Rehberg: Quo vadis, DFB-Team?

Jogi Löw. Foto: dpa

Nach der 0:3-Niederlage der Löw-Elf gegen einen holländischen "Kindergarten" bleibt dem Bundestrainer nicht viel Zeit, seine Mannschaft neu zu justieren.

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. 0:3 in Amsterdam. Die deutsche Nationalmannschaft hat in einem Wettbewerbsspiel (Nations League) gegen einen sicher mit Talent gesegneten, auf dem aktuellen Entwicklungsstand aber noch sehr biederen holländischen „Kindergarten“ verloren. Deshalb steht Joachim Löw direkt wieder unter sehr kritischer Beobachtung. Das ist nicht immer gerecht und nimmt zuweilen hysterische Züge an. Was zeigt: Dem Bundestrainer bleibt nicht viel Zeit, seine Mannschaft neu zu justieren.

Löw will weiter auf eine erfahrene Achse bauen. Nachvollziehbar. Die Schlüsselspieler sind nicht zu alt. Manuel Neuer (28), Mats Hummels (29), Jerome Boateng (30), Toni Kroos (28) und Thomas Müller (28) sind im besten Fußballeralter. Aber aktuell nicht in Form. Und bei ihren Klubs Bayern München und Real Madrid fliegen im Moment die Ziegel vom Dach. Löws Führungspersönlichkeiten sind angereist mit negativen Gedanken im Kopf.

Kein Antreiber im Mittelfeld

Das größere Problem ist aber die behäbige Spielweise. Seit drei Jahren mangelt es der DFB-Elf an physischer Intensität - an Dynamik, an Tempo, an Beschleunigung im Angriffsdrittel. In diesem Bereich hat Löw noch keinen Neustart positioniert. Auch personell nicht. Rechtsverteidiger Matthias Ginter ist ein Innenverteidiger; er ist nicht schnell, nicht wendig, nicht dribbelstark. Linksverteidiger Jonas Hector ist ein sehr guter Fußballer, aber kein dynamischer Seitenliniensprinter. Im Mittelfeld mit Passkönig Toni Kroos, mit Dauerläufer Joshua Kimmich und mit dem pomadigen Emre Can stand auch kein explosiver Antreiber.

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Die Angriffsreihe. Müller: ohne Form, ohne Überzeugung. Der Mittelstürmer, Mark Uth: Ein DFB-Debütant, der vom Profil her eher eine zweite Spitze ist, der als Zugang bei Schalke 04 von der Bank kommt und der zuvor in Hoffenheim davon gelebt hat, dass er in die Tiefe mit Vorlagen versorgt wurde. Timo Werner war der einzige, der Topspeed hat.

Auch mit dieser Besetzung ist es möglich, die Kugel schnell zu machen. Doch da stecken im Team noch zu viele Muster von jenem langsamen Breitwandfußball, mit dem Löw vergeblich den Versuch gewagt hat, den WM-Titel zu verteidigen. Unabhängig davon, dass die deutsche Elf Möglichkeiten hatte, den Holländern ein 1:1 abzutrotzen: Die von vielen Spielern vor der Partie bediente Floskel, man müsse jetzt erst mal hinten gut stehen und dann über Umschaltspiel zum Erfolg kommen, ist kein überzeugender Wegweiser. Man kann nach einem Eckball in Rückstand geraten. Und dann? Dann geht es darum, konsequent nach vorne zu spielen, Tempo aufzuziehen, Präsenz im Strafraum anzusteuern - und gegnerische Konter abzuklemmen.

Tempospieler benötigt

Das Löw-Team hat an der Wende geschraubt. Aber umständlich, ohne Wucht, ohne Schlagkraft. Der eingewechselte Leroy Sane, mit seinen Dribblings ein Gewinn, vergab eine Riesenchance. Am Ende wurden die Deutschen von den spielerisch überschaubar anspruchsvollen Holländern ausgekontert wie Schulbuben.

Löw steht vor der Aufgabe, in eine gut organisierte Passspielstruktur Beschleunigungselemente zu integrieren. Und dafür braucht es auf den vier Außenpositionen und auch im Mittelfeld mehr aggressive Tempospieler. Dieser Wandel ist noch nicht erkennbar. Wir wissen nicht einmal, ob sich Ballbesitzfan Löw in seinem tiefsten Inneren für diese Idee überhaupt begeistern kann.