Rehberg: Klopps Weg zum Liverpool-Wunder

Jürgen Klopp (Mitte) feiert mit Mohamed Salah (links) und Virgil van Dijk. Foto: dpa

4:0. Ein grandioser Abend für den FC Liverpool. Die Gründe für das Champions-League-Wunder gegen den FC Barcelona und der große Anteil von Trainer Jürgen Klopp daran -...

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. Jetzt brauche Jürgen Klopp ein Wunder, titelten mehrere Zeitungen nach dem Hinspiel-0:3 des FC Liverpool beim FC Barcelona. Champions League. Halbfinale. Auf diesem Niveau holt keine Mannschaft gegen eine Weltklasse-Elf einen 3-Tore-Rückstand auf. Dachte man. Dann kam dieser Abend an der Anfield Road. 4:0 für die „Reds“. Die auf ihren Toptorjäger Mohamed Salah und auf Mittelstürmer Roberto Firminho verzichten mussten. Ein Wunder? Nein, das war es nicht. Dieses besondere Ereignis in einer phantastischen Atmosphäre hatte eine Logik.

Der Spielverlauf. Da regierte das Prinzip der Wechselwirkung: Je mehr sich der FC Liverpool in den Glauben hineinsteigerte, dass tatsächlich noch die Tür zum Finale aufgehen kann, desto wankelmütiger, anfälliger, unsicherer wurde der FC Barcelona. Jedes Gegentor hat die Barca-Stars getroffen wie ein Kanonenschlag. Die endlos erfahrenen Spieler haben das Unwetter kommen gesehen. Schon die ersten dunklen Wolken nach dem frühen 0:1, man konnte das am Gesicht des konsternierten Lionel Messi ablesen, haben bei Barca die Gedanken aufleben lassen an das Vorjahr.

April 2018. Viertelfinale gegen die AS Rom. 4:1 im Camp Nou. 0:3 im Stadio Olimpico: 0:1 Dzeko (6.), 0:2 Di Rossi (58.), 0:3 Manolas (82.). Das Aus für Barca. Nach einem ähnlichen Spielverlauf wie diesmal an der Anfield Road. Mit einem Unterschied: In Rom wollte Barca den großen Vorsprung lässig verwalten - in Liverpool vergeigte das aktive Barca eine Handvoll prächtiger Torchancen. Oder von der anderen Seite betrachtet: Der überragende FC-Keeper Alisson Becker rettete seiner Mannschaft das "Zu Null".

Die Grundlage für die mentale und emotionale Standfestigkeit des personell stark geschwächten FC Liverpool war die Vorbereitungsarbeit von Jürgen Klopp. Der Motivationsmeister hat das menschliche Gespür und das psychologische Wissen dafür, was Spieler in ganz bestimmten Situationen brauchen. Klopp hat seinen Spielern das Mögliche im eigentlich Unmöglichen aufgezeigt, er hat ihnen skizziert, dass man an die noch so kleine Chance glauben darf, dass man einer Chance binnen langer 90 Minuten aber auch erst mal schrittweise eine Chance geben muss. Er vermittelte seinen Spielern, dass man theoretisch in 30 Minuten acht Tore schießen kann, was den Spielern das positive Gefühl vermittelte, dass es vielleicht gar keiner Heldentat bedarf, in 90 Minuten vier Tore zu schießen.

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Klopp setzte nicht auf ein Überfall-Spektakel, er setzte auf Zähigkeit, auf Unermüdlichkeit, auf Konstanz im wuchtigen Pressing und Nachvornedrang. Er setzte auf den Glauben an eine immer mögliche hohe Abschlusseffizienz - an einem ganz besonderen Abend mit einer ganz besonderen Eigendynamik und mit ganz besonderen Schlüsselmomenten.

Laufstärke, Kampfkraft, eine unbändige Willenskraft, wachsende Überzeugung, klare spielerische und taktische Prinzipien gepaart mit der außergewöhnlichen Stadion-Energie an der Anfield Road. Diese Mischung hat die Nicht-Stammstürmer Divock Origi und Xherdan Shaqiri über sich hinauswachsen lassen. Das gilt auch für den in der Liga nicht immer sicheren Innenverteidiger Joel Matip und für den grandiosen Einwechselspieler Georginio Wijnaldum. Das Liverpool-Team hat seine Grenzen gesprengt in dieser Anfield-Nacht. Und Lionel Messi hat ausnahmsweise mal nicht getroffen. In der Schlussphase resignierte der beste Fußballer auf diesem Erdball.