Rehberg: „Les Bleus“ auf dem Dach der Welt

Die französischen Spieler lassen ihren Trainer Didier Deschamps hochleben. Foto: dpa

Frankreich ist Weltmeister. Didier Deschamps hat es geschafft. Einen Tag nach dem Nationalfeiertag in Frankreich stehen „Les Bleus“ auf dem Dach der Welt. Zurecht. Denn der...

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. Frankreich ist Weltmeister. Didier Deschamps hat es geschafft. Der sture Baske steht in einer Reihe mit Franz Beckenbauer und Mario Zagallo: Weltmeister als Spieler – und 20 Jahre danach auch Weltmeister als Trainer. Eine sehr besondere Leistung. Denn Deschamps hat 2018 in Russland die zweitjüngste Mannschaft des Turniers zum Titel geführt. Die Kroaten haben im Finale mutig nach vorne gespielt. Zufälligkeiten haben den insgesamt stabileren Franzosen den Weg geebnet.

Einen Tag nach dem Nationalfeiertag in Frankreich stehen „Les Bleus“ auf dem Dach der Welt, wie es Deschamps ausgedrückt hat. Der Mann mit dem kantigen Schädel hat seiner Mannschaft jenen Spielstil eingeimpft, den er selbst als Spieler verkörpert hat: keine kunstvoll verzierten Girlanden, sondern harte Arbeit, taktische Disziplin in der Defensivarbeit, Hingabe, Mentalität - nichts anderes zählt als der Erfolg der Mannschaft. Die Franzosen stellten mit ihrem Mittelblock um Raphael Varane, Samuel Umtiti, N´Golo Kanté und Paul Pogba die beste Defensive bei diesem Turnier, die Franzosen waren die Standardkönige und sie hatten für ihren pragmatischen Umschaltansatz mit Antoine Griezmann und Kylian Mbappé zwei antrittsschnelle und dribbelstarke Spezialisten auf Weltklasseniveau an der Konterlinie. Da paarten sich die Frische, die Physis, das Talent und der Ehrgeiz einer jungen Auswahl mit der Ruhe, Gelassenheit, Erfahrung und Überzeugungskraft des Trainers Didier Deschamps.

Zufall verteilt Geschenke

Natürlich hätte man den neuen Weltmeister gerne spielerisch stärker erlebt. Was wäre passiert, wenn die emotional aufgeladenen Kroaten im Endspiel mal in Führung gegangen wären? Hätten die auf Zweckmäßigkeit getrimmten Franzosen dann auch ihren eigenen Ballbesitz aktivieren und einen massierten, engen, tief stehenden kroatischen Abwehrverbund mit Kombinationsspiel und Tempo auseinanderschrauben können? Das werden wir nie erfahren. Diesmal war es so, dass der Zufall Geschenke verteilt hat. Die Begünstigten waren die Franzosen, die, ohne aus dem Spiel heraus auch nur einen einzigen Torschuss abgegeben zu haben, zur Halbzeit mit 2:1 in Führung lagen.

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Der für die munter und strukturiert nach vorne orientierten Kroaten ebenso unglückliche wie ungünstige Spielverlauf hatte zu tun mit den beiden Torjägern Mario Mandzukic und Ivan Perisic. Dem Mittelstürmer unterlief das Eigentor zum 0:1. Der Linksaußen und 1:1-Torschütze produzierte den Handelfmeter, der zum 1:2 führte. Der Freistoß, der das Eigentor einleitete, war umstritten. Die Elfmeter-Entscheidung war umstritten. Keine Schiri-Skandale. In Echtzeit zwei typische 50:50-Situationen. Zweimal ausgelegt zu Ungunsten der Kroaten. Die geduldig auf ihre Chancen wartende Equipe hatte in dieser Phase das Glück auf ihrer Seite. Das 3:1 war danach ebenso schön und zwingend herausgespielt wie das 4:1. Nach der Pause fanden die Kontergrößen Griezmann und Mbappé eben genau die offenen Räume, die sie für ihre Geschwindigkeitsaktionen in die Tiefe benötigen.

"Französischer Catenaccio"

Medienvertreter haben spöttisch vom „französischen Catenaccio“ geschrieben. Helenio Herrero gilt als Erfinder des Catenaccio; der argentinische Trainer feierte mit Inter Mailand zwischen 1960 und 1968 große Erfolge mit dieser ultradefensiven Spielweise. Deschamps, der einige Jahre für Juventus Turin gespielt hat, würde in Italien gefeiert für diese Abwehrkunst und für seine taktische Cleverness. Zur Wahrheit gehört aber auch: Als die Franzosen im Achtelfinale gegen Argentinien in der 48. Minute 1:2 in Rückstand gerieten, da drehten Benjamin Pavard und zweimal Mbappé das Ergebnis binnen 20 Minuten auf ein 4:2 (Endstand: 4:3). Die Phantasie erlaubt die Vorstellung, dass die Franzosen in dieser Besetzung einen Gegner auch ausspielen und/oder überrollen könnten.

Doch ein Turnier folgt anderen Gesetzen. Wenn das ein Trainer bei der WM 2018 verinnerlicht hatte, dann war das Didier Deschamps. Der stellte mit Olivier Giroud einen langen Arbeits-Mittelstürmer auf, der nicht ein einziges Mal zum Torabschluss kam. Als Deschamps 1998 im eigenen Land als Kapitän der Equipe Weltmeister wurde, da war das nicht anders: Auch damals schoss der laufstarke Mittelstürmer Stephane Guivarc´h in der top besetzten Mannschaft von Trainer Aimé Jacquet im gesamten Turnier nicht ein einziges Tor. Die Abwehrkünstler Laurent Blanc und Marcel Desailly sowie die Mittelfeld-Arbeiter und -Strategen Didier Deschamps und Christian Karembeu machten das Zentrum dicht. Zinedine Zidane und Youri Djorkaeff sorgten für die Torgefahr. Deschamps hat von seinem Lehrer Jacquet offenbar sehr viel gelernt.

Würdiger Weltmeister

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Die Franzosen sind auch ohne spielerische Höhepunkte ein würdiger Weltmeister. Laufstärke, defensive Stabilität, eine taktisch konsequent durchgezogene Spielidee mit Konterraketen in der vordersten Reihe, oben drauf Zusammenhalt und Erfolgsmentalität. Das ist Qualität. Deschamps ließ ein dribbelstarkes Riesentalent wie Ousmane Dembélé (FC Barcelona) meistens auf der Bank. Topstürmer wie Karim Benzema (Real Madrid), Alexandre Lacazette (FC Arsenal), Anthony Martial (Manchester United) und Kingsley Coman (FC Bayern) schafften es nicht einmal in den WM-Kader. Der französische Fußball ist in diesem Moment auch in der qualitativen Breite das Dach der Welt.