Rehberg: Mit offenem Visier gegen den Goliath

Die Münchner Spieler Xherdan Shaqiri, Jerome Boateng, David Alaba, Franck Ribery und Torschütze Mario Götze (von links) jubeln nach dem Tor zum 0:2 neben dem Mainzer Niko Bungert. Foto: dpa

Hätte sich der kleine David in der Auseinandersetzung mit dem Riesen Goliath auf einen Box- oder Ringkampf oder auf eine Messerstecherei eingelassen, die ungleichen physischen...

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. Der biblischen Überlieferung nach hat David eine List gewählt: Er mied den Körperkontakt und streckte den Gladiator aus der Distanz mit einer Steinschleuder nieder. Sportlich nicht ganz fair, könnte man urteilen, ein wenig hinterhältig. Aber so weit wir wissen, war das damals ja kein offiziell angekündigter Kampf, da hatten die Regeln der Olympischen Charta keine Gültigkeit.

Warum dieser Vorspann? Der kleine FSV Mainz 05 ist dem Goliath aus München nicht mit einer moralisch fragwürdigen List begegnet, sondern mit offenem Visier. Thomas Tuchel hat dem berühmten Kollegen Pep Guardiola mit klarer Ansage intelligente, knifflige taktische Aufgaben gestellt, die 05-Profis haben hart, aber immer fair gefightet und den Plan fußballerisch und mental beeindruckend stabil umgesetzt - und erst acht Minuten vor dem Schlussgong fand die Weltauswahl des FC Bayern eine Lösung. Nach dem 0:2 in der atmosphärisch wild aufgeladenen Coface Arena lässt sich feststellen: Das Guardiola-Imperium in dieser Form ist in diesem Moment nicht zu bezwingen.

Drei-Wege-Strategie

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Eine Drei-Wege-Strategie hatte der 05-Coach angekündigt. Die 05er wählten den mutigen, den aggressiven Ansatz. Nachvorneverteidigung im 4-3-3-System. Angriffspressing gegen die FCB-Spieleröffnung. Die Stürmer Nicolai Müller, Shinji Okazaki und Maxim Choupo-Moting attackierten in der vordersten Reihe. Und dahinter stürzte sich der eng nachschiebende Ja-Cheol Koo auf den ersten zentralen Aufbauspieler der Bayern, Christoph Moritz schob nach auf den möglichen zweiten Passempfänger, Johannes Geis sicherte dahinter ab. Und an den Seiten attackierten Zdenek Pospech und Jo-Hoo Park weit nach vorn verschoben. Hatte der haushohe Favorit den ersten Pressingwall überwunden und die Kombinationsmaschinerie lief in der gegnerischen Hälfte, dann verteidigten die 05er in der 4-5-1-Blockstellung. In verengten, in Überzahl zugestellten Räumen mit einem krachenden Zweikampfverhalten. Und aus den Balleroberungen heraus kamen die Gastgeber in der ersten Halbzeit und auch noch in den ersten Minuten nach der Pause zu zielstrebigen offensiven Umschaltüberfällen, häufig mit drei, vier Spielern in den torgefährlichen Räumen.

Dieses Konzept hat die gewünschte Wirkung erzielt. Die Bayern wurden gefordert wie noch nicht oft in dieser ihrer Glanzsaison mit nunmehr 18 Siegen hintereinander. Was den 05er fehlte, das war der verdiente Führungstreffer. Wenn man überhaupt etwas kritisch anmerken will, dann dies: Die 05er ließen einige günstige Konter- und Chancenentwicklungsmöglichkeiten ungenutzt liegen. Der wnedige Techniker Koo wählte nicht immer die richtige Lösung, Turbosprinter Nicolai Müller fehlte nach seiner Magen-Darm-Erkrankung unter der Woche der entscheidende Punch. Ende der Meckerei. Die 05er bewegten sich mit dem individuell übermächtigen Spitzenreiter als geschlossene Einheit auf Augenhöhe. Das größte Kompliment aus den Reihen des FC Bayern (Pep Guardiola, Arjen Robben, Thomas Müller): Diese 90 Minuten seien die beste Vorbereitung gewesen für das CL-Viertelfinalhinspiel bei Manchester United.

Umstellung unvermeidbar

Nach einer Stunde wählte Tuchel die im Drehbuch verankerte Variante III: Nico Bungert kam aufs Feld - und jetzt stand da hinten eine Fünferabwehrkette mit drei Innenverteidigern, davor die beiden Sechser Geis und Moritz. Der 05-Coach fragte auf der Pressekonferenz sich selbst: War das zu früh? Öffnete die defensivere Ausrichtung der bayrischen Passmaschine den Weg zur totalen Dominanz im Mittelfeld? Das Urteil kann nur lauten: Die Kräfte der Mainzer ließen zu diesem Zeitpunkt nach, der Pressingaufwand hatte enorme Energie und Konzentration gefordert, die Umstellung war unvermeidbar. Es war längst erkennbar, dass sich das FCB-Imperium in die Platzhälfte der 05er schob wie das riesige Raumschiff über das weiße Haus in Washington im Film "Independance Day". Choupo-Moting hatte zwar noch seine fette Chance zur Führung (59.), da lag das Mainzer Momentum in der Luft, doch alle anderen Konterangriffe prallten an den an der Mittellinie die Bälle fressenden Bayern-Gladiatoren Jerome Boateng und Javier Martinez ab. Die 05er verteidigten den Ansturm der Bayern bis zur 82. Minute glänzend. Auch mit dem überragenden jungen Torhüter Loris Karius. Ein einziger Schachzug von Tuchel ging nicht auf: Der für Koo eingewechselte Benedikt Saller, sichtlich beeindruckt von den großen Namen auf der Gegenseite, hatte Mühe, auf diesem hohen Niveau mitzuhalten.

Die Bayern? Hoch konzentriert, kampfstark, willensstark. Kaum zu beeindrucken. Uneitel genug, das 05-Angriffspressing mit langen Bällen zu überspielen und dann vorne um die zweiten Bälle zu kämpfen. Im Aufbau und in der Offensive flexibel und variantenreich, wie keine deutsche Mannschaft zuvor in mehr als 50 Jahren Bundesliga. Das Grundmuster an diesem Tag war ein 4-2-4-System. Lassen wir das. Uninteressant. Guardiola hat diesem Team diverse sich fließend verändernde Untersysteme beigebracht, die man im Detail nur in einem dicken Fachbuch beschreiben könnte. Nur ein Beispiel. Mal trieb sich Franck Ribery im Mittelfeld herum, dann stürmte Verteidiger David Alaba auf Linksaußen. Mal zog Arjen Robben nach innen und suchte Lücken im Zentrum der Mainzer Abwehr, dann hinterlief Verteidiger Philipp Lahm auf der rechten Außenbahn. Mal hielten Ribery und Robben streng ihre Außenpositionen, dann machten Alaba und Lahm Druck aus den Halbräumen heraus wie verkappte Spielmacher. Thomas Müller suchte unentwegt (aber vergeblich) Lücken hinter und neben Mittelstürmer Mario Mandzukic.

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Mit der Geschwindigkeit eines Brummkreisels

Und in der letzten halben Stunde rochierten sämtliche Offensivspieler der Bayern in der Geschwindigkeit eines Brummkreisels. Ein beeindruckend kreativ geordnetes Chaos. Guardiola forcierte das Flügelspiel. Boateng feuerte Diagonalbälle ab auf die Seiten mit einer Präzision, die digitale Steuerung vermuten ließ. Der eingewechselte Mario Götze trieb sich überall herum. Die Positionswechsel funktionierten wie eine programmierte Sortiermaschine. Erstaunlich: In jeder Minute blieb jede Angriffszone besetzt, aber ständig mit einem anderen Spieler. Die 05er verteidigten das im Block mit Glück und sehr viel Geschick. Saller verschluderte gegen das zweimal nicht funktionierende gewaltige Gegenpressing der Münchner noch zwei offene Passwege auf Okazaki. Der Rest war Bayern-Übermacht. Und dann traf der in die Spitze durchgesprintete Bastian Schweinsteiger per Kopf.

Einen Punkt hätten die 05er verdient gehabt. Aber dieses Lied haben in dieser Saison schon ganz andere Mannschaften gesungen. Lassen wir das. Die 05er sollten sich ihre Belohnung abholen am Dienstagabend mit drei Punkten in Braunschweig.