Rehberg: Kloppo zerlegt mit seinen "Reds" Manchester City in...

Jürgen Klopp (Mitte), Trainer des FC Liverpool, jubelt nach dem Spiel mit Virgil van Dijk. Foto: Peter dpa

Als Mainzer hatte man Spaß an diesen Europapokal-Tagen. Wer jemals einer Mannschaft ein Motivationsvideo zeigen will, der muss nur zehn Minuten zusammenschneiden aus der ersten...

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. Als Mainzer hatte man Spaß an diesen Europapokal-Tagen. Wer jemals einer Mannschaft ein Motivationsvideo zeigen will, der muss nur zehn Minuten zusammenschneiden aus der ersten Halbzeit des Viertelfinal-Hinspiels in der Champions League zwischen dem FC Liverpool und Manchester City. Jürgen Klopp hat mit seinen „Reds“ einen der Titelfavoriten überrannt, in sämtliche Einzelteile zerlegt. Der einstige 05-Kultcoach hat in Liverpool eine Mannschaft geformt, die noch wuchtiger daherkommt als Borussia Dortmund bei seinen beiden Deutschen Meisterschaften unter Klopp.

Und wer wissen will, was eine wilde, eine jeden Spieler permanent nach vorne treibende Stadion-Atmosphäre ausmacht, der kann das an der Anfield Road erleben. Dort wird jeder gewonnene Zweikampf, jede brachiale Abwehraktion, jeder erzwungene Eckball, jeder Vollsprint über 50 Meter befeuert wie ein Pokalsieg. Die 100.000-Volt-Energie der Klopp-Elf überträgt sich auf die Ränge – und umgekehrt.

Was ManCity in Liverpool passiert ist, das lässt sich auch aufzeigen an Loris Karius. Als Mainzer war man daran interessiert, ob der ehemalige 05-Keeper den Sprung geschafft hat in die internationale Klasse. Antwort: Keine Ahnung. Wir wissen jetzt, dass sich der unter Stephan Kuhnert stark gewordene Torhüter noch immer eine nette Damen-Frisur basteln kann – zu halten bekam Karius an diesem denkwürdigen Abend: Nichts! Pep Guardiolas Starensemble wurde aufgefressen, im sportlichen Sinne vernichtet. 0:3 nach 31 Minuten. Keine ernsthafte Torchance für den überlegenen Tabellenführer in der Premier League nach 90 Minuten. Die erste Halbzeit seines Teams, sagte Klopp später, sei „nahe an der Perfektion“ gewesen.

Laufbereitschaft, fanatisches Pressing und Gegenpressing, Überzahl in den Defensivstellungen an den Flügeln, Hochgeschwindigkeit in den Umschaltzügen, Willen und Zielstrebigkeit haben die individuelle Sonderklasse sowie die systematische Passkunst von ManCity zertrümmert. Nie zuvor hat man eine hilflosere Guardiola-Elf gesehen. Die zaghaften deutschen Nationalspieler Gündogan und Sane gingen unter. Belgien-Star De Bryune, von Jupp Heynckes geadelt als der beste offensive Mittelfeldspieler Europas, lief umher wie ein Schulbub, der in der Großstadt die Orientierung verloren hat. Der brasilianische Mittelstürmer mit dem verheißungsvollen Namen Jesus zerschellte an der Liverpooler Abwehrleidenschaft. Guardiolas Defensivzentrum mit Fernandinho, Otamendi und Kompany hatte keine Mittel gegen die bedingungslose Tempobolzerei von Klopps jungen Außenverteidigern Alexander-Arnold und Robertson und vor allem von den Angriffsraketen Salah, Firminho und Mané. Erstaunlich.

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In dieser Form ist der FC Liverpool in der Lage, an der Anfield Road jede europäische Spitzenmannschaft an die Wand zu stellen. Auch der FC Bayern wird sich ein mögliches Halbfinale gegen die „Reds“ nicht unbedingt wünschen.

Der 2:1-Sieg der Heynckes-Elf beim FC Sevilla wird auch schöne Erinnerungen hervorgerufen bei vielen Mainzern. 2006 hatten die 05er unter Klopp in der ersten Europapokalsaison in der Geschichte des Bruchwegklubs in Sevilla ein 0:0 erkämpft.

Von den damaligen Akteuren ist Jesus Navas übriggeblieben, der die Bayern in den ersten 45 Minuten am rechten Flügel durchaus unter Druck setzte. 2006 war Navas ein 19-jähriger Jungspund, der gemeinsam mit dem späteren Barcelona-Star Dani Alves (heute Paris St. Germain) an der der Seitenlinie rauf und runter sprintete. Damals hatte Dimo Wache einen großen Tag im Kasten der Mainzer. In seiner Zeit bei ManCity schaffte Navas später nur bedingt den Durchbruch.

Die Bayern waren in Sevilla nach einer schwächeren ersten Halbzeit in den zweiten 45 Minuten hoch überlegen. Das Rückspiel sollte den FCB ins Halbfinale führen. Johannes Geis kam beim andalusischen Gegner nicht zum Einsatz. Der Ex-05-Profi, von Schalke-Manager Christian Heidel ausgeliehen an den FC Sevilla, muss es schon als Erfolg werten, dass er auf der Bank saß. Wenn Geis mal spielt in der Liga, dann steht er meistens in der Innenverteidigung. Die Geschwindigkeitsdefizite des technisch guten Mittelfeldspielers lassen sich auf hohem Niveau nicht übertünchen. Prinzipiell wäre Geis heute mit seiner Klasse bei Mainz 05 ein Führungsspieler. Doch eine mögliche Rückkehr würde sicher scheitern an den Gehaltsvorstellungen. Wo wird der Mann des präzisen Diagonalpasses also landen? Wahrscheinlich beim fürstlich zahlenden VfL Wolfsburg. Wenn der Werksklub in der Bundesliga bleibt.