Rehberg: Kruse in der Krise

Max Kruse. Foto: dpa

Jeder Mensch hat seine Leidenschaften und Schwächen, auch Max Kruse. Der Profi des VfL Wolfsburg hat nach öffentlich gewordenen Fehltritten das Medien-Theater am Hals. Doch...

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. Max Kruse. Der VfL Wolfsburg hat vor ein paar Monaten sehr viel Geld vom Konto abgehoben für diesen begnadeten Fußballer. Manager Klaus Allofs hat gewusst, dass es sich da nicht nur um einen leidenschaftlichen, sondern auch um einen sehr ambitionierten Pokerspieler handelt. Immerhin hat sich der 28-Jährige 2014 für die „World Series of Poker“ in Las Vegas qualifiziert und im Event „2-7 Draw Lowball (No Limit)“ den dritten Platz belegt unter 241 Teilnehmern.

Was ihm ein nettes Preisgeld von 36.000 Dollar einbrachte. 2015 war der Fußballprofi bei den „World Series“ erneut am Start. Diesmal in der Kategorie „Pot Limit Omaha Championschip“. Ergebnis: Platz 26 unter 387 Teilnehmern, 23.500 Dollar Preisgeld. Beachtlich für einen nicht professionellen Pokerspieler. Das zeugt von Trainingsfleiß und Talent.

Vielleicht hätte Wolfsburg Fürsorgepflicht wahrnehmen müssen

Nun hätte Allofs dem jungen Mann ja in den hoch dotierten VfL-Vertrag schreiben lassen können, dass sich dieses zeitaufwendige und zumeist in langen Nächten ausgeübte Hobby nicht verträgt mit den Anforderungen, die an einen Fußballprofi gestellt werden. Nach dem Motto: Viele Stunden am Pokertisch, das ist nicht gut für deine körperliche und mentale Fitness - darüber hinaus kommt es in der Öffentlichkeit nicht gut an, wenn da immer mal wieder von gewonnenen oder verzockten Geldbündeln die Rede ist. Vielleicht hätte der Klub da sogar eine Fürsorgepflicht wahrnehmen müssen, um den Spieler vor einer eventuellen Spielsucht zu bewahren. Mittlerweile kennen wir einige Beispiele von Fußballern, die ob dieser Krankheit einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens in Spielautomaten gesteckt, an Spieltischen oder in Wettbüros verloren haben.

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Nun ist bekannt geworden, dass Max Kruse Anzeige erstattet hat, weil ihm in den frühen Morgenstunden in einem Taxi 75.000 Euro abhanden gekommen sind. Es soll sich um Poker-Kohle handeln. Das Kartenglück muss es mit dem jungen Mann gut gemeint haben in jener Nacht. Wahrscheinlich wäre es schlauer gewesen, den Gewinn als Verlust abzuschreiben, statt zur Polizei zu rennen. Der Profi, der beim VfL vier bis fünf Millionen Euro verdient pro Jahr, hätte sich das finanziell leisten können. Nun hat Kruse das Medien-Theater am Hals. Mit der Folge, dass ihn Jogi Löw aus der Nationalmannschaft eliminiert hat. Da dürfte das Gerangel um Partyfotos auf Kruses Geburtstagsfeier am 19. März eher eine untergeordnete Rolle gespielt haben.

Hoch begabter Spätentwickler

Der stromlinienförmige Profi ist Max Kruse nicht. War er noch nie. 2007 lieferte er als 19-Jähriger im Trikot von Weder Bremen bei seinem Bundesligadebüt eine Torvorlage ab bei einem 8:1-Heimsieg gegen Arminia Bielefeld. Danach blieb er in der Zweiten Mannschaft hängen. Erst drei Jahre später schoss er in einer Bundesligasaison mal für den FC St. Pauli zwei Tore. Und erst fünf Jahre später war er in der Bundesliga so richtig angekommen, mit elf Saisontoren für den SC Freiburg. Ein Spätentwickler. Hoch begabt. Aber nicht überragend ehrgeizig. Weder im Training, noch im Wettkampf. Bei Borussia Mönchengladbach schien Kruse dann endgültig die Kurve bekommen zu haben: 11 Tore/9 Vorlagen und 12 Tore/11 Vorlagen in zwei Spielzeiten.

Das brachte ihm den Topvertrag beim VfL Wolfsburg ein. Dort steht er jetzt bei sechs Toren und sieben Vorlagen. Auch nicht schlecht für einen Offensivspieler, der kein klassischer Torjäger ist, sondern eher ein technisch geschickter Einfädler, der sich zwischen den Angriffslinien herumtreibt und ab und zu selbst zum Abschluss kommt. In der Nationalmannschaft ist der zum Phlegma neigende Könner keine große Nummer mit seinen 14 Einsätzen und vier Toren. Löw fällt es leicht, auf diesen Ergänzungsspieler zu verzichten. Als schwimmender Mittelstürmer ist Mario Götze die Nummer eins, als Strafraumstürmer hat sich in der Türkei Mario Gomez wieder weit nach vorne gearbeitet. Und in der offensiven Dreierreihe setzt der Bundestrainer auf Thomas Müller, Mesut Özil, Marco Reus, André Schürrle, Lukas Podolski, Julian Draxler, Karim Bellaraby, Kevin Volland oder auch Mario Götze – und dann schiebt sich der torgefährliche Dribbler Leroy Sané immer mehr in den Vordergrund. Die Auswahl ist groß, da gibt es Routiniers und Talente, die Profile sind unterschiedlich.

Da braucht es im DFB-Team nicht zwingend einen 28 Jahre alten Max Kruse. Unabhängig davon, ob er in seinem Beruf als Fußballer ein angemessenes Freizeitverhalten an den Tag legt oder eben nicht. Vorbild für die Jugend? Muss er nicht sein. Jeder Mensch hat seine Leidenschaften und Schwächen, das gilt auch für Profis. Und es nutzt sich auch ab, wenn man von den Musterprofis Wochenende für Wochenende zu hören bekommt: „Wir haben das gut gemacht. Und ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte.“ Wenn Kruse nicht der Spielsucht verfallen ist (wenn doch, dann braucht er psychotherapeutische Hilfe), sollte ihm der Klub entweder klare Vorgaben ins Buch schreiben oder ihn machen lassen. Der Klassekicker und Millionär Max Kruse kann auch ohne Nationalmannschaft glücklich werden. Ein fachlich oder moralisch motivierter Aufschrei ist in dieser Sache nicht nötig.