Rehberg: „Pandemie“ statt Fußball zu Ostern

Die Fußballstadien bleiben wegen der Corona-Pandemie über Ostern leer. Foto: dpa

Für einen Fußballjournalisten ist ein freies Osterwochenende so ungewöhnlich, wie die aktuelle Situation. Kolumnist Reinhard Rehberg widmet sich daher einem bestimmten Brettspiel.

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. Ostern im Familienkreis. Als Fußballjournalist kennt man das gar nicht. Ostersamstag, Ostersonntag, Ostermontag. Irgendein Spiel in der Ersten und Zweiten Liga war immer. Teilweise verbunden mit langen Auswärtsfahrten. Und die Zeitungsausgabe für den Dienstag nach Ostern musste auch produziert werden. Wie oft haben wir Fußballschreiber das leicht blasphemische Sprachbild benutzt, die Mannschaft habe an Ostern mit einem Sieg im Abstiegskampf Wiederauferstehung gefeiert.

Ostern in diesem Jahr? Nix mit Fußball. Ich muss zugeben: Auch mal gut. Spiel, Wettkampf, Spannung? Bietet das Brettspiel. Als Student in Marburg habe ich zu Beginn der 1980er-Jahre ein Seminar besucht beim Literatur- und Medienwissenschaftler Bernward Thole. Dessen Freizeit-Leidenschaft, bis heute: das Brettspiel. 30 Jahre hat der deutsche „Spiele-Papst“ für die „Frankfurter Rundschau“ Spiele-Rezensionen geschrieben; er ist auch der Gründer des Deutschen Spiele-Archivs und Mitinitiator der Jury-Wahl „Spiel des Jahres“. Studenten hat er damals neu auf den Markt gekommene Brettspiele mit nach Hause gegeben. Wir sollten ihm dann aufschreiben, was das Spiel bei uns mental und emotional und als Gruppe ausgelöst hat. Dr. Thole hat uns – angesteckt, infiziert? Unpassend. Sagen wir: Er hat uns begeistert.

Spiel des Jahres. 2009 setzte die deutsche Jury eine Neuerscheinung aus dem Jahr 2008 auf den dritten Platz. Name: „Pandemie“. Erfunden von Matt Leacock, ein Amerikaner. 2018 erhielt das kontinuierlich weiterentwickelte kooperative Strategie-Spiel in Deutschland den „Sonderpreis der Jury“, eingestuft als pädagogisch wertvoll.

Das Spielbrett zeigt 48 große Städte der Welt. Spiel-Ziel ist es, vier auf der Welt ausgebrochene Seuchen zu bekämpfen. Die Spieler am Brett nehmen verschiedene Rollen ein: Wissenschaftler, Forscher, Arzt, Sanitäter, Betriebsexperte, Quarantäne-Spezialist, Krisenmanager, Eindämmungs-Spezialist, Einsatzleiter; in der neuesten Version gibt es auch einen Bioterroristen. Das Spiel gibt es in verschiedenen Varianten: „Pandemie – Auf Messers Schneide“, „Pandemie – Im Labor“, „Pandemie – Ausnahmezustand“. Was der kreative Leacock wahrscheinlich nicht geahnt hat: Er war seiner Zeit nur ein paar Jährchen voraus.

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Wem es jetzt etwas unbehaglich wird, der muss sich dieses Brettspiel zum Osterfest nicht unbedingt besorgen. Vielleicht gibt es ja demnächst eine etwas harmlosere Variante: „Pandemie – Der Fußball“. Geisterspiele. In denen mit Gesichtsmasken ausgerüstete Kicker 1,50 Meter Abstand halten müssen zum Gegen- und Mitspieler, Trainer hinter einer Plexiglasscheibe schreien und gestikulieren, der Schiri aus dem Homeoffice pfeift und über die Stadion-Lautsprecher das Rasengeschehen lenkt, Kameramänner in Schutzanzügen aussehen wie Astronauten, in der Halbzeitpause die Hände desinfiziert und Corona-Tests durchgezogen werden, Journalisten nach dem Abpfiff über Video-Konferenzen versorgt werden.

Blödsinn? Lassen wir das. TogetherAt-Home. Frönen wir an den Osterfeiertagen verschärft dem Spiel aller Spiele: „Mensch ärgere Dich nicht“. Und wir stellen uns vor, wie irgendwo auf der Welt die Corona-Verharmloser Donald Trump und Jair Bolsonaro an einem Tisch sitzen und „Pandemie“ spielen.