Rehberg: "Mainzer Andrea Pirlo" führt Mainz 05 zum Sieg

Danny Latza, der "Mainzer Andrea Pirlo". Foto: Sascha Kopp

Drei Weitschusstore von einem Spieler binnen 90 Minuten, das hat es in der Bundesligageschichte sicher auch noch nicht oft gegeben. Danny Latza hat Mainz 05 quasi im Alleingang...

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. Am 7. Dezember ist Danny Latza 27 Jahre alt geworden. An diesem Samstag hat der in Gelsenkirchen geborene Mittelfeldspieler in Mainz sein 34. Bundesligaspiel absolviert. Das ist nicht viel. Wenn man bedenkt, dass dieses einstige Toptalent als U17-Nationalspieler 2006 schon mal in einem EM-Halbfinale stand (an der Seite eines gewissen Toni Kroos), dass er 2008 U19-Europameister war (an der Seite der Bender-Zwillinge), dass er schon im Januar 2009 in den Erstligakader des FC Schalke 04 aufrückte und in jener Saison seine ersten drei Profieinsätze erlebte. Dann blieb der Zug sechs Jahre in kleineren Bahnhöfen stehen. Latza hat für die Schalker nur noch in der Regionalliga gespielt, für den SV Darmstadt 98 in der Dritten Liga und für den VfL Bochum in der Zweiten Liga. Erst im Sommer 2015 wurde er von 05-Manager Christian Heidel wieder für die Bundesliga entdeckt.

Am Samstagabend hätte Latza neben dem heutigen Schalke-Macher Heidel im ZDF-Sportstudio sitzen sollen. Ging nicht. Die 05-Weihnachtsfeier hatte Vorrang. Warum überhaupt die Einladung? Latza war am Nachmittag - in seinem zweiten Startelfeinsatz nach siebenmonatiger Verletzungspause - der überragende Spieler beim Mainzer 3:1-Sieg in der Opel Arena gegen den Hamburger SV.

Wie im Märchen

Als Martin Schmidt den von Krämpfen geplagten Helden in der 90. Minute vom Feld holte, da sprangen die Tribünenbesucher von ihren Sitzen auf. „Latza“-Sprechchöre hallten durch die Arena. Der Kampftechniker hatte in der ersten Halbzeit das erste Tor in seiner Bundesligakarriere geschossen. In den zweiten 45 Minuten legte er noch die Treffer zwei und drei oben drauf. Ein Traum. Wie im Märchen. Würde ein Autor ein solches Drehbuch schreiben, der Regisseur würde das Werk wahrscheinlich ablehnen. Unrealistisch. Kitschkram. Tränendrüse. In diesem Fall war Danny Latza nicht nur der Matchwinner, er war an diesem Tag tatsächlich auch der beste Kicker auf dem Rasen. Läuferisch, kämpferisch, technisch und strategisch.

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Drei Weitschusstore von einem Spieler binnen 90 Minuten, das hat es in der Bundesligageschichte sicher auch noch nicht oft gegeben. Latza betätigte sich dabei als Innenspannkünstler. Beim 1:1 und beim 2:1 traf er flach ins entfernte Eck. Beim 3:1 hoch unters Tordach. Da bekam Malli für ein klassisches Luftloch noch einen Scorerpunkt gut geschrieben: Der erst in den zweiten 45 Minuten lebendiger werdende türkische Nationalspieler säbelte in guter Schussposition an der Strafraumgrenze über den Ball – das Abfallprodukt verwertete Latza aus dem Hinterhalt kaltblütig wie ein Präzisionsschütze. Und dann hatten die 05er ein Spiel im Sack, das bis zum Mainzer Führungstreffer auf der Kippe stand.

Hack's waghalsige Aktion war die Schlüsselphase

Der HSV war in der ersten Halbzeit ein munterer, erstaunlich offensivfreudiger, wehrhafter Gegner. Hätte der starke Nicolai Müller beim Stand von 1:0 für den HSV nicht nur die Latte getroffen und wäre der Ex-05er beim Versuch, den Abpraller ins leere Tor zu bugsieren, nicht von Alexander Hack ebenso geschickt wie waghalsig gestört worden, die Gäste wären womöglich mit einem 2:0-Vorteil in die Pause gegangen. Müller traf nicht. Neun Minuten später aber Latza. 1:1. Das war die Schlüsselphase.

Nach Latzas zweitem Tor brachen die Hamburger zusammen. Da ging gar nichts mehr. Jonas Lössl durfte noch eine nette Flugeinlage zeigen, ansonsten wurde der 05-Keeper, der beim 0:1 durch Bobby Wood das kurze Eck unzureichend abgedeckt hatte, in der zweiten Halbzeit nicht mehr beschäftigt. Und Danny Latza zeigte weiter lustvoll auf, wie sehr er dieser Mainzer Mannschaft gefehlt hat in den ersten 13 Bundesligaspielen, im DFB-Pokal und in der Europaliga. Sein Trainer pries hinterher die läuferische Leistung des Mittelfeldspielers, seine Aggressivität, sein starkes Defensivverhalten als Lückenschließer im Zentrum. Aber dieser spielintelligente Profi, der sich selbst gar nicht so wichtig nimmt, der sich seinen eigenen (nüchternen) Blick auf dieses marktschreierische Geschäft bewahrt hat, ist auch ein Gewinn im eigenen Ballbesitz.

„Mainzer Andrea Pirlo“

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Der Mann für die Arbeit zwischen den beiden Strafräumen ist der „Mainzer Andrea Pirlo“: Immer anspielbar (weil er sich intuitiv in den richtigen Räumen bewegt auf der Grundlage eines intelligenten Freilaufverhaltens), sicher und ruhig am Ball, clever in seinen Drehungen, passsicher auch unter gegnerischem Druck. Latza war gegen den HSV das, was man früher unter einem grundsoliden Spielmacher verstanden hat: Einer, der aus der Tiefe des Raums dem Spielaufbau Struktur verleiht - mit in der Mehrzahl unspektakulären, aber durchgängig effektiven Aktionen. Eine Relaisstation. Ein Chef, der immer den Ball haben will und der immer weiß, wo die Kugel als nächstes hin muss. Wir erleben einen uneitlen Spätentwickler, der gerade dabei ist, sich zum strategischen Kopf einer Bundesligamannschaft aufzuschwingen. Mit dem Erfahrungsschatz von gerade mal 34 Erstligaeinsätzen. Nur zum Vergleich: Der HSV-Geradeausläufer Dennis Diekmeier, einst Latzas Teamkollege in der Europameister-U19 von 2008, absolvierte in Mainz sein (belangloses) 166. Bundesligaspiel.

Für gehobene Unterhaltung in der Opel Arena sorgte auch Jhon Cordoba. Wenn der Kolumbianer in Form ist, dann kommt Wucht in die 05-Offensive. Diese Fußball-Lokomotive arbeitet Innenverteidiger müde. Der Mittelstürmer hatte zwar nur eine Torchance (Schuss an die Latten-Oberkante), aber er jagte seine Gegenspieler Emir Spahic und Gideon Jung 90 Minuten übers Feld. Unermüdlich. Knochenharte Zweikämpfe in Serie. Das beschäftigt den Gegner und reißt Lücken auf für die Mitspieler. Cordoba, Onisiwo und Pablo de Blasis: Eine Sturmreihe mit vor Leidenschaft sprühenden Malochern. Technisch manchmal holprig, spielerisch oft zu kompliziert. Aber wirkungsvoll.

Am Dienstagabend steigt das Rhein-Main-Derby in Frankfurt. Die 05er haben sich rechtzeitig wieder in Form gebracht. Der HSV? Der bleibt ein merkwürdiger Klub. Während der neue Vorstandsboss Heribert Bruchhagen in Wolfsburg am „Sky-Expertentisch“ noch die Vorstellung seines Ex-Klubs Eintracht Frankfurt bewertete, bettelten in Mainz Trainer Markus Gisdol und einige Spieler öffentlich darum, der nette Vorgänger Dietmar Beiersdorfer möge doch bitte als Sportdirektor weitermachen dürfen. Gibt es eigentlich ein Kopfschüttel-Emoji?