Rehberg: Mainzer verdiente Sieger im hessisch-rheinhessischen...

Die 05er jubeln nach dem 3:2-Sieg. Foto: dpa

Ein aufregender, ursprünglicher Fußballabend - mit einem Showdown, der wirkte wie eine überspitzte Inszenierung für ein auf Emotionen setzendes filmisches Derbyepos,...

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. Ein ursprünglicher Fußballabend. Traditionelles Liedgut, eine aufgeheizte Atmosphäre in einer Nostalgie-Kampfarena, eine wilde Rauferei zwischen zwei Mannschaften, die permanent und unermüdlich und mit phasenweise sehr unterschiedlichen Mitteln daran schraubten, dem Gegner die mühsam eroberte Wurst wieder vom Teller zu klauen. Und am Ende ein Showdown, der wirkte wie eine überspitzte Inszenierung für ein auf Emotionen setzendes filmisches Derbyepos. Wunderbar. Lässt man den ein oder anderen vernebelten Schreihals auf der Haupttribüne mal außen vor, dann darf man resümieren: Alle Beteiligten an diesem unterhaltsamen hessisch-rheinhessischen Kräftevergleich am Freitagabend unter Flutlicht waren sich einig, dass die Gäste aus Mainz der verdiente Sieger waren in diesem Stadionmuseum am Darmstädter Böllenfalltor.

Letzte Schuss des Abends hätte die 05er zwei Punkte kosten können

Der letzte Schuss des Abends hätte die 05er zwei Punkte kosten können. Breitbeinig wie ein Revolverheld stand Sandro Wagner da in der vierten Nachspielminute, und dann ballerte der über 90 Minuten innerlich aufgeladene Stürmerschlaks vom Elfmeterpunkt aus haushoch über das Mainzer Tordach (die Kugel soll später auf dem Pfungstädter Marktplatz gefunden worden sein). Abpfiff. Es blieb beim 2:3. Die zweite Heimniederlage für die Lilien. Der zweite Auswärtssieg für die 05er.

Wobei man anmerken muss: Die Strafstoßentscheidung stammte aus der Comedyabteilung. Der von 05-Trainer Martin Schmidt überraschend als Linksverteidiger nominierte Gonzalo Jara kann zweifellos im Zweikampf ein Metzger sein, aber in diesem Moment touchierte er den nicht minder scharfkantigen Innenverteidigerhünen Luca Caldirola am Fuß mit der Wucht eines frühlingshaften Lufthauchs. Der Italiener sprang ab und sank zu Boden, als hätte ihm der nicht eben aus der Friedensszene stammende Chilene ein Schlachterbeil in den Huf gerammt. Florian Meyer beobachtete den am äußersten Rand des Strafraums sich ereignenden Vorgang in gebückter Haltung durch ein Getümmel hindurch, da waren überhaupt keine Anzeichen erkennbar, dass der Schiedsrichter spontan eine Elfmeterentscheidung im Sinn hatte. Doch Meyer ließ sich von seinem viel näher am Geschehen stehenden Assistenten beeinflussen. Der hatte sich übertölpeln lassen vom schauspielerischen Geschick Caldirolas. Und dann hebelte Wagner den Strafstoß in den Abendhimmel.

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Erkenntnisse für beide Mannschaften

Beiden Mannschaften haben sich Erkenntnistüren geöffnet in diesen aufregenden 90 Minuten. Die Darmstädter wissen nun, dass sie extreme Schwierigkeiten haben, Siege einzufahren, wenn sie in der taktischen Disziplin, im Pressing und Gegenpressing, im sportlichen Fanatismus auch nur ein wenig unter ihrem Limit bleiben. Die 05er wissen nun, dass sie nicht nur mit Umschaltfußball zum Erfolg kommen können, sondern auch mit Ballbesitzinstrumenten. Was Martin Schmidt vor der anstehenden Länderspielpause zu dem Ausblick verleitete: „Wir müssen die Balance finden zwischen Umschaltung und Ballbesitz.“ Das könnte sich zu einer Schlüsselaufgabe entwickeln in dieser Saison.

Das war ein typisches Phasenspiel. Immer wenn die 05er Fußball spielten, wenn sie den Ball flach am Boden hielten und – mal mehr, mal weniger schnell, aber vor allem präzise - von A nach B brachten, dann waren sie dem Gegner eindeutig überlegen. Genau in diesem Momenten war der leichtfüßige Dribbler Yunus Malli der überragende, der mit Abstand beste Kicker auf dem Platz; sein Gegenspieler Peter Niemeyer hat sicher nicht gut geschlafen nach diesem einseitigen Aufeinandertreffen. Immer wenn die 05er sich vom Gegner ein wildes Rauf- und Kampfspiel - ähnlich eines Pokalduells zweier Teams aus unterschiedlichen Ligen - aufzwingen ließen, dann waren die Darmstädter ebenbürtig und ebenfalls nahe dran an einem für sie günstigen Ergebnis. In diesen Momenten flogen die Bälle über den Techniker Malli hinweg.

In der Schlussphase verschluderten die 05er mehrere erstklassige Umschaltzüge

Diese sehr unterschiedlichen Phasen wechselten in beiden Halbzeiten. In den ersten 25 Minuten waren die Mainzer mit ihren überlegten Flachpasskombinationen spielerisch haushoch überlegen. Und nach dem Treffer zum 2:2 rappelte sich das Schmidt-Team noch mal auf zu einigen konstruktiven Spielzügen. Der Lohn dafür war das von Malli glänzend eingeleitete Siegtor durch den ansonsten etwas unkonzentrierten Pablo de Blasis. In der dramatischen Schlussphase verschluderten die 05er in sperrangelweit offenen Räumen mehrere erstklassige Umschaltzüge.

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Zwingend nötig war es nicht, dass die Gäste ihre schöne und sehr verdiente 2:0-Führung aus der Hand gaben. Da war das 1:2 durch Marcel Heller. Der Sprinter war schon nach wenigen Minuten vom rechten auf den linken Flügel geflüchtet, wahrscheinlich wollte er dem harten Zugriff von Jara aus dem Weg gehen. Wirkung auf die (eher horizontal) angelegten Angriffsbemühungen der Lilien? Gar keine. Heller hatte nicht eine einzige gefährliche Aktion in die Tiefe. Und dann flutschte dem Geschwindigkeitsmonster nach einer Innendrehung im Strafraum der Ball vom Spann, Einschlag im entfernten Winkelkreuz. Die untätigen Begleiter: Daniel Brosinski und Julian Baumgartlinger - und beide dürften gewusst haben, dass sich Heller die Kugel auf seinen starken rechten Fuß schaffen muss.

Auch beim 2:2 durch den eingewechselten Aufstiegshelden Marco „Toni“ Sailer, der mit seinem zotteligen Langbart jederzeit als Doble auftreten könnte für ein Mitglied der 1970er-Jahre Kultband ZZ Top, verteidigte die 05-Abwehr schlecht. Insbesondere Rechtsverteidiger Brosinski, der seiner Topform hinterher läuft, blieb passiv gegen den vorbereitenden, bis dahin wenig auffälligen Flügelmann Konstantin Rausch. Worin sich die 05er gut behaupteten: Die Darmstädter kamen selten durch mit ihren simplen diagonalen Stratosphärenbällen auf den 1,94 Meter großen Sandro Wagner. Allerdings: Im Kampf um die abgewehrten Bälle waren die in der ersten halben Stunde meist nur hinterherlaufenden 98er in der zweiten Halbzeit aggressiver und erfolgreicher.

05er müssen ihre rechte Abwehrseite besser verdichten

Fazit für den weiteren Verlauf dieser Saison: Die 05er müssen ihre rechte Abwehrseite besser verdichten - und sie können darauf bauen, dass die Mischung aus Umschaltüberfällen und zielstrebigen Ballbesitzpassagen erfolgversprechend ist. Letzte Erkenntnisse: Yoshinori Muto wirkt überspielt, dem Japaner könnte eine Pause gut tun - dem in den wilden Phasen etwas lethargisch wirkenden Kollegen Jairo dagegen ist die mangelnde Matchpraxis (vielleicht auch die fehlende Startelfanerkennung) anzumerken, der Spanier muss konsequenter durchziehen in den offensiven Zweikämpfen.