Rehberg: René Vandereycken - der knorrige, brummige Belgier

Christian Heidel bei der Vorstellung von René Vandereycken. Archivfoto: Sascha Kopp

Die Serie unseres Mainz-05-Experten Reinhard Rehberg: In loser Folge blickt er auf die vier ausländischen Trainer, die seit 1990 die 05er gecoacht haben. Den Kroaten Josip Kuze...

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. Im April 2000 hatte sich der FSV Mainz 05 getrennt von Wolfgang Frank. Dessen Kotrainer Dirk Karkuth bestand in den letzten Saisonspielen die nervenaufreibende Nichtabstiegsmission 1999/2000. Dann begab sich Manager Christian Heidel mal wieder auf Trainersuche. Die Wahl fiel auf: Rene Vandereycken. Dem Belgier eilte ein guter Ruf voraus, ein einstiger international bekannter Fußballer mit einem ausgezeichneten Trainerdiplom und einigen Jahren Erfahrung als Chefcoach in der ersten belgischen Liga.

Das Projekt Vandereycken am Bruchweg scheiterte grandios. Nach den ersten 12 Spielen der Saison 2000/2001 wurde der damals 47-Jährige schon wieder entlassen. Die 05er rangierten mit 12 Punkten auf dem ersten Abstiegsplatz. Doch das war nicht der entscheidende Grund für die Beurlaubung. Es hatte sich vielmehr herausgestellt, dass bei dem Belgier überhaupt keine klare Spielstrategie erkennbar war.

Kein Wort über Fußball, System, Taktik, Matchpläne

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Dazu kam die extrem bockige Art des ehemaligen Nationalspielers, der ausschließlich knorrig, brummig, übellaunig, wortkarg auftrat. Vandereycken war ein Trainer, der einzige Übungsleiter am Bruchweg zwischen 1990 und heute, der mit Journalisten grundsätzlich nicht über Fußball, über Systeme, über Taktik, über Matchpläne, über Spielerentwicklungen sprach. Er fand mit dieser unkommunikativen Art auch nie einen Draht zur Mannschaft. Auch nicht zu den Vorstandsleuten, die gedacht hatten, der Belgier könne in Mainz den nächsten Schritt nach vorne machen in seiner Trainerkarriere.

Vandereycken taute nur dann mal kurz auf, wenn er von seinem Freund Leo Clijsters erzählte. Das war sein ehemaliger Mitspieler beim RSC Anderlecht und in der belgischen Nationalmannschaft, dessen Tochter Kim Clijsters sich im Jahr 2000 gerade aufmachte, die Damentenniswelt zu erobern. Ansonsten plauderte er noch ab und zu über seine Spielerkarriere. 233 Erstligaspiele und für einen Mittelfeldspieler stattliche 63 Tore für den FC Brügge, vier Mal Belgischer Meister. Später noch zwei Mal Meister mit dem RSC Anderlecht, dazu ein Auslandsjahr in Genua und am Ende eines in der Bundesliga (BW 90 Berlin).

50 Länderspiele für Belgien, zwei EM-Turniere (1980 und 84), zwei WM-Turniere (1982 und 86). Ein Höhepunkt: Im mit 1:2 gegen Deutschland verlorenen EM-Finale 1980 hatte Vandereycken mit einem verwandelten Strafstoß das 1:1 (76.) erzielt. Ein zweiter Höhepunkt: WM-Vierter 1986.

Als Trainer hatte der Brummbär gearbeitet bei KAA Gent, RWD Molenbeek und beim RSC Anderlecht. Und dann kam Mainz. Schon in der Sommervorbereitung war kein klarer Plan erkennbar. Nur eines: Der verdienstvolle Stammspieler und Führungsspieler Jürgen Klopp stand plötzlich nicht mehr in der Startelf. Abmontiert. Der neue Trainer läutete Klopps Karriereende ein. Der Saisonstart: ein 2:3 beim kleinen Aufsteiger SSV Reutlingen. Mit einer personell gut bestückten Elf: Wache - Bodog, Friedrich, Neustädter, Schuler - Babatz, Nehrbauer, Schwarz, Hock - Ziemer, Thurk. Dahinter standen noch interessante Spieler wie Sven Demandt, Abdul Ouakili, der junge Andrej Voronin, Gustav Policella, Robert Nikolic, Jürgen Kramny, Adrian Spyrka oder Torsten Lieberknecht. Kein schlechter Kader.

Nach 12 Punkten in 12 Spielen war klar: Der Belgier war ein Fehlgriff

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Die folgenden Ergebnisse: 2:2 gegen die Stuttgarter Kickers, 0:0 in Duisburg, 2:4 gegen Bielefeld, 1:1 in Gladbach, 1:0 gegen Fürth, 2:0 in Chemnitz (dort war mittlerweile Josip Kuze der Trainer), 1:0 gegen Saabrücken, 1:2 in Osnabrück, 0:3 gegen Ulm, 0:1 in Oberhausen, 0:2 gegen Hannover 96. Abstiegsplatz, zwei Punkte hinter LR Ahlen. Da war Schluss. Der Belgier war ein kolossaler Fehlgriff.

Die Trennung verlief unschön. Vandereycken weigerte sich, seine Mainzer Dienstwohnung aufzugeben. Obwohl er längst wieder ins belgische Hasselt umgezogen war. Die Sache ging vor Gericht. Der Belgier verlor den Prozess: Strom- und Gaszähler wiesen aus, dass die Dienstwohnung unbewohnt geblieben war im Bemessungszeitraum.

Was blieb hängen von Vandereycken? Zum einen die Ungewissheit, welches Abwehrsystem die 05er da eigentlich gespielt hatten. Das war keine echte Viererkette, die Innenverteidiger spielten gegen fest zugeordnete Stürmer, aber einen Libero gab es nicht. Zum anderen, und das blieb der einzige positive Aspekt: Vandereycken machte aus dem jungen Manuel Friedrich, hoch gerückt aus der eigenen Jugendabteilung, einen Stammspieler. Immerhin. Mit Friedrichs Transfers zu Werder Bremen und später zu Bayer 04 Leverkusen verdiente der Klub sehr viel Geld.

Und dann blieb da noch die für den Klub in die Zukunft weisende Entwicklung auf dem Trainerstuhl: "Feuerwehrmann" Eckard Krautzun ("Ich freue mich auf diese Arbeit mit den Pfälzern am Bruchsee") scheiterte trotz des starken Wintereinkaufs Blaise N´Kufo nach ein paar Monaten, und am Fastnachtsdienstag 2001 stellte Heidel - auch mangels finanzieller Ressourcen - den ins Alter gekommenen Spieler Jürgen Klopp in die Verantwortung. Klopp schaffte mit einer eindrucksvollen Erfolgsserie den Klassenverbleib. Der 05-Kulttrainer war geboren.

Vandereycken durfte dann zwischen 2006 und 2009 die belgische Nationalmannschaft trainieren. Da macht er den Sohn seines damaligen Mainzer Assistenten Jean-Pierre Stijnen (der Kotrainer war übrigens ein ausgesprochen netter Kerl) zum Nationaltorhüter. Viele Spiele gewann der Nationaltrainer mit Belgien allerdings nicht. Seit dieser Zeit ist Rene Vandereycken, der nach seiner Tätigkeit in Mainz noch kurzzeitig und erfolglos den KRC Genk und den RSC Anderlecht trainierte, Privatier.