Rehberg: Mainz 05 gegen Darmstadt 98 - Zu wenig wilde Geschichten

Die Mainzer Stefan Bell (links) und Leon Balogun (rechts) streiten sich mit Peter Niemeyer (Zweiter von links) und Sandro Wagner beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Vereine um die Lufthoheit. Archivfoto: Sascha Kopp

Mainz 05 gegen Darmstadt 98 - und die Frage: Ist es ein Derby oder nicht? 16 Ligaduelle gab es zwischen diesen beiden Klubs seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Bilanz: Neun Siege...

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. Im Ruhrgebiet ereignen sich die vielen traditionsreichen Fußballderbys alle im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die regionalen Bundesliga-Konkurrenten der rheinland-pfälzischen Mainzer sind in Hessen angesiedelt. Also wird immer wieder darüber diskutiert: Darf man die Auseinandersetzungen der 05er mit der Frankfurter Eintracht und mit dem SV Darmstadt 98 als Derby bezeichnen? Wir tun das einfach. Eintracht-Fans stört das. Die „Lilien“-Anhänger? Die freuen sich einfach darüber, dass sie in der deutschen Eliteliga dabei sind - und dass sie an diesem Sonntag überhaupt nicht weit fahren müssen zum Auswärtsspiel in Mainz. 16 Ligaduelle gab es zwischen diesen beiden Klubs seit dem Zweiten Weltkrieg: 14 davon zwischen 1974 und 1993 in der Zweiten Liga, zwei in der Vorsaison in der Bundesliga. Die Bilanz: Neun Siege für die Mainzer, fünf für die Darmstädter, nur zwei Remis.

Zu wenig wilde Geschichten ranken sich um Derbyhistorie

Was diesen Rhein-Main-Höhepunkten fehlt, das ist eindeutig die Dichte an direkten Duellen. Da ist noch zu wenig Patina drauf. Da ranken sich zu wenige wilde Geschichten um diese überschaubare Derbyhistorie. Wenn man heute einem 05-Fan mittleren Alters erzählt, wie der große Norbert Hönnscheidt mal in der Zweitliga-Abstiegsrunde 1992 das 1:0-Siegtor erzielte gegen die „Lilien“ und 4.000 Zuschauer im alten Bruchwegstadion einen Jubelorkan entfachten, dann erzielt das eine ähnliche Wirkung, wie wenn man davon berichten, dass es mal Zeiten gab, in denen Telefongeräte an einer Schnur hingen und man sich damit nicht mehr als einen halben Meter vom Wohnzimmertisch wegbewegen konnte.

In der Vorsaison haben die Mainzer am Böllenfalltor mit 3:2 gewonnen, damals jagte 98-Torjäger Sandro Wagner in der 90. Minute einen Elfmeter übers Tordach. Immerhin. Im Rückspiel gab es ein 0:0. Keine Aufreger. Bis auf die Tatsache, dass Sandro Wagner provozierte und Giulio Donati die Rote Karte sah. Immerhin.

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Keine Brüller

An diesem Sonntag sitzt 05-Ehrenkapitän Dimo Wache als Torwarttrainer auf der Darmstädter Bank. Und 98-Präsidiumsberater Tom Eilers hat in den frühen 1990er-Jahren mal im 05-Kasten gestanden. Der ehemalige 05-Marketingmann Klaus Drach versucht heute in Darmstadt, den Bau eines neuen Stadions zu koordinieren. 98-Mittelfeldspieler Mario Vrancic ist ein ehemaliges 05-Talent, das sein Bundesligadebüt feierte am letzten Spieltag 2006/07 - als die Mainzer in die Zweite Liga abgestiegen sind. Leon Balogun ist vor knapp eineinhalb Jahren direkt vom Böllenfalltor an den Bruchweg gewechselt. Keine Brüller. Aber immerhin.

Und doch wird es sehr heiß hergehen an diesem Sonntag in der Opel Arena. Die 05er leiten ihren zweiten Saisonblock ein mit Bundesliga, Europaliga und DFB-Pokal. Heimspiel gegen Darmstadt, am kommenden Donnerstag Heimspiel gegen den RSC Anderlecht, am Sonntag drauf geht es zum - von 05-Langzeitmanager Christian Heidel neu aufgestellten - FC Schalke 04. Das ist die erste aufregende Etappenserie im zweiten Block. Und da käme ein Auftaktsieg im Derby natürlich sehr gelegen. Zumal die 05er einen überzeugenden ersten Drei-Wettbewerbe-Block hingelegt haben – allerdings noch ohne Heimsieg. Den zu bewerkstelligen, das wird den Mainzer Profis ein Anliegen sein. Die ungewohnte Favoritenrolle ist da nur ein Nebenaspekt.

Gelegen kommt dem Mainzer Chefcoach Martin Schmidt, dass die Darmstädter unter Norbert Meier mehr Fußball spielen als noch unter dessen Vorgänger Dirk Schuster. Letzterer war ein gnadenloser Defensiv- und Ergebnisfreak. Schuster war die spielerische Darbietung seines Teams egal. Meier arbeitet (auch) mit Spieleröffnungsmustern und mit Passfolgen im Mittelfeld. Das sollte den 05ern zumindest in einigen Situationen Pressing- und Umschaltchancen eröffnen. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die 05er in dieser Spielzeit ihre Ballbesitzqualität sukzessive verbessert haben. Im Aufbau aktive Innen- und Außenverteidiger, bespielte Halbräume über einrückende Außenstürmer, diagonale Seitenverlagerungen: Auch die Alternativelemente zum Konterfußball können den Gegner in Schwierigkeiten bringen.

Aber Derbys leben in der Regel mehr von der Laufbereitschaft, von der Zweikampfaggressivität, von der Leidenschaft, von der Willenskraft. Und von Schlüsselmomenten. Das Ergebnis wird gemacht in der Abwehr- und in der Angriffsreihe. Beim 0:0 in Wolfsburg haben die 05er ganz pragmatisch ihre erste Partie ohne Gegentor organisiert - in den Spielen davor hat das Schmidt-Team eine imponierende Effizienz im Torabschluss gezeigt. Gelingt es, diese beiden Qualitäten miteinander zu verbinden in den 90 Minuten gegen Darmstadt 98, dann klappt es mit dem ersten Heimsieg. Ein arbeitsintensiver Sonntag wird das aber allemal für die 05-Profis.