Rehberg: Mainz 05 muss sich neu aufstellen

Identität stiften und mehr Unterstützer gewinnen – das sollte Mainz 05 verinnerlichen. Archivfoto: Sascha Kopp

Wofür steht der FSV Mainz 05 – und wo will der rheinhessische Bundesliga-Klub hin? Mit diesem Fragen hat sich Fußball-Experte Reinhard Rehberg beschäftigt. Mit Blick auf...

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. An diesem Sonntag verabschieden die 05er auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ihre Strukturreform. Dafür braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Danach wissen wir, dass der Klubpräsident künftig der ehrenamtliche Vorsitzende eines bis zu vierköpfigen hauptamtlichen Vorstandes ist. Dass die Einstufung „ehrenamtlich“ im Paralleluniversum Profifußball etwas völlig anderes darstellt als im irdischen Leben – das heißt: die ehrenamtliche Führungsfigur im Profifußball wird entweder ähnlich solide entlohnt wie ein Bankdirektor oder ähnlich fürstlich wie ein Konzernmanager – darüber wird am Sonntag in der Opel Arena vielleicht noch mal diskutiert. Vielleicht auch nicht. Entscheiden soll das der künftige Aufsichtsrat. Ob dort unabhängige Köpfe/fachkundige Kontrolleure sitzen werden, das wissen wir wahrscheinlich erst im Frühjahr 2017.

Die Vereinsführung lässt sich sehr viel Zeit mit der Gestaltung der Zukunft. Wenn man bedenkt, dass Christian Heidel im Mai 2015 die Entscheidung gefällt und intern bekannt gegeben hat, dass er sich beruflich verändern will, dann werden knapp zwei Jahre vergangen sein, bis sich der Klub neu aufgestellt hat. Wenn man das denn überhaupt so nennen darf.

Worum geht es bei der Zukunftsgestaltung? Im Kern stellen wir fest, dass die 05er in diesen Zeiten Mühe haben, eine überzeugende, die Menschen emotionalisierende Identität zu präsentieren. Der Klub spielt im Europapokal. Aber das Stadion wird nicht mehr voll, die Atmosphäre in der 2011 eingeweihten Arena ist ausbaufähig, die Stimmung in der Stadt ist nicht unbedingt getragen von Begeisterung. In der zehnten Bundesliga.Saison der Klubgeschichte sucht Mainz 05 eine neue spannende Story. Die alte zieht offenbar nicht mehr. Der einstige kleine Aufsteiger, der sich mit sehr begrenzten wirtschaftlichen Mitteln als – ebenso tapfer wie intelligent kämpfendes – „gallisches Dorf“ etabliert hat, hat auf seinem wirtschaftlich und sportlich erfolgreichen Weg eine erste Sättigungsstufe erreicht.

Die Ursache für diese Entwicklung? Das ist ein sehr komplexes Thema. Das lässt sich hier nur anreißen. Die Bundesligagegner werden inzwischen als Normalität wahrgenommen, eine Stadionkarte zu ergattern ist keine exklusive Angelegenheit mehr, den 05ern fehlt in der Anhängerschar die jüngere Generation, das Publikum im Stadion wächst nur noch selten zu einer feurigen Gemeinschaft zusammen, die Opel Arena bietet außerhalb ihrer Pforten zu wenig Heimeliges, zu wenig Freizeitvergnügen. Einen alle miteinander verbindenden Menschenfänger wie einst Jürgen Klopp kann man sich nicht backen. Und natürlich hat der Klub in den vergangenen Jahren auch zu wenig um seine Anhänger geworben. Es ist bezeichnend, wenn Harald Strutz selbstverliebt und ohne Widerrede ausrufen kann: „Ich bin das Gesicht dieses Vereins!“ Wenn das stimmen sollte, dann lässt sich diese Aussage ausschließlich an der Dauerpräsenz des Präsidenten vor den Sky-Kameras festmachen. Nicht an inhaltlichen Impulsen.

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Der Stadionbesucher fühlt sich immer mehr wie ein Kunde

Und dann ist da das große Profifußball-Business. Womöglich stellen sich erste Entfremdungseffekte ein. Die Summen, die da gehandelt werden, übersteigen das Vorstellungsvermögen der Normalsterblichen. Ablösesummen jenseits der 100 Millionen, Jahresgehälter von bis zu 20 Millionen Euro. Millionenabfindungen für Trainer, die nur noch in den seltensten Fällen ihr Vertragsende im Amt erleben. Hoch dotierte Funktionäre, deren Tätigkeitsfelder zuweilen gar nicht erkennbar sind. Da mag sich mancher Stadionbesucher irgendwann fühlen wie ein Kunde, der diesem abgedrehten, um sich selbst kreisenden und sich selbst genügenden Zasterzirkus nur noch als Stimmungskulisse dient.

Im Moment tobt das Ungleichgewicht zwischen den von Konzernen/Mäzenen finanzierten Fußballunternehmen und jenen Klubs, die sich wirtschaftlich steuern über den Fußballmarkt. Die Konzern-Variante gilt als unsympathisch. Aber das auf Gewinnstreben angelegte Modell „An- und Verkauf von Spielern“ macht einen Klub nicht zwangsläufig spannender.

Wenn sich Anhänger auf überdurchschnittliche Spieler emotional gar nicht mehr einlassen, weil bekannt ist, dass die Verweildauer einiger dieser zur Ausbildung angestellten Jungprofis aus aller Herren Länder nur noch bei ein bis zwei Jahren anzusiedeln ist – weil dann der geschaffene Mehrwert umgehend in Kohle umgewandelt werden muss zur Erhaltung der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit –, dann leidet darunter eine tragfähige Bindung. Zwischen den betreffenden Spielern und dem Klub, auch zwischen den Fans und den betreffenden Spielern. Für Mainz 05 ist dieses „Mehrwert-Modell“ wirtschaftlich alternativlos. In diesem Fall muss sich der Klub überlegen, wie er andere identifikationsstiftende Inhalte verankern kann. Mit bunten Filmchen, Bildern und Stories auf der eigenen Homepage oder im „jungen“ Facebook-Portal funktioniert das offensichtlich nur bedingt.

Wofür steht der FSV Mainz 05 e.V.?

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Entwicklungen, wie sie im europäischen Spitzenfußball längst Alltag geworden sind, will in Mainz keiner haben. Beispiel Inter Mailand. Da hatte der steinreiche Indonesier Erik Thohir kürzlich 68,55 Prozent der Anteile am Inter-Unternehmen gekauft. Der rendite-orientierte Geschäftsmann installierte einen eigenen Geschäftsführer aus England – und den italienischen Trainer Roberto Mancini ersetzte er durch den Holländer Frank de Boer. In die Mannschaft investiert hat der Indonesier eher wenig. Nun hat Thohir seine Anteile an den chinesischen Elektrokonzern Suning veräußert. Da schwebten aus China fünf Konzernmanager ein, der englische Geschäftsführer wurde geschasst – und Trainer de Boer musste dem Italiener Stefano Pioli weichen. Wofür steht das traditionsreiche Inter noch?

Auch die Führungsriege in Rheinhessen muss Antworten finden auf diese Frage: Wofür steht der FSV Mainz 05 e.V. – und wo will dieser Klub hin und wie wird er wieder interessanter, spannender? Überspitzt formuliert: Wenn Klubs irgendwann mal als ein gewinn-orientiertes Im- und Export-Geschäft mit integrierter Fußballunterhaltungsabteilung nebst eigenem Medienauftritt wahrgenommen werden, dann erwärmen sie damit die Herzen der Menschen nicht mehr. Es braucht neue identifikationsstiftende Ideen. Mainz 05 muss wieder ein von Emotionen getragenes Gemeinschaftserlebnis werden. Man kann Fußball konsumieren. Oder man lebt Fußball. Mit einem von den Ultras angeregten und vom Präsidenten unterstützten neuen Leitbild, das die Abkehr vom Karnevalsformat und vom gemütlichen Familienklub-Image beinhaltet sowie die scharfe Abgrenzung von den „Konzern-Klubs“, ist es da nicht getan.

Borussia Mönchengladbach hat gerade ein neues Bauprojekt verabschiedet. Neben der Borussia-Arena entsteht ein Verwaltungsgebäude. Mit Arztpraxen, Reha-Zentrum, Büros, einem Fanshop und einem Klubmuseum. Die Borussia schafft Werte. Ein ähnlicher Plan, der den Bau neuer Trainingsplätze einbezieht, liegt auch am Bruchweg in der Schublade. Nur kümmert sich um diesen 05-Campus kein fachkundiger und arbeitswütiger Macher mehr seit dem Abgang von Christian Heidel. Rouven Schröder ist zuständig für die Kaderplanung. Das funktioniert.

Auf der Mainzer Führungsebene geht es seit vielen Monaten nur noch darum, wie eine Strukturreform so gestrickt werden kann, dass sich ein glänzend bezahlter ehrenamtlicher Langzeitpräsident ohne Geschäftsbereich darin maximal wohl fühlt. Und es geht darum, welche Alt-Vorständler auf der letzten Wegstrecke ihres Funktionärsdaseins noch ein (bezahltes) Plätzchen im Aufsichtsrat finden. Alter Wein in neuen Schläuchen. Da geht es angeblich um die Erhaltung von Erfahrung und die Wahrung von Kontinuität. Nach Fachwissen, Kreativität, Arbeitsintensität und Verantwortlichkeit auf der Entscheiderebene fragt niemand. Auch diese Entwicklung ist manchen Menschen in dieser Stadt nicht mehr sympathisch.