Rehberg: Thomas Tuchel, Pep Guardiola, Mainz 05 und die Bayern

Mainz 05 gegen den FC Bayern München. Thomas Tuchel gegen Pep Guardiola. Als sein Vorbild will der 05-Coach den spanischen Welttrainer nicht bezeichnen. Aber Tuchel hat sich...

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. Pep Guardiola als persönliches Trainervorbild, so weit möchte Thomas Tuchel nicht gehen. "Weiß ich gar nicht, dafür kenne ich ihn nicht genug", erklärt der Trainer des FSV Mainz 05. Dass Tuchel von dem Starcoach des FC Bayern München sehr viel hält, dass er viel über ihn hört und liest, dass er DVD´s, Dateien und Aufzeichnungen von Trainingseinheiten des Welttrainers aus dessen großer Schaffenszeit beim FC Barcelona im Archiv hat, das gesteht der 40-Jährige bereitwillig ein. Auch Guardiols Auffassung von Fußball, dessen einzigartige Spielidee, seine Art der Mannschaftsführung haben Tuchel inspiriert. Die Betrachtungen zum Auftritt von Guardiolas Übermannschaft am kommenden Samstag in der Coface-Arena soll beginnen mit einem kleinen Rückblick.

Trainingslager 2011 im Schatten von Camp Nou

Anfang Januar 2011 absolvierten die 05er ihr Wintertrainingslager in Barcelona. Als sensationeller Tabellenzweiter nach der Vorrunde mit 33 Punkten, vier Zähler vor dem Fünften, dem großen FC Bayern. Die Mainzer trainierten im Schatten des legendären Stadions "Camp Nou", auf einem kleinen vergitterten Übungsplatz zu Füßen des weltweit bekannten Ausbildungsbauernhäuschens "La Masia". Die 05-Profis sollten den berühmten Barca-Geist (Motto: "Mehr als nur ein Klub") atmen für eine ganz besondere Fortführung dieser so besonders begonnen Spielzeit , das war Tuchels Absicht. Am Ende zogen die Mainzer als Fünfter mit gigantischen 58 Zählern in den Uefa-Cup ein. Pep Guardiola erlebte damals einen weiteren Höhepunkt seiner noch jungen Trainerkarriere: Spanischer Meister, Champions-League-Sieger und europäischer Supercup-Sieger 2011.

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Immerhin schon eine Halbzeit gewonnen

Wir sahen damals die Ligapartie FC Barcelona gegen UD Levante (der heutige Klub von Andreas Ivanschitz). 71.700 Zuschauer im Camp Nou. Nach 49 Minuten stand es noch 0:0. Dann wechselte Guardiola ein 19 Jahre altes Spielmachertalent ein: Thiago Alcantara do Nascimento, Sohn des brasilianischen Weltmeisters Mazinho, kam für den Mittelfeldarbeiter Mascherano. Ein paar Minuten später führte Barca mit 2:0, Endstand 2:1. Jener Thiago spielt am Samstag in der Coface Arena, im Trikot des seit 50 Ligaspielen ungeschlagenen FC Bayern. Und als Trainer stehen sich Thomas Tuchel und Pep Guardiola gegenüber. Beim 4:1 für die Bayern im Hinspiel hatte Tuchel immerhin schon mal die erste Halbzeit gewonnen. Dann änderte Pep seine Spielstruktur, Mario Götze kam zur Pause, die Bayern-Maschinerie rollte.

Tuchel liebt die Bescheidenheit, die Demut in Guardiolas Ansatz. Grundlage ist der hohe läuferische Aufwand, den das brutale Gegenpressing verlangt. Das hat Barca praktiziert, das machen die Bayern. Viele Experten identifizieren Guardiola nur mit seinem Perfektionismus im eigenen Ballbesitz. Nein, der Meister lässt seine Stars gnadenlos gegen die Kugel arbeiten. In der defensiven Umschaltung, sagt Tuchel, sind ständig acht, neun Bayern bereit, im Sprinttempo in rückwärtige Räume zu rennen. Nach Ballerverlusten besteht die erste Aufgabe darin, die Kugel sofort wieder zu jagen. Ein, zwei Spieler stürzen sich auf den Ballführenden, zwei, drei stellen Passwege zu, andere sichern ab, die Abwehrspieler schieben nach und begrenzen dem Gegner den bespielbaren Raum. Maloche, demütige harte Arbeit. Das ist die Basis.

Attraktivität von Ballbesitzfußball umstritten

Über die Attraktivität von Guardiolas Ballbesitzfußball lässt sich streiten. Da steht eine Passmaschine auf dem Feld, da üben Passroboter einen Passwettstreit aus. Passterror. Das braucht beim Gegner Leidensfähigkeit, sagt Tuchel. Wobei Guardiola in München sein strategisches Repertoire deutlich erweitert hat gegenüber seinen Barca-Zeiten. Der spanische Kommunikationsexperte Miguel Angel Violan berichtet in seinem Buch "Pep Guardiola - So geht´s anders", dass der Katalane aus dem Städtchen Santpedor in der Provinz Barcelona, der einst als Jugendspieler im Alter von 13 Jahren in "La Masia" einzog, sehr interessiert ist an fußballkulturellen Gegebenheiten.

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Es hat den Anschein, als akzeptiere Guardiola auch viele der spezifischen Besonderheiten in der deutschen Fußballkultur. Als die Bayern in der Vorrunde in Dortmund siegten, da verordnete der FCB-Coach seinem Team im Aufbau viele lange Bälle, die der Elf von Jürgen Klopp die Möglichkeiten nahmen zum geliebten frühen Pressing. Das wäre bei Barca undenkbar gewesen. Die Bayern dürfen auch aus der Entfernung schießen, sie dürfen aus dem Halbfeld oder von der Grundlinie flanken. Bei Barca war das verpönt. Guardiola hat auch akzeptiert, dass es hilfreich sein kann, wenn ein groß gewachsener und kantiger Mittelstürmer wie Mario Mandzukic mit einem spröden Kopfballtor den gegnerischen Abwehrwall knackt.

Bayern taktisch flexibler als Barca

Diese Flexibilität, diese Anpassungsfähigkeit an deutsche Gewohnheiten sprechen für die Intelligenz des als Sturschädel bekannten Spaniers. Thiago hat jüngst in einem Interview mit dem "Kicker" bestätigt, Bayern München sei in der Offensive taktisch tatsächlich wesentlich flexibler als damals Barca, damit auch schwerer auszurechnen. 2012 hatte sich die Guardiola-Elf im CL-Halbfinale im Rückspiel gegen Inter Mailand, das sich unter dem gnadenlosen Pragmatiker José Mourinho mit zehn Mann am eigenen Strafraum verschanzt hatte, regelrecht zu Tode gepasst. Im Finale schlug Mourinho auch den FC Bayern unter dem Passfanatiker Louis van Gaal mit dieser Blockadestrategie. Heute in München verändert Guardiola seine Strukturen im Spiel relativ zügig, wenn der Gegner wirksame Gegenargumente am Start hat.

Guardiola, der als Spieler bei der WM 1994 in den USA im Gruppenspiel Spanien gegen Deutschland (1:1) im Mittelfeld auf einen gewissen Matthias Sammer traf, hat sich in der Bundesliga erstaunlich schnell etabliert als Fixstern unter den Trainern. Wenn man bedenkt, dass der 43-Jährige erst seit 2007 auf dem Trainerstuhl sitzt, dann ist diese Entscheidungssicherheit schon erstaunlich. Im ersten Jahr führte er Barca II in die Zweite Liga. Im Folgejahr holte er mit den Barca-Profis sechs Titel, das Sextuple: Champions-League-Sieger, Meister, Pokalsieger, spanischer Supercupsieger, europäischer Supercupsieger, Klub-Weltmeister. Zuvor hatte Guardiola mit den Brasilianern Ronaldinho und Deco zwei Topstars aussortiert, nach den Triumphen schickte er Torjäger Samuel Eto`o weg. Technisch überragende Spieler - die sich nicht so gerne am Gegenpressing beteiligen mochten.