Rehberg: Kommunikativer Totalschaden bei Werder Bremen

Werder Bremens Interimstrainer Florian Kohfeldt (links) und Werder Bremens Geschäftsführer Sport, Frank Baumann, sitzen bei einer Pressekonferenz zusammen. Foto: dpa

Frank Baumann hätte so viel erzählen können bei der Verkündung, dass Florian Kohfeldt - zumindest bis zur Winterpause – Cheftrainer des SV Werder Bremen bleibt. Aber...

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. Frank Baumann hätte so viel erzählen können bei der Verkündung, dass Florian Kohfeldt - zumindest bis zur Winterpause – Cheftrainer des SV Werder Bremen bleibt. Aber nicht das. Der Sportdirektor wollte offensichtlich sehr authentisch und sehr ehrlich sein auf dieser Werder-Pressekonferenz. Also erzählte er am Mikrofon mit leiser Stimme, dass die Kandidatenliste für eine mögliche andere Lösung sehr lang war, dass die Suche bis nach Südamerika geführt habe, dass es bessere Trainer für die schwierige Situation der Bremer gegeben habe – aber leider auch entsprechende Absagen.

Nach diesem Vortrag noch mal die Kurve zu bekommen, dass Kohfeldt nun bis Weihnachten das volle Vertrauen der Verantwortlichen genieße, dass der junge Mann in seinen zwei Wochen im Amt alle Erwartungen erfüllt habe, das war schwierig. Fast unmöglich.

Hätte Baumann gesagt, Kohfeldt war immer unsere Nummer eins, wir trauen ihm diesen Abstiegskampf in vollem Umfang zu, aber wir haben uns dennoch mal ein wenig umgeschaut und umgehört auf dem Trainermarkt und genau das hat uns in der Überzeugung bestätigt, dass der 35-Jährige aus der U23 genau der Richtige ist, dann hätte der Sportdirektor eine ganz andere Atmosphäre geschaffen. Absagen von „besseren Trainern“, das war die unglücklichste Formulierung, die Baumann wählen konnte. Der ehrenwerte Versuch, ehrlich rüberzukommen, hat der Sache überhaupt nicht gedient. Im Gegenteil.

Zum Erfolg verdammt

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Kohfeldt steht ab sofort unter einem enormen Druck. Das gilt auch für Baumann. Das sportlich verantwortliche Duo ist zum Erfolg verdammt. Scheitert der Trainer, dann steht auch der Sportdirektor in der Kritik. Baumann müsste sich dann vorwerfen lassen, dass er nicht um eine bessere Lösung gerungen hat. Wenn er der Meinung war, dass die Mannschaft - die in dieser Saison nach elf Spieltagen noch keine Partie gewonnen hat -, jetzt einen Anführer mit Erfahrung, Charisma und einer erfolgreichen Vorgeschichte benötigt, dann hätte er dieses Profil verpflichten müssen. Die Werder-Ikone Thomas Schaaf oder auch Bruno Labbadia, beide arbeitslos, hätten dem Klub sicher keine Absage erteilt.

Sollte Baumann die kurze Trainersuche aber nur als Alibi eingesetzt haben, um Kohfeldt als alternativlos darstellen zu können, dann war die Aktion ein Eigentor. Denn ein 35-Jähriger, der nie Profifußballer war, der bislang in der Dritten Liga gearbeitet und sein erstes Bundesligaspiel in Frankfurt mit 1:2 verloren hat, der braucht die totale Unterstützung. Den muss der Klub in der Außendarstellung stark machen. Das hat Baumann verpasst. Die für diese Situation „besseren Trainer“ haben abgesagt. Damit steht Kohfeldt da als Notlösung – und der Klub gibt zu, dass er nicht mehr interessant ist für „bessere“ Fußballlehrer. Das ist ein kommunikativer Totalschaden.

Situation in Bremen wirkt verfahren

Baumann war ein erfolgreicher Bremer Fußballprofi, er hat Titel gewonnen, er war Nationalspieler und DFB-Kadermitglied bei einer WM (2002) und EM (2004), er hat einen Abschluss als Sozialversicherungsfachmann und als Sportfachwirt, er war Assistent des erfolgreichen Managers Klaus Allofs, er war Leiter der Scoutingabteilung, er war Direktor Profifußball und Scouting. Ein geeigneteres Profil für einen breitgefächert fachkundigen Sportdirektor gibt es eher selten. Der Frontmann für eine argumentativ überzeugende und/oder emotionalisierende Medienarbeit ist der bedächtige, immer wieder unsicher wirkende 42-Jährige nicht. Baumann fühlt sich vor Mikrofonen, vor TV-Kameras, in Pressekonferenzen nicht wohl. Das spürt man. Das ist fast schon ein Ausschlussfaktor in diesem öffentlichkeitswirksamen Geschäft. In dem nahezu jeder interpretationsfähige Satz ein Mediengewitter auslösen kann. Mit manchmal weitreichenden Folgen.

Der Weg, qualifizierte Trainer auf dem eigenen Hof auszubilden und ihnen dann an Entscheidungstagen das ganz große Vertrauen zu schenken, ist ein intelligenter Weg. Nur klappt das in Bremen nicht nachhaltig. Schaaf war ein Volltreffer. Viktor Skripnik nicht, er stolperte (auch) über seine holprigen Auftritte in der Öffentlichkeit. Alexander Nouri bewahrte den Klub mit einer furiosen Rückrunde vor dem Abstieg, danach ging nicht mehr viel. Skripnik und Nouri hat Werder noch auf der Gehaltsliste. Auch deswegen vermied es Baumann nun, Kohfeldt einen tatsächlich Vertrauen dokumentierenden längerfristigen Vertrag zu geben. Irgendwann eventuell drei ehemalige U23-/Cheftrainer bezahlen und dann im Januar vielleicht doch noch einen teuren Retter im Abstiegskampf verpflichten zu müssen, das kann sich der Weserklub nicht leisten. Die Situation in Bremen wirkt verfahren.