Rehberg: Scolari bringt Herzblut der Brasilianer zum Kochen,...

Er könnte gegen Brasilien in der Anfangsformation stehen: André Schürrle. Foto: dpa

Das Herzblut des brasilianischen Teams wird Trainer Felipe Scolari zum Kochen bringen, wenn er seinen Spielern predigt, für die leidenden Freunden Neymar und Thiago Silva den...

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. Zum psychologischen Handwerkszeug eines jeden Trainers gehört die Umdeutung von sehr speziellen Situationen zum eigenen Vorteil. Brasilien muss das WM-Halbfinale gegen Deutschland bestreiten ohne seinen Abwehrstrategen und Kapitän Thiago Silva und ohne seinen offensiven Fixstern Neymar. Felipe Scolari wird nun seiner Mannschaft einen emotionalen Vortrag halten: Millionen Brasilianer stehen hinter uns, 50.000 Zuschauer im Stadion in Belo Horizonte werden uns nach vorne peitschen, wir kämpfen für Thiago und Neymar - wir schenken unseren leidenden Freunden das Endspiel in unserem Haus im Maracana. Mehr wird der gewiefte Brasil-Coach nicht sagen müssen, um das Herzblut seiner Spieler auf Kochtemperaturen zu bringen.

Joachim Löw findet es schade, dass die Weltklassespieler Thiago und Neymar nicht dabei sind, das mache die Aufgabe eher noch schwieriger. Der Gegner sei dadurch moralisch noch aufgeladener und taktisch schwerer auszurechnen, sagt der deutsche Bundestrainer.

Die Realität sieht anders aus

Das sind klassische Umdeutungen. Die Realität sieht etwas anders aus. Noch wilder rennen und kämpfen als zum Beispiel in den Spielen gegen Chile und gegen Kolumbien können die Brasilianer gar nicht, da brummte diese Mannschaft emotional und athletisch bereits am Anschlag. Und dass Thiago und Neymar sportliche Verluste sind, darüber muss man nicht diskutieren. Den Brasilianern fehlt ihr Gruppenführer, der eingespielte und überlegt verteidigende Nebenmann des wie entfesselt grätschenden Abwehrfurors David Luiz. Den Brasilianern fehlt ihr einziger Ausnahmestürmer, ein außergewöhnlicher Techniker und torgefährlicher Tempodribbler, der Ballmagnet in den offensiven Zonen - für dessen Bewachung die bisherigen Gegner zwei bis drei Mann abgestellt haben.

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Das wird Auswirkungen haben auf das Spiel der Gastgeber. Thiagos Vertreter Dante vom FC Bayern ist ein hervorragender Innenverteidiger, aber er hat bislang nicht eine einzige WM-Minute Spielpraxis in den Knochen. Und der wahrscheinliche Neymar-Vertreter Willian vom FC Chelsea ist kein Stürmer, sondern ein Mittelfeldallrounder. Und wenn man nun noch bedenkt, dass Mittelstürmer Fred noch nicht mehr gezeigt hat als die Dynamik und den Aktionsradius eines AH-Spielers und dass das zerbrechlich wirkende Talent Oscar in etwa auf dem Niveau eines Mesut Özil stagniert, dann lässt sich erahnen, dass die Hauptlast im Angriff die Kraftmaschine Hulk zu tragen hat. All das macht die Brasilianer nicht stärker.

Brasilien wird physisch beeindrucken wollen

Ob es den Titelfavoriten schwächer macht, darüber wird in hohem Maße die deutsche Mannschaft bestimmen. Welche Spielentwicklung haben wir zu erwarten? Die Brasilianer werden versuchen, den im Mittelfeld spielerisch begabteren Gegner physisch zu beeindrucken, zu nerven, zu quälen. Mit leidenschaftlicher Laufbereitschaft, mit Wucht, mit Aggressivität und Tempo. Die Deutschen werden sich in ihrer Athletik steigern müssen, auch in der Zweikampfpräsenz, auch im Umschalttempo, aber die Schlagzahl der Scolari-Armee werden Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Toni Kroos in den Mittelfeldzonen nicht mitgehen können.

Die Deutschen müssen schlau spielen, sie müssen ihre Vorteile im eigenen Ballbesitz - das ruhige, präzise, kreative Passspiel, die Kombinationssicherheit, die Fähigkeit, das Tempo variieren zu können - zu ihrem Vorteil nutzen. Die DFB-Elf steht vor der Aufgabe, das wild entschlossene brasilianische Überfallkommando mit einer gelungenen Mischung aus Geduld und Zielstrebigkeit konsequent zu bremsen und auszuspielen. Und das im Idealfall binnen 90 Minuten. Denn in einer Verlängerung kämen Schweinsteiger und Khedira physisch an ihre Grenzen. Kurios, ein Duell zwischen Brasilien und Deutschland stand früher athletisch, taktisch und spielerisch unter anderen Vorzeichen.

André Schürrle könnte eine Waffe sein

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Eine Waffe könnte André Schürrle sein. Das ist der deutsche Offensivspieler neben Thomas Müller, der ohne entscheidenden Substanzverlust permanent intensive Läufe und Sprints auf den Rasen brennen kann gegen die extrem offensivfreudigen Außenverteidiger Maicon und Marcello. Der deutsche Angriff braucht in offensiven Umschaltsituationen mehr Geschwindigkeit. Gut möglich, dass Löw aber der Ballsicherheit von Özil vertraut, dann müsste der Arsenal-Star aber endlich explodieren in seinem Temperament, in seiner Lust auf Leistung.