Rehberg: Müller gelingt alles, nur kein Tor

Deutschlands Stürmer Thomas Müller nach einer vergebenen Chance gegen Nordirland. Foto: dpa

Beim 1:0-Sieg gegen Nordirland hat Thomas Müller viel versucht, doch der Stürmer schaffte es immer noch nicht, seinen ersten EM-Treffer zu markieren. Chancenverwertung. Das...

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. Manchmal ist man Hund und manchmal Baum. Und irgendwann mache ich auch mal wieder ein gutes Spiel und vielleicht auch ein Tor. Manchmal und irgendwann. Dieser Typ ist Thomas Müller nicht. Der Bayern-Star kam im Pariser Prinzenparkstadion mit einem Gesichtsausdruck aufs Feld, der in die Seele blicken ließ: Wilde Entschlossenheit – hier und heute ist Schluss mit der halbgaren Kickerei bei dieser EM in Frankreich. Und dann spielte Müller im letzten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft beim 1:0-Sieg gegen Nordirland eine grandiose erste Halbzeit, die Fans und Experten aus dem In- und Ausland verzückte.

Dabei musste auch der fröhliche, unkomplizierte Ur-Bayer akzeptieren, dass auf dem Weg zurück zum selbstverständlichen Zugriff auf das eigene Leistungspotenzial nicht sofort wieder alles funktioniert: Müller traf mit einem rasanten Flugkopfball den Pfosten, er traf mit einer technisch sauberen Direktabnahme die Latte, er ballerte frei vor dem Kasten direkt auf den Torhüter, er schoss frei vor dem Kasten um Zentimeter am langen Eck vorbei, er bereitete mit einem unnachahmlichen Strafraumdribbling das Siegtor durch Mario Gomez vor, und das alles bis zum Pausenpfiff – doch der Stürmer schaffte es immer noch nicht, seinen ersten EM-Treffer zu markieren. Chancenverwertung. Das ist der letzte Schritt, den die gesamte DFB-Elf in der am Wochenende beginnenden K.o.-Phase noch gehen muss. Zehn variabel herausgespielte Torszenen in 45 Minuten, 14 waren es nach einer Stunde Spielzeit: Doch der in allen Bereichen unterlegene Gegner hatte bis zum Abpfiff eine Ergebnischance. Das verhagelte Joachim Löw trotz Gruppensieg ohne Gegentreffer ein wenig die Laune.

Der Matchplan ist aufgegangen

Aber der Bundestrainer wird auch froh darüber sein, dass ihm noch Arbeitsthemen bleiben. Schützenfeste in Gruppenspielen weisen selten den richtigen Weg. Aufkeimender Übermut bis hin zu Sorglosigkeit, das ist dann nicht selten die Falle ab dem Achtelfinale. Also kann sich Löw sagen: Die Defensive steht, Spieleröffnung und Mittelfeldüberbrückung funktionieren, die geforderten Laufwege und Tempobeschleunigungen im Angriffsdrittel haben wir nun auch auf dem Schläger - die Effizienz im Abschluss müssen wir uns noch erarbeiten.

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Der Matchplan ist aufgegangen. Löw wollte in der Offensive ein stark besetztes Zentrum, in dem praktisch drei Zehner ein Kombinationsspiel aufziehen und Laufwege in den gegnerischen Strafraum anbieten. Mit der Option überraschender Verlagerungen auf die Flügelpositionen, die von den weit nach vorn verschobenen Außenverteidigern zu beackern waren. Bingo. Mesut Özil hatte gute Bewegungen im rechten Halbraum, Mario Götze im linken Halbraum und Thomas Müller fädelte sich aus der Zehnerposition heraus immer wieder in die vom physisch präsenten Mittelstürmer Mario Gomez frei gesperrten Strafraumzonen ein. An der rechten Leitplanke machte der EM-Debütant Joshua Kimmich ein brillantes Spiel, links brachte sich der nicht ganz so dominante Jonas Hector ein. Aus dem Hintergrund mussten Toni Kroos, Sami Khedira, Jerome Boateng und Mats Hummels nur noch möglichst zügig und präzise die Kugel verteilen.

Die auf der letzten Linie meistens mit sechs Mann verteidigenden Nordiren fanden überhaupt keine Mittel, den Spielfluss der Deutschen zu bremsen. Zur Halbzeit hätte die variantenreich angreifende deutsche Elf mit 3:0, 4:0 oder auch 5:0 führen können, vielleicht sogar schon müssen. Die Stärken der DFB-Offensive: Kurze Ballkontaktzeiten in den eng zugestellten torgefährlichen Räumen, Beschäftigung der gegnerischen Innenverteidiger über den physisch präsenten Zentrumsspieler Gomez plus Druck über die permanent aus der zweiten Reihe in den Strafraum einlaufenden Müller, Özil und Götze, Bewegung und Geschwindigkeit in die Tiefe an den Flügeln. Doppelpässe, prallen lassen, hinterlaufen, Pässe in kleinste Lücken durchstecken – ständige Beschleunigungsimpulse, präzise Ballzirkulation. Die deutschen Spieler tobten sich aus in der nordirischen Wagenburgstellung. Wobei anzumerken ist: Eine Blaupause für die K.o.-Spiele ist dieser Matchpaln nicht – ab dem Achtelfinale warten Gegner, die taktisch und spielerisch eine bis zwei Klassen stärker sind als die tapfere „green and white armee“ aus Nordirland.

Löws Änderungen haben gegriffen

Löws Änderungen haben gegriffen. Gomez als echter Mittelstürmer, das beschäftigt die gegnerischen Stopper. Der Siegtreffer wird dem Torjäger zusätzlich Auftrieb geben. Müller als torgefährlicher Zehner im Rücken des Neuners, das mag spielerisch nicht die feinste Klinge sein, aber wen sollte das stören…? Özil im Halbraum mit erweitertem Bewegungsradius und Handungsspielraum und mit nicht der gesamten Spielmacherverantwortung auf den Schultern, das passt besser zu dem hoch sensiblen Techniker. Das gilt auch für Götze, der – abgesehen von zwei haarsträubenden Ballverlusten – ebenfalls eine deutliche Leistungssteigerung mobilisierte.

Und Kimmich als spielerisch starker, dynamischer und selbstbewusster Offensivverteidiger für Benedikt Höwedes, das war eine Erleuchtung. Dieser Vergleich ist ungerecht und sei hiermit auch zum letzten Mal angebracht: Die Entdeckung von Pep Guardiola entpuppt sich als ein mental stabiler Typ, der mit seinem Körper, mit seinen Bewegungen, mit seiner Ballsicherheit, mit seinem Gespür für die Auslösung einer Aktion im richtigen Moment an der richtigen Stelle und mit der angemessenen Energie tatsächlich Philipp Lahm ähnelt. Mag sein, dass Kimmich sogar schon besser flanken kann als der zurückgetretene Weltmeister. Kimmich hatte bei mindestens der Hälfte aller Angriffe irgendwo seine Füße im Spiel. Und verteidigen kann der 21-Jährige auch, das war in diesem Spiel nicht gefordert, aber das wissen wir von seinen Auftritten beim FC Bayern als Innenverteidiger in der Champions League. Höwedes oder Kimmich? Löw wird an dem jungen Kerl wohl nicht mehr vorbei kommen.