Rehberg: Nach der Sensation ist vor dem Alltag - aber Vorsicht!

Hatte sich seine Rückkehr in die Allianz-Arena anders vorgestellt: Uli Hoeneß. Foto: dpa

Nach dem Sensationssieg der 05er in München kehrt am Sonntag wieder der Alltag in Mainz ein. Dann haben die Rheinhessen die Chance, ihren Überraschungscoup mit einem Heimsieg...

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. Vier Gesichter, unterschiedliche Gemütslagen. Uli Hoeneß schaute neben seinem Bruder Dieter sehr griesgrämig drein bei seinem ersten Auftritt in der Allianz-Arena nach der Haftentlassung. Das 1:2 des FC Bayern gegen die 05er am Mittwochabend hat auch Karl-Heinz Rummenigge die Laune verdorben. Er wäre lieber mit acht Punkten Vorsprung zum Spitzenspiel nach Dortmund gefahren, brummte der FCB-Vorstandsboss missmutig in ein TV-Mikrofon. Nur noch fünf Zähler Rückstand auf den Tabellenführer haben wiederum Thomas Tuchel glücklich gemacht nach dem 2:0-Arbeitssieg in Darmstadt. „Jetzt liegt es an uns, was wir daraus machen“, erklärte der Dortmunder Trainer, der mit keinem Wort die nette Hilfestellung seiner ehemaligen Mainzer Spieler erwähnte. Und dann war da noch Jürgen Klopp, der in Liverpool nach dem 3:0 gegen Manchester City vor einer Kamera seit bekanntes breites Grinsen aufsetzte. Er habe gehört, Bayern habe verloren… Das freute den Kulttrainer für seine ehemaligen Mainzer u n d für seine ehemaligen Dortmunder.

Die 05er haben also viele Emotionen geweckt mit ihrem Sensationserfolg in München. Und die Elf von Martin Schmidt hat noch mal Spannung erzeugt im Titelkampf. Zumindest bis Samstagabend. Und am Sonntag zieht in Mainz wieder der Alltag ein. Dann haben die 05-Profis die Chance, ihren Überraschungscoup in der Allianz-Arena mit einem Heimsieg gegen den SV Darmstadt 98 zu vergolden. Das 2:1 von München findet Eingang in die Geschichtsbücher am Bruchweg. Das Ergebnis gegen die „Lilien“ wird historisch betrachtet eine Randnotiz bleiben. Aber die 05er würden sich die Haare raufen, ließen sie in dieser prächtigen Phase Punkte liegen gegen den regionalen Konkurrenten aus dem Kellergewölbe der Liga. Nicht jetzt. Nicht nach Siegen gegen Borussia Mönchengladbach, Schalke 04, Bayer Leverkusen und Bayern München. Die im obersten Stockwerk residierende Feinkostabteilung geplündert, dann aber ein Heimspiel gegen einen immer mehr unter Druck geratenden Abstiegskämpfer vergeigen, das wäre zumindest sehr ärgerlich.

Niemand sollte annehmen, da stünde eine triumphale Spazierfahrt durch die Coface Arena bevor. Niemand sollte annehmen, die „Lilien“-Elf, diese sperrige Kampfgemeinschaft des listigen Dirk Schuster, ließe sich von den Mainzer Gipfelstürmern so im Vorbeigehen pflücken. Nur einen Tick weniger Aufwand, weniger Laufbereitschaft, weniger Zweikampflust, weniger Tempo, weniger Konzentration und Entschlossenheit – und die Darmstädter werden bereitwillig zugreifen. Preisfrage: Auf welchem Platz steht der wehrhafte Aufsteiger in der Auswärtstabelle? Bitte Musik, bitte Bedenkzeit. Falsche Antwort. Die richtige Antwort lautet: Rang drei mit 18 Zählern – nur die beiden an der Tabellenspitze weit enteilten Überflieger, die sich an diesem Samstag im Signal-Iduna-Park duellieren, haben in fremden Stadien mehr Punkte eingesammelt.

Darmstadt ist die drittbeste Auswärtsmannschaft

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Fünf Siege, drei Remis und nur vier Niederlagen, 17:17 Tore - mit dieser Bilanz haben sich die heimschwachen Darmstädter Respekt verschafft in der Bundesliga. Zuletzt beim 2:2 in Bremen, beim 2:0 in Hoffenheim, beim 2:1 in Hannover. Wichtige Spiele gegen direkte Abstiegskampfkonkurrenten, in denen die Hessen gieriger und nervenstärker waren.

In der Allianz-Arena haben die 05er im Verlauf der 90 Minuten eine Weltklasseoffensive verteidigt: Robert Lewandowski, Franck Ribery, Arjen Robben, Kingsley Coman, Thiago, später auch noch Thomas Müller und Douglas Costa. Die Darmstädter kommen mit Sandro Wagner (28) und Marcel Heller (30). Überschaubar, könnte man meinen. Aber einer Heimmannschaft nach der anderen fällt es schwer, diese beiden - im Herbst ihrer Karriere aufblühenden - Stürmer in den Griff zu bekommen. Der 1,94 Meter lange Mittelstürmer Wagner (neun Saisontore) holt die lang und hoch nach vorn geschlagenen Bälle runter und köpft auch den ein oder anderen ins gegnerische Tornetz. Der 1,76 Meter große Rechtsaußen Heller (sechs Saisontore) sprintet mit der Kugel am Fuß in die Tiefe. Alle Gegner wissen, was da auf sie zukommt. Und fast alle haben ihre Schwierigkeiten mit diesem ungleichen konterstarken Duo. Und das gilt auch für die bis zum Exzess einstudierten Standardaktionen der „Lilien“ mit dem Endabnehmer Aytak Sulu.

Völlig andere Aufgabe gegen die Lilien

22 Prozent Ballbesitz hatten die 05er in München. Gegen die Darmstädter können es 60 bis 70 Prozent werden. Eine völlig andere Aufgabe. Die Mainzer müssen über schnelles und präzises Passspiel Lücken suchen und finden und gleichzeitig die gegnerischen Konterüberfälle kontrollieren. Und ab und zu werden auch die 05er eine Umschaltchance bekommen. Dann wird es spannend, denn Jairo kann den Rechtsverteidiger Daniel Jungwirth überlaufen. Und zum kantigen Aushilfs-Linksverteidiger Luca Caldirola könnte der unberechenbare Pablo de Blasis sehr gut passen. Und dann gibt es da ja im Sturmzentrum noch den neuen 05-Helden: Jhon Cordoba. Die Mainzer Zuschauer werden den Kolumbianer bei jeder Aktion anfeuern. Da entsteht Atmosphäre. Auch das hilft am Ende dieser sportlich und emotional intensiven und aufregenden Woche.