Rehberg: Kovac und die Bayern-Krise

Niko Kovac. Foto: dpa

Der FC Bayern München in der Krise. Was ist passiert beim Rekordmeister?

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. Die Bayern-Krise. Die aktuelle Erfolglosigkeit des Deutschen Meisters ist am Sonntag auf diversen TV-Kanälen rauf und runter diskutiert worden. Selbst der frühere Mainzer Trainer Martin Schmidt ist in der abendlichen Plaudersendung bei Sky aufgefordert worden, seine Sichtweise zum vermeintlichen Verfall des Branchengiganten kundzutun. Der Schweizer war nicht gut beraten, schreibende Journalisten pauschal an die Wand zu stellen, im nächsten Atemzug aber Tipps zu geben, wie ein Trainer mit List und Tücke Medienschaffende hinters Licht führen kann. Ein merkwürdiger Auftritt.

Was ist passiert beim FCB? Das Starteam hat drei Bundesligaspiele hintereinander nicht gewonnen, zwei davon hintereinander verloren verloren und in der Champions League zu Hause nur ein Remis geschafft. Uli Hoeneß hat nach dem 0:3 gegen Borussia Mönchengladbach das Rotationsprinzip von Niko Kovac in Frage gestellt. Am Tag darauf beteuerte der Aufsichtsratschef, er werde den Trainer verteidigen bis aufs Blut. Feuer machen und dann versuchen, die Flammen schnell wieder auszutreten, auch nicht klug.

Fasst man die Meinungen von vielen TV-Experten und arbeitslosen Trainern zusammen, dann schälen sich zwei Problemfelder heraus: Die Mannschaft sei zu alt – und die Führung habe es versäumt, im Sommer mehr hochkarätige Neuzugänge anzuheuern. Als Beispiel wurde mehrfach genannt: Statt der nötigen vier Außenverteidiger habe Kovac nur drei. Letzteres stimmt. Aber zwei der drei erfolglosen Spiele haben die Bayern bestritten mit ihrer Galabesetzung: Joshua Kimmich und David Alaba. Und als Alaba gegen Gladbach angeschlagen ausscheiden musste und tatsächlich kein gelernter äußerer Defensivmann mehr zur Verfügung stand (Rafinha ist verletzt), da lautete das Zwischenergebnis bereits 0:2. Am fehlenden vierten Außenverteidiger lässt sich die Krise sicher nicht festmachen.

Zu alt? Mag sein. Möglich, dass die Bosse demnächst zu dem Urteil kommen, man hätte die Verträge der Altstars Franck Ribéry und Arjen Robben nicht verlängern sollen. Hätte man mit einer deutlich verjüngten Mannschaft einen holprigen Saisonstart erlebt, dann würde man jetzt den Vorwurf hören: Ribéry und Robben waren doch noch in Form, man hätte sie für eine Übergangszeit noch halten sollen... Hätten die Bosse den beiden Routiniers und den jüngeren Kingsley Coman (verletzt) und Serge Gnabry im Sommer noch einen oder zwei weitere hochkarätige Flügelstürmer zur Seite gestellt, dann würden jetzt regelmäßig drei oder vier namhafte Seitenliniendribbler auf der Bank oder gar auf der Tribüne sitzen. Noch mehr Konfliktstoff. Unabhängig von der Frage, welcher sündhaft teure und international bewährte Außenstürmer überhaupt Lust gehabt hätte, sich Woche für Woche mit den Ikonen Ribéry und Robben sowie mit den Toptalenten Coman und Gnabry zu duellieren.

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Nun hatten die Bayern ihre ersten neun Pflichtspiele nahezu mühelos gewonnen. Mit einer klar erkennbaren Spielanlage: Pressing und Gegenpressing (mal mehr, mal weniger intensiv), Ballbesitzqualität und Flügelspiel. Kovac rotierte von Anfang an. Schalke-Manager Christian Heidel konnte sich vorstellen, dass der Serienmeister womöglich nicht ein einziges Ligaspiel verliert. Wahrscheinlich ist dem Serienmeister der Start zu einfach von der Hand gegangen.

Vielleicht haben sich Nachlässigkeiten und ein Anflug von Überheblichkeit eingenistet. Dann rollte die Maschinerie nicht mehr wie frisch geölt, die gewohnten Erfolge blieben aus. Und plötzlich reagiert eine Weltklassemannschaft nicht anders wie ein Mittelklasseteam: Das Selbstvertrauen gerät ins Wanken, Verunsicherung breitet sich aus, negatives Denken greift um sich, die Erfolgszuversicht sinkt, das Gemeinschaftsgefühl geht flöten, unzufriedene Ersatzspieler beginnen zu meckern, verletzte Spieler müssen als Alibis herhalten, der (neue und noch nicht renommierte) Trainer wird intern und in der Öffentlichkeit hinterfragt, die Spielweise wird ein Thema, die ambitionierten Ziele erscheinen nicht mehr erreichbar, Klubverantwortliche melden sich mit interpretationsfähigen Aussagen, die Stimmung geht in den Keller.

Und diese für jeden Klub komplizierte Situation ist mit Profis und Ich-AGs, die national und international alles, tatsächlich alles in ihrer Karriere gewonnen haben und die sich im Herbst bis Winter ihres Sportlerlebens befinden, noch schwerer zu meistern als mit „Normalo-Spielern“. Das dürfte schon der Weltmann Pep Guardiola erkannt haben nach seiner dreijährigen Amtszeit in München. Und auch dessen Nachfolger Carlo Ancelotti hatte damit schon seine Probleme. Der unantastbare Jupp Heynckes hat noch einen Titel herausgekitzelt. Der weit weniger erfahrene Niko Kovac muss die Abenddämmerung moderieren – und in einer schwierigen Situation die sportliche Wende schaffen. Das kann funktionieren. Oder auch nicht.