Rehberg: Mainz 05 hat sich selbst geschlagen

Der Mainzer Alexander Hack versucht im Duell mit Eintracht-Keeper Lukas Hradecky an den Ball zu kommen. Foto: dpa

Das 0:3 im Rhein-Main-Derby in Frankfurt klingt danach, als hätten sich die 05er mehr oder weniger chancenlos einer Spitzenmannschaft beugen müssen. Tatsächlich war die...

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. Auf der Weihnachtsfeier des Vereins durften die 05-Profis nicht viel Alkohol trinken. Weil drei Tage später…, klar, das Derby. Nach dem sportlichen Jahresabschlusstermin in Frankfurt gab es dann nichts mehr zu feiern. Da bot sich höchstens noch ein Frustsaufgelage an. Die 05er produzieren am Fließband Niederlagen, die – ganz banal ausgedrückt - nicht nötig sind. Für das menschliche Belohungssystem, das danach schreit, für hohe Motivation, sehr viel Aufwand und ordentliche bis gute Leistungen Bestätigung zu erfahren, sind diese Art von ertraglosen Vorstellungen Gift. Das 0:3 im Rhein-Main-Derby in Frankfurt klingt danach, als hätten sich die 05er mehr oder weniger chancenlos einer Spitzenmannschaft beugen müssen. Tatsächlich war die Eintracht - in der an diesem Abend relevanten Spielzeit bis zur 55. Minute - überhaupt nicht die überlegene Elf. Die spielerisch besseren Mainzer haben sich selbst geschlagen.

Die sechs Schlüsselszenen lassen sich sehr übersichtlich darstellen. Und sie belegen: Als Jhon Cordoba in jener 55. Minute beim Stand von 0:1 die Rote Karte unter die Nase gehalten bekam, da führten die nach vorne mutigeren und konstruktiveren 05er in der Chancenstatistik mit 4:1.

1. Schlüsselszene: Das 1:0 für die Gastgeber in der 18. Minute fiel aus dem Nichts. Verteiltes Spiel, Verdrängungskampf im Mittelfeld. Die Mainzer waren bemüht, druckvolle Umschaltaktionen aufzubauen. Die Frankfurter, darum bemüht, im Zentrum keine leichten Ballverluste einzustreuen, schlugen Langholz. Der 40-Meter-Flugball von Innenverteidiger David Abraham, halbwegs diagonal geschlagen aus einer tiefen Rechtsverteidigerposition heraus, brachte den Torschützen Branimir Hrgota frei zum Abschluss. Alexander Hack stand zu sorglos im Raum herum, Stefan Bell reagierte viel zu spät auf die Absetzbewegung des schnellen Schweden in den Rücken von Hack. Ein anderer Frankfurter war nicht in der Nähe. Ein simpler Gegentreffer, der sich einreiht in eine Serie von simplen Mainzer Gegentreffern in dieser Vorrunde.

2. Schlüsselszene: Im direkten Gegenzug schaffte es Jhon Cordoba nicht, ohne gegnerische Behinderung aus kurzer Entfernung die Kugel am Eintracht-Torhüter vorbei zu schieben. Der Kolumbianer scheiterte am Schienbein von Lukas Hradecky.

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3. Schlüsselszene: Nach einer Ecke von Yunus Malli parierte der finnische Nationalkeeper mit einer Blitzhand einen wuchtigen und gut platzierten Kopfball von Jean-Philipp Gbamin. Das geschah in der 24. Minute.

4. Schlüsselszene: Nach einer direkten Weiterleitung von Pablo de Blasis in die Tiefe rannte Malli von halblinks ungehindert Richtung gegnerischen Strafraum. Der türkische Nationalspieler sah im Augenwinkel Karim Onisiwo, der rechts mitsprintete. Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist die Gerade. Malli wählte diesen Weg nicht. Er zögerte kurz. Als er spürte, dass der Flur für einen Pass auf Onisiwo zugestellt ist, schloss er aus einer deutlich ungünstiger gewordenen Position mit seinem schwächeren linken Huf ab. Hradecky hatte keine große Mühe. Das geschah in der 39. Minute. Gefährliche Offensivszenen der Eintracht ab dem 1:0: keine.

5. Schlüsselszene: 41 Sekunden waren in der zweiten Halbzeit gespielt, da flutschte Hradecky ein von Gbamin abgesandter 20-Meter-Flatterball aus der Hand. Die Kugel eierte an den rechten Pfosten.

6. Schlüsselszene: Die Bodenrangelei zwischen Abraham und Cordoba im Frankfurter Strafraum in der 55. Minute. Schaut man sich die Szene in Zeitlupe und in Superzeitlupe an, dann erkennt man, dass der 05-Mittelstürmer beim Aufstehen seinen Stollenschuh für einen kurzen Moment auf der Wade des Frankfurter Innenverteidigers stehen ließ. Günter Perl wählte die Karte, die in seiner Hosentasche steckt: Rot. Kein Skandalurteil. Aber da darf man auch für den Schiedsrichter konstatieren: übertriebene Härte - in einer insgesamt überraschend sauber ablaufenden Partie. Perls Regelauslegungen waren mehrfach nicht nachvollziehbar: Eintracht-Stürmer Ante Rebic wurde bei zwei Schwalben im Mainzer Strafraum zwei Mal nicht mit Gelb bestraft – 05-Verteidiger Giulio Donati durfte ohne Bestrafung in zwei Szenen einen Ellbogenschlag ansetzen, der jeweils auch in einen Platzverweis hätte münden können.

Die 05er wehrten sich in Unterzahl tapfer. Man kann nicht behaupten, die Elf von Martin Schmidt hätte nicht alles versucht. Die Mainzer Profis hatten immer Druck auf der Kugel. Die Ausgleichschance für den eingewechselten Levin Öztunali war da, aber der Schusswinkel war schon etwas zu spitz geworden. Im direkten Gegenzug entschied der eingewechselte Aymen Barkok die Partie mit seinem brillanten Sololauf zum 2:0. Ein im Frankfurter Nordend geborener Marokkaner, 18 Jahre alt, Maschinenbau-Student. Ein schneller und eleganter Techniker. Ein Toptalent. Das zeigte sich auch bei seiner geschickten Vorbereitung für Hrgotas Treffer zum 3:0. Dieser Schwede hat nun nach 81 Bundesligaspielen für Gladbach und die Eintracht zehn Tore stehen: Fünf davon hat er in zwei Spielen gegen die 05er erzielt.

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Was den 05ern bleibt, das ist die Erkenntnis: Das Team kassiert zu viele Gegentore und zu einfach strukturierte Gegentore – und im Angriff ist in den Auswärtsspielen die Effizienz verloren gegangen. Was am Ende auf der Anzeigentafel steht, das wird in der letzten und in der vordersten Reihe produziert. Die Eintracht hat gewonnen mit einem starken Torwart und effizienten Stürmern. Die 05er müssen sich einen entscheidenden Abwehrfehler ankreiden lassen und eine mangelhafte Chancenauswertung. Die Eintracht zündet nun am Weihnachtsbaum 29 Kerzen an, die 05er „nur“ 20. Das Potenzial beider Mannschaften ist in etwa auf einer Ebene anzusiedeln. Das sollten die Mainzer in der Rückrunde als Herausforderung ansehen.