatte die Wende in der Amsterdam-Arena? Ajax ist nicht eingebrochen. Aber den Holländern schwanden in der aufwendigen Arbeit gegen den Ball die Kräfte nach dem Vollgas-Fußball bis zur Pause. Ajax traf noch mal den Pfosten. Auf der Gegenseite trafen die Engländer kurz darauf die Latte, der Nachschuss wurde auf der Torlinie abgewehrt. Ab diesem Moment war es ein Glücksspiel. Mit dem Momentum für Lucas.

Die Einwechslung von Llorente hat Tottenham Vorteile gebracht. Der groß gewachsene Mittelstürmer machte viele lange Bälle fest im Sturmzentrum. Das Mittelfeld fand Zeit, nachzurücken und auszuschwärmen. Der Druck wurde größer, gelungene Angriffe in die Tiefe häuften sich. Der Rest war unerschütterliche Willenskraft. Tottenham hat es versucht bis zur letzten Sekunde. Das ist eine Qualität. Die darauf hinweist, dass auch das Finale gegen den Favoriten FC Liverpool ein spannendes Spektakel werden kann.

Ajax darf stolz sein auf diesen Weg. Trainer Erik ten Haag hat großartige Spieler ausgebildet und ein Topteam geformt. Mit dem Haken: Die großartigen Matthijs de Ligt, Frankie de Jong und Donny van de Beek werden in der nächsten Saison bei zahlungskräftigeren Klubs spielen.