Rehberg: Rouven Schröder auf dem Weg zur Festung

Rouven Schröder. Foto: rscp

Idylle in den Alpen - mit traumhaften Bergen und einigen Burgen dazwischen. Hier trainieren die 05er derzeit. Und Reinhard Rehberg geht in dieser Landschaft der Frage auf den...

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. Nahezu jedes Dorf in dieser Gegend schmückt auf einer Anhöhe eine Burg. Fährt man nach Saint-Vincent hinein, dann passiert man eine dieser kleinen Festungen. Und sitzt man im Stadion auf der Haupttribüne, dann erkennt man am Horizont schon die Burg des nächsten Ortes. Das Aostatal ist seit Jahrhunderten die Transitstrecke über die westlichen Alpen. Früher wanderten Siedler, Mönche, Händler, Soldaten, Bildungsreisende, Eroberer und Herrscher über den Sankt Bernhard. Die Minifestungen kontrollierten und schützten die Zugangswege in die Täler. Die Burgen gehören hier zum Landschaftsbild wie die Gipfel der mächtigen Viertausender.

Heiß und schwül ist es hier in diesen Tagen. Eine schweißtreibende Angelegenheit für die 05er in ihrem Sommertrainingslager in Norditalien. Das aus zwei Gründen besonders spannend ist: Die Mainzer bereiten sich auf eine Saison mit drei Wettbewerben vor – und es ist der Ausflug mit Rouven Schröder. Beginnen wir mit dem neuen Sportdirektor. Im Oktober wird der Sauerländer 41 Jahre alt. Ein junger Mann in diesem Geschäft. In Fürth war er schon mal als Sportlicher Leiter der Frontmann, allerdings behielt dort Präsident Helmut Hack immer den Hut auf. In Bremen plante Schröder den Kader, aber dort behielt sich der nicht uneitle Sport-Geschäftsführer Thomas Eichin vor, gegenüber der Öffentlichkeit den Sprecher zu geben. In Mainz ist der kahlköpfige Transferfachmann nun tatsächlich der Fußballboss.

Der Klub arbeitet sich auf der Entscheider- und Verwaltungsebene gerade an neuen Strukturen ab. Führung ist da aktuell nur sehr bedingt erkennbar. Schröder lässt sich von keiner Seite vereinnahmen. Er macht seinen Job. Mit großer Gelassenheit, unaufgeregt, mit einer klaren Haltung. Dafür braucht der bodenständige Mann keine Werbetafeln und keine Floskel-Hitparade. Er wägt ab, bespricht sich in sportlichen Fragen mit Trainer Martin Schmidt und in wirtschaftlichen Fragen mit Finanz-Geschäftsführer Christopher Blümlein. Im Umgang mit den Medien markiert Schröder, der hier im Aostatal immer in 05-Sportklamotten unterwegs ist, weder den starken Mann noch den anschmiegsamen Kumpel. Er beobachtet, er kommuniziert angenehm unkompliziert, er ist ansprechbar und offen. Aber er achtet auch (noch) auf sein Deckungsverhalten. Schröder lässt sich Zeit, das Vertrauen in die Zusammenarbeit soll in Ruhe wachsen.

Am Ende zählen die Ergebnisse

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Vergleiche mit Vorgänger Christian Heidel? Lassen wir das. Da tut sich jetzt kein konstruktiver Ansatz auf. Der neue Sportdirektor weiß: Am Ende zählen die Ergebnisse – und dann wird bewertet, ob die Arbeit fruchtet, ob die Transfers gezogen haben. Schröder verströmt eine natürliche Autorität und Geradlinigkeit in Verbindung mit einer wohltuenden Normalität. Kein Popanz, keine Girlanden. Sondieren, abwägen, Überzeugung aufbauen, entscheiden. Und erst reden, wenn die Arbeit getan ist.

Ein Beispiel. Schröder hat geprüft, ob als Ersatz für Julian Baumgartlinger ein in der Spielweise und in der Erfahrung/im Alter ähnlich gelagerter Bundesligaspieler auf dem Markt ist. Da war einer. Ein Startelfspieler. Ablösefrei. Aber mit Gehaltsvorstellungen, die in Mainz eine ganz neue Spitzenebene geschaffen hätte. Der Sportdirektor hat abgewunken. Und ist geräuschlos den Weg mit den entwicklungsfähigen Jungen gegangen. José Rodriguez und Jean-Pierre Gbamin. Für die bedeutet Mainz sportlich und finanziell einen sogenannten nächsten Schritt. Ihr jeweiliges Potenzial könnte den 05ern in zwei, drei Jahren einen Mehrwert eröffnen.

Hoffen auf eine gute Entwicklung

Beim jungen Johannes Geis hat das einst überragend flott und gut funktioniert: Für eine Million geholt, sofort Startelfspieler, nach zwei starken Jahren am Bruchweg für elf Millionen verkauft. Baumgartlinger kam mal für rund zwei Millionen, nach drei Jahren flatterten ihm im ablösefreien Status die ersten lukrativen Angebote auf den Tisch, verlängert, nach vier Jahren wechselte er als anerkannter Kapitän auf Optionsbasis für vier Millionen zu einem Champions-League-Klub. Danny Latza kam in mittlerem Alter ablösefrei aus der Zweiten Liga nach Mainz, im Prinzip als Ergänzung; nach nur einer Saison ist er ein Bundesligaspieler und Leistungsträger, der sehr vermisst wird, wenn er verletzt fehlt. Fabian Frei kam in mittlerem Alter als erfahrener Champions-League-Spieler nach Mainz für knapp vier Millionen Ablöse, ein Stützpfeiler für die Mannschaft ist der Schweizer EM-Spieler in seiner ersten Saison nicht geworden.

Das ist und bleibt der Mainzer Weg. Unwägbarkeiten inbegriffen. Es braucht immer auch ein wenig Glück. Verletzungspech kann von einem auf den anderen Moment alle Gegenwarts- und Zukunftshoffnungen platzen lassen. Siehe Emil Berggreen. Ausbleibende Ergebnisse können die Entwicklung von jungen Spielern erheblich stören/verzögern. Auch erfahrene Spieler benötigen manchmal einen langen Anlauf. Das alles ist nicht immer planbar. Rodriguez, Gbamin, auch der junge Suat Serdar, auch der ältere Fabian Frei können von einer guten Saisonstartphase entscheidend beflügelt werden. Bleiben die Ergebnisse aus, wird der Maschinenraum dieser Mannschaft medial am Pranger stehen. Dann ist der Sportdirektor gefragt. Rückendeckung. Mit breiten Schultern. Und dann kann Rouven Schröder Schritt für Schritt die Festung am Bruchweg werden.