Rehberg: Ohne Pressing 0:1, mit Pressing 1:0

Druck auf den Gegenspieler. Die 05-Spieler Yunus Malli (links), Julian Baumgartlinger und Pablo de Blasis (rechts) gegen Hannovers Torschützen Jimmy Briand. Foto: dpa

Das wirkte wie ein Feldversuch. Erste Halbzeit - ohne Pressing und ohne Passgeschwindigkeit: 0:1. Zweite Halbzeit - mit Pressing und mit Passgeschwindigkeit: 1:0. Der...

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. Warum Mannschaften in der Lage sind, zwei derart unterschiedliche Halbzeitleistungen abzuliefern, wird ein ewiges Rätsel bleiben im Fußball. Wir dürfen davon ausgehen, dass dies niemals auf ausdrückliche Anordnung der Cheftrainer geschieht.

Das sieht dann manchmal aus wie eine andere Sportart. Oder zumindest wie eine andere Spielidee. Oder wie eine Trainingseinheit, in der die Mannschaft mit den weißen Trikots die Aufgabe hat, ausschließlich auf der Basis von Verschiebe- und Zustellaktionen das eigene Tor zu verteidigen - unter bewusster Vernachlässigung eigener Ballbesitzaktionen und unter kompletter Ausblendung des gegnerischen Strafraums. Das wird Kasper Hjulmand seiner Elf so nicht aufgetragen haben in Hannover als Konzept für die erste Halbzeit, das signalisierten die von seinen Spielern doch recht munter durchgezogenen ersten sechs bis acht Minuten. Danach aber war die Startenergie verpufft.

Passwege gut zugebaut

Die Hannoveraner erarbeiteten sich ihre Dominanz mit einfachen Mitteln: Vorwärtsverteidigung, aggressive Zweikampfführung in den Mittelfeldzonen, Tempoläufe im Angriffsdrittel. Na ja, überragend torgefährlich waren die Gastgeber nicht. Die 05er verbauten dem Gegner die Passwege ganz gut mit ihrer engen Wagenburgstellung. Ein Faustabwehrfehler von Loris Karius begünstigte die Hannoveraner Pausenführung. Will man dieser Vorstellung einen positiven Aspekt abringen, dann diesen: Die Außenstürmer Christian Clemens und Pablo de Blasis zeigten eine deutliche Verbesserung in ihrem Defensivverhalten. Immerhin.

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Dass die Gastgeber aber betont darauf aus waren, mit viel Personal ihr Zentrum zu verdichten und dort zu Balleroberungen zu kommen, was den 05ern Optionen eröffnete, über Seitenverlagerungen und Tempo an den Flügeln offensiv Wirkung zu erzielen, das blieb bei den Mainzern unerkannt und ungenutzt. Mit dem (kaum anspielbaren) Sami Allagui statt Shinji Okazaki als Mittelstürmer hatte das eher weniger zu tun. Schon mehr damit, dass man dem begnadeten Techniker Yunus Malli an manchen Tagen wünschen würde, es gäbe so etwas wie eine medizinisch unbedenkliche und die Dopingregeln nicht verletzende Temperamentinfusion.

Mit Pausenansprache alles neu geregelt

Binnen weniger Minuten hatte Kasper Hjulmand dann mit seiner Pausenansprache alles neu geregelt. Jetzt übten die 05er Druck aus, Druck gegen den Ball. Pressing. Das provoziert Fehler beim Gegner. Die Hannoveraner gerieten in engen Räumen unter Zeit- und Entscheidungsdruck. Aktive Balleroberungen der 05er. Und dann wurde sichtbar, dass der gegnerische Strafraum eine neue Zieloption war.

Jetzt sah man auch wieder die Sprints und Tempodribblings von Malli auf geraden Wegen in die Tiefe des Raums. Der Rumtreiber Pablo de Blasis drehte auf. Der Stratege Johannes Geis fand Zielspieler mit seinen langen Diagonalpässen hinter die gegnerische Abwehr. Der eingewechselte Winterzugang Nicolas Castillo hatte zwar keine Abschlussaktionen, aber die aggressiven Bewegungen des jungen Chilenen im Sturmzentrum beschäftigten die Innenverteidigung der - im Mittelfeld passiv gewordenen - 96er. Das Ausgleichstor durch den im Vollsprint in den Strafraum nachgestoßenen Elkin Soto hatte eine Logik.

Chancenplus: Sieg war drin

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Das 05-Rezept: Pressingdruck, Passgeschwindigkeit, intensive Läufe an den Flügeln, Sprints in die Tiefe im Angriffsdrittel. Selbst ein Auswärtssieg lag jetzt im Bereich des Möglichen. Das Chancenplus war da. Den Hannoveranern blieben nach der Pause nur noch zwei Abschlussszenen. Die Mainzer waren dominant.

Das ist ein Hinweis für die Restrückrunde: Die 05-Profis sind in der Lage, ihre Erfolgsaussichten selbst zu bestimmen. Mit Aggressivität, mit dynamischen und zielstrebigen Aktionen im Mittelfeld, mit Tempo im letzten Drittel. Stellt man sich jetzt noch Shinji Okazaki und Jonas Hofmann in der Offensivreihe vor, dann sollte sich diese Mannschaft aus dem Abstiegskampf heraushalten können. Diese Perspektive ist erkennbar nach vier Punkten aus zwei Spielen im Jahr 2015. An der individuellen und mannschaftstaktischen Qualität muss es nicht scheitern. Die Spielanlage macht den Unterschied. Pressingdruck und Temposteigerungen in der gegnerischen Hälfte. Diese Prinzipien weisen den Weg.